# 857 by
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Hilmar Alquiros,
Philippines
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Hilmar Alquiros
Eine erotisch-mythische Schnitzeljagd. II 2026 |
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Montag. Das Portal des Schwellenhüters.
Das geheimnisvolle Päckchen liegt vor der Tür, klein, unscheinbar, als hätte es sich verirrt. Kein Absender, mein Name korrekt vermerkt. Ich nehme es mit hinein, dann lasse ich es einen Moment auf dem Tisch liegen. Neugierde ohne Hast. Ich lasse mich in meinen Gaming-Chair fallen. Die LED-Leisten an meiner Porsche-Hardware glühen paradox in kühlem Blau, das sich in meinen großen Pupillen spiegelt. Vor mir auf dem Desk liegt es nun – ein noch unbekannter Eindringling in meinem digitalen Reich. Es riecht nach einer Welt jenseits der Schaltkreise. Aha, es enthält einen kleinen Zettel und einen USB-Stick! Ich greife nach dem Zettel. Meine Finger zittern leicht. Ich lese die zwei Zeilen mehrfach:
Es hilft dir, Zutritt zu erreichen –
Als ich den silbernen Stick aus der Verpackung schäle und ihn in den Port schiebe, spüre ich ein Kribbeln, das kein VR-Headset jemals erzeugen konnte. Dann erscheint SIE auf meinem zentralen 4K-Monitor. Sie ist überirdisch schön, eine Erscheinung aus Leib und Geist, die sich mit einer klugen Grazie durch einen sonnendurchfluteten Garten bewegt. Sie trägt kaum mehr als einen Hauch von Nichts, doch ihre Aura ist die einer Königin. Ihre Schönheit wirkt nicht aufgesetzt, eher selbstverständlich. Sie schreitet auf eine massive Eichentür zu, dreht den schweren Schlüssel und das Geräusch des einrastenden Riegels hallt in meinem Zimmer wider wie ein Urteil. Sie blickt nun zu mir: ruhig, frontal, kein Lächeln, kein Zögern, als hätte sie nichts mit mir zu tun und gerade deshalb alles. Still endet der Clip. Ich atme aus, merke erst jetzt, dass ich die Luft angehalten habe. Jetzt erst öffne ich die Programme: Wörter. Bedeutungen. Felder. „Okay, du willst spielen“, murmle ich. Meine Finger fliegen über die mechanische Tastatur. Ich füttere meine KI-Schnittstellen mit den Parametern. Vier Buchstaben. Mechanik. Maskulinität. Mein System rattert, spuckt Code-Tabellen und historische Schloss-Analysen aus. Begriffe wie CODE, LOCK, KERN flimmern über meine Retina. Ich spüre, dass hinter dieser digitalen Barriere eine Seele wartet, die mich herausfordert. Zutritt: Tor, Schlüssel, Pass, Eintritt, Schwelle. Zeichen der Männlichkeit: Rang, Status, Ritual, Körper. Nichts greift ineinander. Ich stehe auf, gehe ein paar Schritte. Mein Körper ist wach, ohne Ziel. Keine eindeutige Erregung, eher ein gespannter Zustand, als würde etwas in mir auf Anschluss warten. Zutritt – zu ihr? Zeichen – nicht offensichtlich. Die KI liefert nur Datenmüll. Sie findet keine Schnittmenge zwischen einem Zutritt und einem Zeichen der Maskulinität. Ich starre auf Sie, wie sie fast spöttisch die Hand auf das kühle Holz der Tür legt. In mir zieht sich alles zusammen. Ich schließe die Augen, blende die blinkenden Fehlermeldungen meiner Software aus und sehe nur noch ihr Bild vor meinem inneren Auge. Ich sehe mich selbst vor einer Tür stehen, alt, schwer, aus Holz. Ein uraltes Türschloss ohne Code. Kein logischer Gedanke, eher ein Einrasten: zwei Bedeutungsfelder fallen zusammen, ohne dass ich sie zwingen könnte. Plötzlich macht es Klick – nicht in der Software, sondern in meiner Intuition. BART! Der Bart des Schlüssels. Der Bart des Mannes. Die Schnittmenge leuchtet in meinem Kopf auf. Ich wähle die Nummer auf dem Display. Meine Stimme bemüht sich um nüchterne Ruhe. „Bart“, sage ich. Meine Stimme klingt seltsam rau. Einen Moment lang Stille. „Richtig.“ Nicht mehr. Sie steht jetzt. Trägt ein weites Hemd. Es deutet mehr an, als es zeigt, und genau das wirkt. Kein Versprechen, nur Nähe. Das Bild bricht ab. Ich lehne mich zurück. Kein Triumph, kein Jubel, nur das sichere Gefühl, dass eine bedeutsame Tür existiert – und dass ich sie heute zum ersten Mal berührt habe
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Dienstag. Das Maß der Sehnsucht.
Dienstagabend. Der Stress des Tages fällt von mir ab, sobald ich diesen winzigen Stick der heutigen Lieferung zwischen den Fingern spüre. Ich schließe die Augen, atme tief durch und lasse mich in die matrixhafte Vorstellungswelt ziehen, die jene Unbekannte für mich erschaffen hat. Ich bin nicht mehr in meiner Festung. Ich sehe mich in einem Badezimmer, das einem Tempel aus Licht und fließendem Wasser gleicht. Sie wirkt so ungezwungen, als wäre ich gar nicht da – und doch ist da dieser eine Blick in die Linse, klug und wissend, der mich bis ins Mark erschüttert. Sie trägt schwere silberne Reifen an ihren Handgelenken. Mit einer fast aufreizenden Langsamkeit streift sie einen nach dem anderen ab. Das Metall klirrt leise auf dem Marmor. Sie entblößt ihre Unterarme, und die Natürlichkeit, mit der sie das Wasser in die Wanne einlaufen lässt, während ihr Seidengewand ein Stück weiter von der Schulter gleitet, erweckt Regungen, welche sich auf unerfahrenem Terrain steigern möchten. Ein neuer Zettel:
Ein Wegemaß von altem Charme –
Ich lese langsamer als gestern, weil ich erkenne, dass hier jedes Wort Gewicht hat. Wegemaß. Alter Charme. „Was für ein Spiel spielst du mit mir?“, flüstere ich. Meine KI-Agenten laufen im Hintergrund: Alte Maßeinheiten, Metrologie, Anatomie des Skeletts. Die Maschine spuckt potentielle Lösungswörter aus: Fuss, Klafter, Rute, Radius, Ulna. Aber nichts passt zusammen. Die KI sucht nach einer mechanischen Entsprechung, während ich nach der Seele hinter der Entschleierung suche. Sie steht diesmal seitlich im Bild, das Licht weich, wie am späten Nachmittag. Um ihren Hals liegt eine schlichte Kette, dünn, silbern. Sie hebt die Hand, berührt sie kurz, als prüfe sie ihr Gewicht. Kein Blick zur Kamera. Dann ein Schnitt. Ich öffne die Werkzeuge. Alte Maße. Fuß. Schritt. Spanne. Elle. Listen, Tabellen, historische Bezüge. Die KI liefert zuverlässig, gründlich, zu gründlich. Fuss, Klafter, Rute, Radius, Ulna. Alles ist richtig – und alles bleibt nebeneinander liegen. Arm in Arm. Ich gehe vom Schreibtisch weg. Strecke meinen Arm aus, betrachte ihn, als sähe ich ihn zum ersten Mal. Neutral, als Teil eines Maßes, nicht als Teil von mir. Zwei Menschen könnten so nebeneinander stehen. Nicht verschränkt. Nicht festhaltend. Einfach parallel. Ein altes Maß. Ein Körperteil. Teilbar, ohne sich zu verlieren. Es fühlt sich plötzlich einfach an. In meinem Kopf schieben sich die Bedeutungskreise übereinander, bis sie deckungsgleich sind: nicht logisch abgeleitet, sondern gesehen. Elle als Längenmaß, Elle und Speiche. Ich drücke den Audiobutton. Sage das Wort, betont ohne Spannung, aber mein Puls rast. „Elle“, sage ich in die Leitung. Ich höre ein leises, fast unhörbares Seufzen am anderen Ende: „Richtig.“ Einen Moment später: „Morgen.“ Ich sehe, wie sie die Kette löst und langsam ablegt. Nicht langsam im Sinne von verführerisch, eher achtsam. Als würde sie etwas vorbereiten. Das Bild endet. Ich sitze still da. Mein Körper ist ennerviert, mein Kopf noch klar. Ich beginne zu verstehen, dass dieses Spiel nicht schneller werden will, sondern tiefer. Ich entdecke, dass die Lust am Rätsellösen beinahe so stark ist wie die Sehnsucht nach ihrer Schönheit.
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Mittwoch. Inmitten Erforschung und Erfüllung.
Das Päckchen liegt brav vor der Tür. Wie immer ohne Absender. Mein Name beinahe liebevoll gesetzt. Ich reiße ihn nicht sofort auf. Ich zelebriere den kleinen Zettel wie ein kostbares Stück Pergament:
Das Nördlichste in diesem Land –
Ok, Stick hinein! Nördlichste: klingt eindeutig – und ist es doch nie. Jedes Land hat mehrere Norden: politische, geografische, gefühlte, je nachdem, wen man fragt. Land: verengt und weitet zugleich, immerhin: ich lebe in Europas historischer Hauptresidenz Aachen – dieses Land ist Deutschland, Germany, Germanenland. Trick: bleibt wie ein Widerhaken im Satz hängen. Ich starte die gewohnten Werkzeuge. Die KI listet Orte: Leuchttürme, Inseln, Kaps, Rekorde. Skandinavien drängt sich auf, doch wird wieder unscharf. Mein Land? Ihres? Dieses! Ein Spiel mit falscher Selbstverständlichkeit. Ich schüttele den Kopf – weil ich mich wieder dabei ertappe, zu rechnen, statt zu verstehen. Ich führe den Stick nun behutsam ein. Sie ist draußen, Küstenwind bewegt ihr Haar. Kein Schmuck diesmal, ein hübscher nordischer Pullover. Sie sagt nichts. Sie sieht mich an, als wüsste sie genau, wie sehr sie mich bereits verzaubert. Dann dreht sie sich langsam, nicht kokett, eher prüfend, und geht ein paar wiegende Schritte. Kräftige Böen unter dem Wolkenhimmel. Sie schreitet weiter, gen Norden natürlich. Das Bild friert ein. Ich bleibe zurück mit einem leisen Ziehen im Gebälk. Nicht bloße Lust auf ein Abenteuer. Ein Gefühl, dass etwas Einfaches vor mir liegt, das ich gerade verkompliziere, angespannt, aber zielgerichtet. Jetzt erst öffne ich die Suchwindows: Listen mit „nördlichsten Orten“, Karten, Koordinaten. Die KI wirft Quantitäten aus, nicht ohne Widersprüche. Inseln tauchen auf, Halbinseln, Grenzpunkte. Nichts ist eindeutig. Alles hängt an Definitionen, statt einer Schnittmenge. Entfernte Assonanzen versuchen sich zu küssen im Zauberland der Synopse. Trick. Ein Trick ist nicht per se Betrug, häufig eine kluge List. Ein subtiler Kunstgriff. Ganz oben, am Rand, beinahe außerhalb, taucht immer wieder derselbe kleine Ort auf. Unspektakulär. So weit nördlich, dass er fast schon nicht mehr dazugehört. Etwas fügt sich. Ein tricky Ort, der am nördlichsten Rand liegt. Und ein Wort, das genau das bedeutet: eine feine Verschiebung, ein gedanklicher Kniff. Zwei Bedeutungsfelder, die sich berühren, ohne sich zu erklären. Ich lächle kurz, mehr über die Stimmigkeit als über mich. Wie oft hatte ich doch das pittoreske Café in List auf Sylt genossen! Ich wähle die Video-Verbindung zu ihr. Meine Stimme bemüht bemüht sich gar nicht mehr, Gefühle zu unterdrücken. „List.“ Schimmert da in der unverzüglichen Antwort ein Spur von Hoffen mit? „Richtig...“ Eine kurze Pause. „... bis morgen also.“ Ich sehe noch, wie sie den Pullover langsam über den Kopf zieht. Wie selbstverständlich im Gewölbe ihrer Weiblichkeit. Ende. Ich sitze da und spüre zum ersten Mal deutlich, dass mein Verlangen präziser wird und dass das Spiel längst nicht mehr nur im Kopf stattfindet. Magnetische Zielkraft formt ihren Weg und meinen Sinn.
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Donnerstag. Das Fenster zur Seele.
Das Päckchen liegt diesmal nicht vor der Tür. Es steckt im Briefkasten, zwischen Rechnungen und Werbung, als wolle es sich tarnen. Ich erkenne es trotzdem sofort – der kleine Umschlag: mein Name, der Stick, die Rätselbotschaft. Ich sinke ein in meine digitale Powerwelt, das leise Summen der Wasserkühlung untermalt die Dunkelheit. Daten laden, eine Grenze überschreiten. Ich tauche ein in ihren Zauber, heute in einem gläsernen Wintergarten. Das Licht bricht sich in Millionen Prismen. Inmitten exotischer Farne trägt sie, der Inbegriff wohlgeformter Weiblichkeit, nur ein knappes, weißes Hemd, vorn leicht augeknöpft, während sie sich über ein Becken mit Lotusblüten beugt. Die Kamera zoomt so nah an ihr Antlitz, dass ich jede Nuance ihrer faszinierenden Züge sehe. So jung und morgenschön! Ihre Augen bannen mich – klug, fordernd, ein Kaleidoskop aus Wahrheiten.
Der Göttin himmlischstes Geschehen –
Göttin: Das ist groß, himmlische Größe. Und dann dieser Bruch ins Konkrete: In jedem Auge... Das Licht ist warm. Ihre Haare fallen offen über die Schultern. Kein Schmuck umgarnt ihr holdes Gesicht. Sie hebt langsam die Sonnenbrille und sieht mich an. Nicht fordernd, nicht prüfend, offen, fast ein wenig froh. Dann endet der Clip. Ich spüre ein Ziehen unter dem Herzen. „Eine Göttin?“, murmele ich und lasse meine Finger über Tasten der Empfindung gleiten. Im Hauptmonitor öffnet sich ein mythologisches Lexikon. Hera, Athene, Aphrodite... nichts scheint zu passen. Ich denke an Mythen. Namen. Geschichten. Boten, Übergänge. Zu kompliziert. In jedem Auge. Ich gehe näher an den Bildschirm, als könnte ich so tiefer sehen, meine Augen spiegeln sich halbdunkel im Glas. Ich betrachte die feine, farbige Membran, die die Pupille umschließt – jenen Teil des Auges, den wir im Alltag so oft übersehen, obwohl er das Licht in unsere Seele lässt. Ich schließe die Augen für einen Moment. Wenn ich sie wieder öffne, ist das Lösungswort einfach da. Etwas, das Himmel und Körper verbindet. Nicht als Metapher, sondern als Teil. Ein Name, der beides zugleich meint: die Botin der Götter und der Regenbogen in unserem Blick. Die Schnittmenge rastet mit einer fast schmerzhaften Präzision ein. Audio on: Meine Stimme ist leiser als an den Tagen zuvor, respektvoll: „Iris.“ „Richtig.“ Ein Atemzug Stille. „Auf Morgen, Liebster.“ Ich fühle mich zum Ritter geschlagen! Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Ich lehne mich zurück. Mein Körper erregt, mein Kopf animiert: ich fühle mich nicht geprüft, vielmehr wahrgenommen und beschenkt.
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Freitag. Der Rhythmus der Vorfreude.
Am Freitag liegt das Päckchen schon auf meinem Tisch, als ich aufstehe! Ich versuche nicht, das zu klären, es gehört jetzt einfach zum Interieur. Ich sitze vor den Bildschirmen, das einzige Licht im Raum stammt vom blauen Glühen meiner Gamer-Hardware. Der Umschlag war schon geöffnet, entblößt bereits Träger und Botschaft! Ich schließe die Augen, atme tief durch und lasse mich sanft und unwiderstehlich in die Magie ihrer Imagination ziehen. Schon bin ich meiner digitalen Festung entflohen, versetzt in einem episch-puristischen Raum aus Glas und wallenden bunten Tüchern. Sie steht in der Mitte des Raumes, und der erste Trommelschlag des Boléro hallt in meinem Brustkorb wider. Sie bewegt sich mit einer Natürlichkeit, einer zeitlosen Nofretete, die um ihre Macht weiß – geschmeidig, stolz. Sie trägt nur noch einen hauchdünnen Schleier, während sie zu den berühmten Klängen tanzt. Mit einem spöttischen Lächeln wirft sie plötzlich Geldscheine in die Luft, lässt sie wie Herbstlaub um sich herabregnen, während sie den Rhythmus der Musik in jede Faser ihrer klassischen Stundenglas-figur aufsaugt. Der Zettel brennt in meiner Hand: Bin ich des bloßen Scheins beraubt – so spiel' ich, was noch nicht erlaubt …
Ich lese die Zeilen noch langsamer als in den vorigen Tagen. Schein. Das klingt fast ein wenig verräterisch. Erlaubt. Eher wie eine Schwelle, die man nicht versehentlich überschreitet. Mein Körper reagiert, noch bevor mein Kopf etwas einordnet. Der Clip offenbart übergangslos ihre Grazie, der Inbegriff der Anmut mutet mich an. „Was willst du mir sagen?“, flüstere ich gegen den Bildschirm. Meine KI-Agenten analysieren die Währung der fallenden Scheine, berechnen Gesamtwerte, suchen nach Parallelen zwischen Geldwäsche und Musiktheorie. „Geld... Schein... Valuta...“, rattert der irrlichternde Text. Meine hormonelle Dynamik lodert. Ich tauche ein in ihre verführerische Schönheit, barfüßig, das Spiel ihrer Formen im Takt der Trommel, ja! Leidenschaft und Verlangen keimen auf. Im transparenten Schleier, der sich bei jeder Bewegung verändert, nicht verhüllend, sondern erweckend, bleibt sie urplötzlich stehen, sieht mich lange und durchdringnd an – und dimmt das Licht. Ihre silberne Silhouette entschwindet in die Unendlichkeit. Ich sitze still da. Allein mit meinem Herzschlag, im Vorhof einer neuen Wirklichkeit. Bloßer Schein. Das kann Maske sein. Oberfläche. Geld. Darstellung. Und Musiknoten schieben sich ungebeten in meinen Kopf – erst musikalisch, dann mythisch. Was noch nicht erlaubt ... noch nicht? Ich blende die Finanz-Analysen meiner Software aus. Ich konzentriere mich nur auf den Rhythmus. Was spielt sie? Was ist das kleinste Teil dieser Musik, das den Takt vorgibt, während das Geld seinen Wert verliert? Schein kann vergehen. Klang und Geld, Ausdruck und Tauschwert. Zwei Bedeutungsfelder, die sich asymptotisch nähern, schließlich küssen, ohne sich erklären zu müssen. NOTE! Die Schnittmenge rastet ein wie ein Bolzen. Die Note als Geldschein und die Note als das Herzstück ihres aufreizenden Boléro, Symbol des bald Erlaubten ... Ich atme langsam aus. Das Wort fühlt sich goldrichtig an. Videocall, meine Stimme ist nun sattsam sanft: „Note.“ Die Antwort kommt einen Moment später als sonst „Richtig.“ Dann, leiser, intimer: „Ich warte auf dich. Morgen.“ Das Licht bleibt gedämpft. Der Schleier fällt, das Bild löst sich auf, bevor es zu viel preisgibt. Mein Körper erregt, mein Geist luzide, in der Vorahnung zu verstehen, um wie viel mehr es geht.
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Samstag. Die untrügliche Unschuld.
Samstagabend. Die Luft in meiner Festung fühlt sich elektrifiziert an. Der winzige Stick von heute lag in einem Umschlag, der so leicht war, dass ich erst befürchtete, er sei leer. Fünf Tage habe ich bereits Rätsel gelöst und mich in ihre Vorstellungswelten entführen lassen. Ich spüre, dass ich kurz vor dem Ziel stehe, doch die letzte Hürde erscheint oft als die höchste. Ich schiebe den winzigen Datenträger ein, es erscheint „Samstag.mp4“. Ich tauche ein, jedes Mal erscheint es vollkommen real. Ich befinde mich wieder in ihrem eleganten Bad, das nur aus Marmor und Dampf zu bestehen scheint. Und da taucht auch meine Angebetete aus den Schwaden auf. Sie steht am Rand einer tiefen Wanne, der Dampf umspielt ihre Haut wie ein lebendiger Schleier. Sie wirkt heute getragen von souveräner Natürlichkeit, so ungezwungen, als wäre sie allein – und doch ist da diese unsichtbare Verbindung zwischen uns. Ihren aphroditengleichen verführerischen Rücken mir zugewandt, gleitet sie langsam in das schaumgekrönte Wasser, die ästhetische Vollendung einer Woche voller zarter Verführungen. Inmitten der Schaumberge schaukelt ein kleines, gelbes Objekt – ein banaler Klecks Farbe in dieser edlen Szenerie ... Ich merke, wie verblüfft sich Lust und Lachen nicht mehr trennen lassen. Der Zettel und der Stick - Yin und Yang. Was auf der Oberfläche schaukelt – hat manche Nachricht vorgegaukelt ...
Oberfläche. Nachricht. Vorgegaukelt. Das klingt spielerischer als gestern, fast harmlos. Und gerade deshalb bin ich vorsichtig. Oberfläche. Ich denke an Wasser. Spiegelungen. Glatte Bilder. Dinge, die schwimmen. Nachricht, vorgegaukelt. Etwas, das wahr wirkt, ohne es zu sein. Die KI liefert Begriffe: Fake News, Blase, Oberfläche. Das Berücksichtigen unterschiedlicher Eigenschaftsfelder, das Jonglieren mit mehreren sprachlichen Bällen zugleich wie etwa Inhalt, Reim und Versmaß, ist nicht die Stärke der KI, ihr neuronaler Aufbau ist darauf nicht zugeschnitten. Überraschende Schnittmengen von Assoziationsketten kreativ aufzuspüren ist eher eine human-intuitive Besonderheit. Ein kleines Bild drängt sich auf, beinahe lächerlich. Ein Tier, das schwimmt. Und ein Wort, das lügt. Zwei Felder, die sich so simple überlappen, ohne sich dafür zu entschuldigen. Was schaukelt dort? Eine Ente. Und was „gaukelt uns Nachrichten vor“? Der Blitz schlägt ein. Die journalistische „Zeitungs-Ente“, die Täuschung der Leser. Ich muss lächeln, aus Freude an der Schlichtheit. Ich übermittle die Lösung kurz und bündig. Meine Stimme ist beinahe heiter: „Ente.“, sage ich. Meine Stimme ist jetzt fest. Begleitet von sanftem Plätschern gluckst sie, hörbei aufatmend: „Klar doch.“ Dann, in wunderwarmem Ton: „Bis morgen, mein ...tter.“ Oops – hatte sie Ritter oder Retter gesagt, als die Ente quietschte? Ich sehe, wie sie königlich aus der Wanne steigt, das Kunstwerk ihrer bloßen Schönheit geschützt durch natürliche Würde. Ich sitze staunend da, zugleich erregt und beruhigt durch Urvertrauen. Ich weiß, dass morgen nichts mehr gefunden werden muss. Nur noch verstanden und bejaht.
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Sonntag. Das Anagramm der An-Druidin.
Nach Mitternacht. Der Sonntag räkelt sich noch wie ein Baby ... In meiner Festung herrscht eine Stille, die fast ohrenbetäubend ist. Das blaue Leuchten meiner Hardware wirkt heute bleich gegen das Farbenglück in meinem Kopf. Ich blicke auf die sechs Zettel, die ich wie Reliquien vor mir aufgereiht habe: B A R T – E L L E – L I S T – I R I S – N O T E – E N T E Sechs Worte. Sechs Lösungen. Heute, am Sonntag kam erstmals kein Päckchen. Kein Stick, kein Zettel. Stattdessen erstrahlt eine ganz konkrete Wohnadresse auf meinem Schirm. Blank und zeitlos, ist sie einfach da, als hätte sie immer dort hingehört. Der Clip gestern endete mit Ihr, als Schaumgeborene in purpurnen Licht, das ihre verführerische Schönheit in eine fast sakrale Aura hüllt. Ihr offener Blick hielt mich in Bann. Darunter blinkt ein Cursor in einem leeren Feld. Ihr Name wird erfragt! „Wer bist du?“, flüstere ich. Meine KI-Agenten laufen Amok. Sie werfen mit Wörtern aus Datenbanken um sich, Millionen sinnlose Kombinationen. Mein Puls rast. Ich will nicht mehr raten. Ich will ankommen. Ich schließe die Augen und lasse die KI-Datenströme wie grauen Nebel hinter mir. Ich sehe nur noch die sechs Anfangsbuchstaben meiner Lösungen. Ich schiebe sie in meinem Geist hin und her, wie ein Kind, das mit Bauklötzen spielt. B A R T – E L L E – L I S T – I R I S – N O T E – E N T E
B – E – L – I – N – E! „Meine liebste Béline“, hauche ich. Ich tippe den Namen ein. Der Monitor flackert bestätigend auf. Ein zweites Eingabefeld erscheint. „Was ist der Sinn der Suche?“, steht dort in schlichter Schrift. BELINE... Lust, Verlangen, Sehnsucht, Liebe... Ich spüre, wie mein Verstand eine letzte, kreative Leistung vollbringt. Ich tranformiere und erhöhe den gerade entdeckten Namen und ich schäle den Kern heraus. Ich verwandle das Substantiv in das Tun, die Sehnsucht in die Tat. Ich fahre sofort zu ihr, ihr Haus wirkt verwunschen schön. Ich läute ihre gediegene alte Glocke. Sie öffnet in einem bezaubernden roten Abendkleid. Ihre Schönheit ist nicht gesteigert, sondern gesammelt. Sinnlich verführerisch, doch umrahmt von Vertrautheit und tiefer geistiger Verbundenheit. Wir sagen nichts. Die Tür schließt sich leise hinter mir. Der Raum ist warm, ruhig. Kein Arrangement, nichts, was beeindrucken will. Nur Gegenwart. Ich begeife, was die Woche vorbereitet hat. B – E – L – I – N – E war nur Sammlung, Zusammenführen. Aber hier, vor ihr, sage ich das Zauberwort nicht nur, ich tue es. B – E – L – I – N – E → L – I – E – B – E – N ! Sie lächelt, anerkennend und beglückt. „Komm!“, sagt sie leise und warm, einfach und unwiderstehlich. Was folgte, war Nähe mit und ohne Worte. Berührung, Wärme, Leib, Seele, Geist. Nicht gesucht, nicht erobert. Wer nicht sucht, wird finden. Die großen Gaben des Schicksals werden nicht bewirkt, sie widerfahren. * Später, als wir selig ruhten, meinte sie, wie beiläufig, doch zärtlich: „Endlich hat es einer von euch Kerlen verstanden.“ Was zwischen Lust und Liebe doch möglich ist, wenn man von der Natur beschützt, von der Kultur beschwingt ist. Zum ersten Mal habe ich nicht das Gefühl, etwas erreicht zu haben – sondern angekommen zu sein. Die tiefe Freude, Königinmutter aller Gefühle, wird in uns wohnen: als mein Leuchtturm, als unser Leitstern.
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# 857: Beline
Eine erotisch-mythische Schnitzeljagd.
~ 'A mysterious erotic scavenger hunt.'
II 2026
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Montag. Das Portal des Schwellenhüters.
Es hilft dir, Zutritt zu erreichen –
Dienstag. Das Maß der Sehnsucht.
Ein Wegemaß von altem Charme –
Mittwoch. Inmitten Erforschung und Erfüllung.
Das Nördlichste im ganzen Land –
Donnerstag. Das Fenster zur Seele.
Der Göttin himmlischstes Geschehen –
Freitag. Der Rhythmus der Vorfreude.
Bin ich des bloßen Scheins beraubt –
Samstag. Die untrügliche Unschuld.
Was auf der Oberfläche schaukelt –
Sonntag. Das Anagramm der An-Druidin. B A R T – E L L E – L I S T – I R I S – N O T E – E N T E BELINE = L I E B E N! |
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Hilmar Alquiros,
The Philippines
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