# 836 by © Hilmar Alquiros, Philippines

 

 

File:道-order.gif Poetic Dao [ German

 

 

Warum eine ...

   poetische Daodejing-Übersetzung?

 

 Das Daodejing gehört zu den stillsten und zugleich wirkmächtigsten Texten der Weltliteratur. Entstanden vor mehr als vierundzwanzig Jahrhunderten, in einer Zeit politischer Unruhe und geistiger Suche, entfaltet es seine Wirkung nicht durch Lehre, Dogma oder Versprechen, sondern durch eine eigentümliche innere Gravitation. Es erklärt wenig, fordert nichts, missioniert nicht – und wird gerade dadurch über Zeiten und Kulturen hinweg gelesen. Viele seiner Leser begegnen ihm nicht als historischem Dokument, sondern als einer Stimme, die erstaunlich gegenwärtig klingt.

 Die Gestalt des Laozi bleibt dabei bewusst im Ungefähren. Die chinesische Überlieferung nennt ihn den „Alten Meister“, doch historische Gewissheit ist kaum zu erlangen. Die Forschung geht heute von Schichtungen, Überarbeitungen und späteren Ergänzungen aus. Dennoch trägt der Text eine so deutliche innere Architektur – mit Parallelitäten, Spiegelungen, rhythmischen Verdichtungen und präzise gesetzten Gegensätzen –, dass ein souveräner geistiger Mittelpunkt unverkennbar wird. Das Daodejing ist kein loses Konvolut von Aphorismen, sondern ein kunstvoll gebautes Ganzes.

 Diese formale Geschlossenheit ist kein äußerer Schmuck. Sie trägt Bedeutung. Gedanken entfalten sich nicht nur semantisch, sondern auch durch ihre Stellung, ihre Wiederkehr, ihre klangliche und strukturelle Verwandtschaft. Der Text denkt in Bewegungen, nicht in Definitionen. Er führt nicht vor, sondern lässt erscheinen.

 Vielleicht erklärt gerade dies seine weltweite Resonanz. Ohne institutionelle Träger, ohne religiösen Apparat, ohne missionarischen Anspruch hat das Daodejing Leser in nahezu allen Kulturen gefunden. Seine Bilder – Wasser, Tal, Leere, Nicht-Erzwingen – wirken weder mystisch-vernebelt noch nüchtern-prosaistisch. Sie sprechen in einer Sprache der stillen Helligkeit, die sich der Vereinnahmung entzieht. Der philosophische Daoismus, der sich später zur religiösen Tradition entwickelte, liegt zeitlich weit entfernt; das Daodejing selbst bleibt zeitlos und von bemerkenswerter unabhängiger, souveräner Neutralität.¹


Ziel dieser poetischen Fassung

 Vor diesem Hintergrund entstand die vorliegende poetische Übersetzung. Sie bewahrt die innere Spannung des Originals – seine Kürze, seine Dichte, sein Wechselspiel aus Klarheit und Rückzug – in einer Form, in der der originäre Laozi erneut wirken kann.

 Diese Übersetzung folgt fünf miteinander verschränkten Formprinzipien:

1. Sinnpräzision

 Jede Zeile orientiert sich eng an der chinesischen Gedankenbewegung. Poetische Freiheit dient hier nicht der Ausschmückung, sondern der Verdichtung.

 Diese Präzision wurde auf der Basis und aus der Entwicklung mehrerer Übersetzungsstufen des Autors gewonnen: von den chinesischen Schriftzeichen in der Fassung Wáng Bì 王弼 und ihrer Pīnyīn 拼音-Notation über die lexikalische Bedeutung der einzelnen Zeichen bis hin zu ihrer Funktion innerhalb der jeweiligen Verszeile. Aus dieser Analyse entstand eine wortgetreue, poetische Übersetzung, die allen formalen Randbedingungen folgt, ohne Bedeutungsverlust – vielmehr mit innerer Betonung des Wesentlichen durch die präzise Entsprechung gekennzeichneter Wörter zu den Schriftzeichen.

2. Reim

 Alle Verse sind gereimt. Der Reim wirkt nicht dekorativ, sondern bündelnd: Er schließt Gedanken, spannt Bezüge und nähert sich der ursprünglichen Klangdichte des Textes an.

3. Rhythmus

 Die überwiegend vierhebige Zeile spiegelt die klassische Kürze des Originals und den häufigen Vier-Zeichen-Puls des Altchinesischen.

4. Ton und Zurückhaltung

 Andeutung geht vor Erklärung. Spirituelle Dimensionen werden nicht benannt, sondern zugelassen – in der Schwebe, nicht im Lehrsatz.

5. Sichtbare Terminologie (Fettdruck)

 Zentrale Begriffe, die direkt einzelnen chinesischen Schriftzeichen entsprechen, erscheinen im Fettdruck. Dieses Mittel ist funktional: Es erlaubt auch Lesern ohne Chinesischkenntnisse, unmittelbar zu erkennen, welche Wörter sich auf welche Zeichen beziehen und wie sich Begriffe über ein Kapitel hinweg entfalten und verschieben.

 Gerade diese fünffache Parallelität – inhaltliche Präzision, gereimter Ausdruck, metrische Klarheit, spirituelle Intonation und sichtbar gemachte Terminologie – macht diese Übersetzung zu einem besonderen Fall innerhalb der langen Geschichte der Laozi-Übertragungen. Sie ist nicht nur Übertragung, sondern Annäherung an eine mögliche Urform: ein Text, der sich selbst wieder in Dichte, Klang und Struktur findet.


Zur besonderen Anlage dieser Ausgabe

 Die poetische Übersetzung liegt in zwei vollständigen Fassungen vor – Deutsch und Englisch –, jeweils parallel zum chinesischen Original und gegenseitig verlinkt. Beide Versionen sind eigenständig gestaltet und zugleich bewusst aufeinander bezogen. Diese Doppelstruktur erlaubt es, den Text aus zwei Sprachräumen heraus zu lesen, ohne ihn zu fragmentieren oder hierarchisch zu ordnen. Die Übersetzungen bilden kein Nebeneinander, sondern ein Resonanzfeld.

 Dass das Daodejing kein loses Spruchsammlungswerk ist, sondern ein bewusst komponierter Text, erschließt sich bereits im Lesen. Die Gedankenführung innerhalb der Kapitel ebenso wie die Sinndichte bestimmter Kapitelgruppen verweist auf ein übergeordnetes Gestaltungsprinzip. Moderne Forschung bestätigt zunehmend, was sich intuitiv zeigt: eine über alle Kapitel hinweg in sich geschlossene Philosophie der Naturbezogenheit und Natürlichkeit, der Einfachheit, die zwischen den Zeilen auf das Unerforschliche hinter dem Offenbaren hinzuweisen versteht.

 In einer Zeit, die reich an Kommentaren und arm an Stille ist, bietet das Daodejing etwas anderes: eine Schule des Hörens. Die folgenden Kapitelkommentare sollen diesen Raum öffnen. Sie klären, wo Klärung möglich ist, benennen Entscheidungen der poetischen Umsetzung – und lassen zugleich jene Leerstelle unberührt, in der das Dao selbst erscheint: nicht als Aussage, sondern als Weise des Sehens.


Fußnoten

¹ Weltweite Rezeption

 Die Internetseite tao-te-king.org, auf der meine verschiedenen Bearbeitungen und Kommentare seit vielen Jahren zugänglich sind, wurde inzwischen von Leserinnen und Lesern aus über hundert Ländern besucht. Diese Resonanz entstand ohne institutionelle Vermittlung oder missionarische Absicht und verweist auf die kulturübergreifende Anziehungskraft des Textes.

² Reim und Lautstruktur

 Bernhard Karlgren ging davon aus, dass ursprünglich ein Großteil der Verse des Daodejing gereimt war. Aufgrund der begrenzten Silbenzahl des Altchinesischen entstehen Reime dort wesentlich häufiger und natürlicher als in europäischen Sprachen, auch wenn sich der Lautstand im Laufe der Zeit verändert hat.

³ Parallelität und formale Architektur

 Rudolf G. Wagner hat gezeigt, dass Laozi systematisch in einem eigenen, unverwechselbaren Stil mit Parallelität, Spiegelung und formalen Entsprechungen arbeitet. Diese Strukturen tragen Bedeutung und machen den Text als bewusst komponiertes Ganzes erkennbar – Ausdruck eines souveränen geistigen Zentrums, auch wenn spätere Ergänzungen nicht auszuschließen sind.

 

[

 

Hinweise zur Lektüre:

  • Dào wird im Englischen wie eine Silbe gesprochen (~dow), eher wie zwei Silben im Deutschen; im jeweiligen Versmaß wurde das berücksichtigt.

  • Fettdruck entspricht direkt den chinesischen Schriftzeichen.

  • Präzise Quellenangaben zu beiden poetischen Übersetzungen sowie zu weiteren Daodejing-Arbeiten des Autors finden sich am Ende.

 

 

 

01 - Der Mystische Weg

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

道可道非常道。

dào  dào ,fēi cháng dào 。

名可名,非常名。

míng kě míng ,fēi cháng míng 。

無名天地之始。

wú míng tiān dì zhī shǐ 。

有名萬物之母。

yǒu míng wàn wù zhī mǔ 。

故常無欲以觀其妙。

gù cháng wú yù yǐ guān qí miào 。

常有欲以觀其徼。

cháng yǒu yù yǐ guān qí jiǎo 。

此兩者同出而異名﹐同謂之玄。

cǐ liǎng zhě tóng chū ér yì míng ﹐tóng wèi zhī xuán 。

玄之又玄,眾妙之門。

xuán zhī yòu xuán ,zhòng miào zhī mén 。

 

1

Der Mystische Weg

 

Ein Dàokann man es verstehen,

ist nicht als zeitlos anzusehen;

begreifbare Begrifflichkeiten:

Begriffe nicht für alle Zeiten!

Beginn der Welt: nicht zu verstehen,

als Urgrund allen Seins zu sehen.

 

Stets ohne ein Begehren dann,

so schaut man seine Feinheit an;

einher stets mit Begehren gehn,

so wird man seine Grenzen sehn.

 

Gemeinsam sind die zwei entstanden,

doch unterschiedlich ihre Worte –

vereint sie tief und dunkel nannten.

Des Dunklen nochmals dunklen Orte 

all jenes Wunderbaren Pforte...

 

 Kapitel 1 eröffnet den Text mit einer Bewegung zwischen Benennen und Entziehen. Es zeigt das Dào als Präsenz, die sich nicht im Begriff fixieren lässt und dennoch durch jede Erscheinung hindurch wirkt. Das Benannte gehört zur Welt der Unterscheidungen, das Unbenannte zur Tiefe, aus der sie hervorgehen. Begehren verengt den Blick auf das, was vor Augen steht, während Nichtbegehren die feinere Schicht der Wirklichkeit sichtbar lässt. Die beiden Haltungen sind nicht Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Quelle, die vor jeder Trennung liegt. Das Kapitel deutet an, dass Anfang und Ursprung keine zeitlichen Punkte sind, sondern Bewegungen, die sich fortwährend ereignen. Was sichtbar wird, trägt das Unsichtbare; was greifbar wird, entspringt dem Unfassbaren. Die Verschränkung von Klarheit und Dunkel erinnert daran, dass Erkenntnis auf Offenheit beruht, nicht auf Besitz. Das Dào erscheint als das, was wirkt, indem es sich entzieht, und trägt gerade dadurch die Welt.

 Die poetische Fassung entfaltet diese Spannung aus Nähe und Rückzug in leisen Bildern. Die Zeile über die „Feinheit“ gegenüber den „Grenzen“ bringt die unterschiedliche Qualität der Wahrnehmung zart zur Sprache, ohne sie zu erklären. Der Hinweis auf das zweimalige Dunkel – „des Dunklen nochmals dunklen Orte“ – vertieft die Atmosphäre, ohne sie schwer zu machen. Die Pforte des Wunderbaren, die sich aus beiden Bewegungen ergibt, ist nicht als Offenbarung gesetzt, sondern als vorsichtige Andeutung. Die Sprache bleibt durchsichtig und folgt der inneren Logik des Originals, das weder eine Lehre ausruft noch ein Geheimnis verhüllt. Die Versform trägt das Schwebende mit, indem sie die Gegensätze nicht löst, sondern in einer sanften Spannung hält. Die poetische Umsetzung bewahrt so die ursprüngliche Geste des Textes: zu zeigen, was sich zeigt, und anzudeuten, was sich der Festlegung entzieht.

 Kapitel 1 zeigt das Dào als eine Quelle, die sich durch Nichtfestlegung offenbart. Die poetische Fassung begleitet diese Bewegtheit mit ruhiger Zurückhaltung und lässt das Unerschöpfliche spürbar werden, ohne es zu bestimmen. Sie hält die Schwebe zwischen Klarheit und Geheimnis und lädt dazu ein, die Welt nicht zu fassen, sondern sich von ihr berühren zu lassen.

 

02 - Die Einheit der Gegensätze

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

天下皆知美之為美,斯惡已;

tiān xià jiē zhī měi zhī wéi měi ,sī è yǐ ;

皆知善之為善,斯不善已。

jiē zhī shàn zhī wéi shàn ,sī bú shàn yǐ 。

故有無相生,難易相成,

gù yǒu wú xiàng shēng ,nán yì xiàng chéng ,

長短相形,高下相傾,

zhǎng duǎn xiàng xíng ,gāo xià xiàng qīng ,

音聲相和,前後相隨。

yīn shēng xiàng hé ,qián hòu xiàng suí 。

是以聖人處無為之事,行不言之教。

shì yǐ shèng rén chù wú wéi zhī shì ,háng bú yán zhī jiāo 。

萬物作焉而不辭。生而不有,

wàn wù zuò yān ér bú cí 。shēng ér bú yǒu ,

為而不恃,功成而弗居。

wéi ér bú shì ,gōng chéng ér fú jū 。

夫唯弗居,是以不去。

fū wéi fú jū ,shì yǐ bú qù 。

 

2

Die Einheit der Gegensätze

 

Weiß jeder auf der Welt soweit,
wie
 Schönheit Schönes hält bereit  –
dann ebenso wohl 
Hässlichkeit;

 

weiß jeder um den Wohlgebrauch
der 
Güte, dann des Bösen auch.

So Sein und Nichts einander spenden,

sich wechselnd Schwer und Leicht vollenden,

einander Lang und Kurz gestalten,

und Hoch und Tief zunander halten:

wie wechselnd Klang dem Ton entsprach,

folgt jedem Vorher ein Hernach.

 

So bleiben Weise tätig, doch
ganz ohne einzugreifen noch,

zu lehren ohne jedes Wort.

So sind nun alle Wesen dort
und zwar wie unaufhörlich reifend:

Sind da, doch nicht Besitz ergreifend,

 sie führen nichts drauf pochend aus,

die Leistungen erfüllen sie,
doch sie verweilen dabei nie.

Denn eben sich nicht daran binden,

dies lässt sie darum nicht entschwinden.

 

[

 

 Kapitel 2 öffnet das Spannungsfeld der Gegensätze, ohne sie als wirkliche Trennungen zu behandeln. Es zeigt, dass Benennungen immer zugleich Unterscheidungen erzeugen: Schön und hässlich entstehen miteinander, gut und schlecht bedingen einander, Sein und Nichtsein verweisen wechselseitig auf ihr Gegenstück. Die Welt der Unterschiede ist kein Irrtum, aber sie wird fehlgedeutet, wenn man sie für endgültig hält. Das Kapitel deutet an, dass das Dào nicht zwischen den Polen steht, sondern sie übersteigt, indem es sie hervorbringt. Was wirkt, ist nicht der Gegensatz, sondern die Bewegung, die ihn trägt. Die Zeilen über die Weise beschreiben ein Tun, das die Gegensätze nicht verstärkt, sondern ausgleicht: handeln, ohne zu erzwingen; sprechen, ohne zu überreden; wirken, ohne sich vorzuschieben. So erscheint die Ordnung nicht als Ergebnis von Kontrolle, sondern als Folge von Nicht-Anhaften. Die Gegensätze bleiben bestehen, doch verlieren ihre Härte. Was bleibt, ist ein Fließen, das durch nichts besessen werden kann.

 Die poetische Fassung führt dieses Spiel der Gegensätze in einer sanften Rhythmik vor. Die parallelen Wendungen – schön und hässlich, gut und schlecht – lassen die Gleichzeitigkeit der Unterscheidungen nachklingen, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Die Verse über das Handeln des Weisen bewahren die innere Ruhe des Originals: Die Wiederholung der Formen – tun, wirken, vollbringen – schafft einen Strom, in dem der Verzicht auf Besitz und Zuschreibung natürlich wird. Besonders schön gelingt die Darstellung des Nicht-Festhaltens: Die Sprache vermeidet jede moralische Spitze und hält den Blick auf die Bewegung, nicht auf das Ziel. Die poetische Umsetzung löst die Gegensätze nicht auf, sondern lässt sie weich ineinander übergehen, sodass die Haltung des Weisen zur stillen Mitte wird.

 Kapitel 2 zeigt, wie die Welt nicht durch Entscheidung zwischen Polen, sondern durch das Erkennen ihres gemeinsamen Ursprungs verstanden werden kann. Die poetische Fassung lässt diese Einsicht mit leichter Hand sichtbar werden und bewahrt die Transparenz eines Wirkens ohne Anspruch. Sie öffnet einen Raum, in dem Gegensätze weder verschwinden noch herrschen, sondern sich in ihrer gegenseitigen Herkunft zeigen.

 

03 - Schlichtheit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

不尚賢, 使民不爭。

bú shàng xián , shǐ mín bú zhēng 。

不貴難得之貨,使民不為盜。

bú guì nán dé zhī huò ,shǐ mín bú wéi dào 。

不見可欲,使民心不亂。

bú jiàn kě yù ,shǐ mín xīn bú luàn 。

是以聖人之治,虛其心,

shì yǐ shèng rén zhī zhì ,xū qí xīn ,

實其腹,弱其志,強其骨;

shí qí fù ,ruò qí zhì ,qiáng qí gǔ ;

常使民無知、無欲,

cháng shǐ mín wú zhī 、wú yù ,

使夫智者不敢為也。

shǐ fū zhì zhě bú gǎn wéi yě 。

為無為,則無不治。

wéi wú wéi ,zé wú bú zhì 。

 

3

Schlichtheit

 

Die Tüchtigen verherrlicht nicht,

macht sie auf Wettstreit nicht erpicht.

Preist Unerhältliches nicht an:

macht Leute nicht zum Räuber dann.

Nichts sehen können als begehrt,

lässt ihre Herzen unversehrt.

 

Walso weise Menschen leiten,

da leeren sie Begehrlichkeiten:

die Bäuche füllen, Ehrgeiz senken,

und Kraft in ihre Mitte lenken.

 

Beständig sie das Volk befreiten
von Schläue 
und Begehrlichkeiten,

und lassen die mit Wissen reifen
nicht wagen, 
damit einzugreifen.

Denn handelt man, doch greift nicht ein 

dann wird nichts unerledigt sein!

 

[

 

 Kapitel 3 beschreibt eine Haltung der Führung, die auf Beruhigung statt Anreizen setzt. Das Hervorheben der Tüchtigen weckt Wettbewerb, das Anpreisen des Begehrenswerten fördert Gier, und beide Bewegungen destabilisieren das Gemeinwesen. Laozi zeigt, dass Ordnung nicht durch Reizverstärkung entsteht, sondern durch das Senken von Übermaß. Wenn die Sinne nicht dauernd angestachelt werden, bleibt das Herz klar; wenn das Wissen nicht zur Selbstdarstellung dient, wird es leicht. Die Zeilen über das Füllen der Bäuche und das Senken des Ehrgeizes deuten nicht auf Bevormundung, sondern auf Fürsorge, die Kompliziertes vereinfacht. Der Weise schafft einen Rahmen, in dem Menschen nicht durch Reize gegeneinander getrieben werden, sondern zur Ruhe kommen. Handeln ohne Einzugreifen bedeutet hier, Bedingungen zu setzen, die sich selbst tragen, statt Abläufe zu kontrollieren. Die Führung wirkt durch Entlastung, nicht durch Druck. So entsteht eine Ordnung, in der die Dinge sich von allein ausgleichen.

 Die poetische Fassung bringt diese politische Sanftheit klar zur Geltung. „Preist Unerhältliches nicht an“ fasst den Kern der laozianischen Warnung in eine präzise, unaufgeregte Formulierung. Die Verse über das Leeren der Begehrlichkeiten und das Füllen der Bäuche bewahren den Gleichgewichtston des Originals: Sie zeigen, wie das Weniger das Mehr ermöglicht. Der mittlere Abschnitt über das Wissen ist besonders fein getroffen, weil er nicht Bildung kritisiert, sondern den Ehrgeiz löst, sich damit abzuheben. Die Schlusszeile – „Denn handelt man, doch greift nicht ein…“ – trägt das Wesen des Wu wei in einer unprätentiösen Ruhe. Die poetische Umsetzung hält den Ton des Kapitels leicht, ohne seine Klarheit zu mindern, und macht spürbar, dass Wirksamkeit nicht aus Druck, sondern aus Vereinfachung entsteht.

 Kapitel 3 zeigt, dass Ordnung eine Form der Fürsorge ist: das Zurücknehmen der Reize, das Entlasten des Herzens, das Ermöglichen eines natürlichen Gleichgewichts. Die poetische Fassung hält diesen Gedanken mit stiller Sicherheit und lässt die politische Weisheit des Kapitels unaufdringlich und klar hervortreten.

 

04 - Unergründlichkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

道沖而用之或不盈。

dào chòng ér yòng zhī huò bú yíng 。

淵兮似萬物之宗。

yuān xī sì wàn wù zhī zōng 。

挫其銳解其紛,和其光,

cuò qí ruì jiě qí fēn ,hé qí guāng ,

同其塵,湛兮似或存。

tóng qí chén ,zhàn xī sì huò cún 。

吾不知誰之子,象帝之先。

wú bú zhī shuí zhī zǐ ,xiàng dì zhī xiān 。

 

4

Unergründlichkeit

 

Dies Dào: sich ergießend, doch
gebraucht wohl nicht zu füllen noch.

Oh, abgrundtief  anscheinend und
so aller Wesen letzter Grund.

 

All Ihrer Schärfe bringt es Milde,

es löst, was ihre Knoten bilde,

und dämpft so ihren Ruhmesglanz,

vereint mit ihrem Staub sich ganz.

 

Versteckt, ach, wie als ob nur da!

ich weiß nicht, wessen Kind es war –

des Himmels Vorspiel offenbar.

 

[

 

 Kapitel 4 richtet den Blick auf eine Quelle, die unerschöpflich wirkt, ohne sich zu zeigen. Das Dào erscheint als etwas, das sich verströmt, ohne zu verarmen, und das mildert, was in der Welt verhärtet. Die Bilder vom Lösen der Knoten und vom Dämpfen des Glanzes entfalten eine stille Bewegung der Entlastung: Alles Scharfe verliert seine Spitzen, alles Ruhmvolle seine Blendung. Diese Wirksamkeit geschieht nicht durch Eingriff, sondern durch Gegenwärtigkeit. Das Kapitel deutet an, dass Ursprung nicht ein erster Moment ist, sondern eine fortwährende Tiefe, aus der die Dinge hervorgehen. Die Frage nach der Herkunft – „ich weiß nicht, wessen Kind es war“ – verweigert jede genealogische Erklärung. Dào wirkt, indem es keine Herkunft braucht. Die Zeilen führen den Leser in eine Dunkelheit, die nicht bedrückt, sondern Raum eröffnet, weil sie keine Festlegung verlangt. In dieser Unbestimmtheit zeigt sich etwas, das älter ist als jede Ordnung und doch alles trägt.

 Die poetische Fassung fängt diese Mischung aus Tiefe und Sanftheit mit besonderer Zartheit ein. „All ihrer Schärfe bringt es Milde“ verwandelt ein lehrhaftes Motiv in ein Bild, das unmittelbar fühlbar wird. Das Lösen der Knoten und das Vereinen mit dem Staub entfalten eine Welt des Wandels, in der Härte ins Weiche übergeht. Die letzte Strophe bewahrt das Rätsel und vermeidet jede rhetorische Schwere: „als ob nur da“ und „ich weiß nicht“ behalten die laozianische Offenheit, ohne kryptisch zu werden. Die poetische Umsetzung zeigt die Bewegung des Originals, ohne sie zu erklären, und hält das Gleichgewicht zwischen Nähe und Unerreichbarkeit. Die Verse lassen das Unerschöpfliche nicht glänzen, sondern atmen.

 Kapitel 4 zeigt das Dào als Ursprungskraft, die durch Nichtfestlegung wirkt. Die poetische Fassung begleitet das Unfassbare mit feiner Zurückhaltung und lässt die Tiefe spürbar werden, ohne sie zu benennen. Sie öffnet einen Raum, in dem der Leser das Dunkle als Quelle, nicht als Mangel erfährt, und bewahrt die Leichtigkeit eines Anfangs ohne Beginn.

 

05 - Schöpferische Leere

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

天地不仁,以萬物為芻狗。

tiān dì bú rén ,yǐ wàn wù wéi zōu gǒu 。

聖人不仁,以百姓為芻狗。

shèng rén bú rén ,yǐ bǎi xìng wéi zōu gǒu 。

天地之間,其猶橐籥乎﹖

tiān dì zhī jiān ,qí yóu tuó yào hū ﹖

虛而不屈,動而愈出。

xū ér bú qū ,dòng ér yù chū 。

多言數窮,不如守中。

duō yán shù qióng ,bú rú shǒu zhōng 。

 

5

Schöpferische Leere

 

Nicht menschlich scheint die ganze Welt:

sind alle Wesen dargestellt
doch Opferhunden gleich aus Stroh ...

Auch Weise sind nicht menschlich  so:

Strohhunde alle irgendwo.

 

Wie zwischen Himmel und der Erde

dem Blasebalg es gleichen werde:

fällt nicht zusammen, so doch leer,

regt schöpferisch sich umso mehr.

 

Wo wortreich man Erschöpfung litte –

bewahrt man besser seine Mitte!

 

[

 

 Kapitel 5 stellt eine der kühnsten Bewegungen des Dào-Denkens vor: die Welt ist nicht gütig im menschlichen Sinn, und auch der Weise ist es nicht. Diese Aussage ist nicht hart gemeint, sondern löst eine falsche Erwartung. Die Natur bevorzugt niemanden; sie lässt geschehen, was geschieht, und trägt doch alles. Die Zeilen über die Welt und den Weisen als „Strohköpfe“ zeigen, dass Wert nicht aus Zuwendung, sondern aus Zugehörigkeit entsteht. Das Kapitel richtet den Blick auf eine Weite, in der Gut und Böse keinen Vorrang besitzen. Gleich darauf erscheint das Bild des Blasebalgs: leer und doch unerschöpflich, beweglich und doch verlässlich. Es beschreibt eine Kraft, die wächst, je weniger man sie festlegt. Das Kapitel ruft dazu auf, Worte nicht zu überdehnen und den Geist nicht zu strecken, bis er reißt. In der Mitte zwischen Bevorzugung und Ablehnung liegt eine Klarheit, die nichts ausschließt und nichts festhält. So erweist sich das Unparteiische als tiefste Form der Verbundenheit.

 Die poetische Fassung trägt diesen Gedanken in einer ruhigen, ausgewogenen Linie. Die Darstellung der Welt und des Weisen als gleichermaßen ungebunden vermeidet jede Strenge und erhält den Ton der laozianischen Gelassenheit. Das Bild des Blasebalgs ist besonders fein umgesetzt: Die Verse bewahren die paradoxe Fülle des Leeren, ohne sie zu erklären. Die Sprache bleibt hell und unaufdringlich, sodass die Spannung zwischen Leere und Wirksamkeit natürlich wirkt. Auch der Hinweis auf das Maß der Worte ist präzise gehalten; er verzichtet auf moralischen Ton und zeigt einfach, wie Übermaß die Klarheit trübt. Die poetische Umsetzung findet eine geschmeidige Mitte: Sie spitzt nichts zu, weicht aber auch nichts ab. So entsteht ein ruhiges Nachbild der ursprünglichen Geste des Kapitels.

 Kapitel 5 zeigt eine Welt, die niemanden bevorzugt und gerade darin allen Raum gibt. Die poetische Fassung bewahrt diese Weite mit stillem Gleichmut und lässt die Kraft des Leeren unaufdringlich hervortreten. Sie deutet an, dass Unparteilichkeit keine Kälte ist, sondern ein Zustand, in dem alles sein darf, ohne verteidigt werden zu müssen.

 

06 - Das Mystisch-Weibliche

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

谷神不死是謂玄牝。

gǔ shén bú sǐ shì wèi xuán pìn 。

玄牝之門是謂天地根。

xuán pìn zhī mén shì wèi tiān dì gēn 。

綿綿若存,用之不勤。

mián mián ruò cún ,yòng zhī bú qín 。

 

6

Das Mystisch-Weibliche

 

Unsterblich ist der Geist des Tales ...

als Mystisch-Weiblich man empfahl es.

Das Mystisch-Weibliche: die Pforten

zu aller Welten Ursprungsorten.

Ungreifbarwie vorhanden auch –

doch unerschöpflich im Gebrauch!

 

[

 

 Kapitel 6 ruft ein uraltes Bild auf: den Geist des Tals, der nicht stirbt. Dieses Tal steht für eine Weiblichkeit, die nicht Schwäche bedeutet, sondern eine empfangende Kraft, die unerschöpflich bleibt. Die „geheimnisvolle Weibliche“ wirkt nicht durch Hervortreten, sondern durch ihre Fähigkeit, Ursprung zu sein. Das Kapitel spricht von einem Tor, das die Welt immer wieder durchschreitet, ohne es zu bemerken. Dieser Ursprung ist nicht zeitlich, sondern ständig gegenwärtig, und deshalb bleibt sein Wirken still. Die Bezeichnung „Wurzel von Himmel und Erde“ legt nahe, dass diese Kraft nicht etwas Zusätzliches ist, sondern das, was alles trägt. Der Hinweis auf die Dauer des Wirkens zeigt, dass dies keine mythologische Figur ist, sondern eine Erfahrung von Beständigkeit im Wandel. Das Kapitel öffnet einen Raum, in dem das Empfängliche als Quelle erscheint, nicht als Gegenstück zum Starken. In seiner Sanftheit liegt eine Kraft, die nicht endet.

 Die poetische Fassung trifft diesen Grundton mit einer fast fließenden Leichtigkeit. Die Darstellung des „Geistes des Tals“ wahrt die Weichheit des Originals, ohne sie zu romantisieren. Die Verse über das „Tor des geheimnisvollen Weiblichen“ behalten den nüchternen Klang, der weder Geheimnis noch Offenbarung inszeniert. Besonders gelungen ist die Umsetzung des Bildes der Wurzel: Der Ausdruck wirkt einfach und doch weit, als trüge er die Stille eines Anfangs. Die poetische Form vermeidet jedes Pathos und folgt der inneren Bewegung des Kapitels, die von Empfänglichkeit zur Dauer führt. Die Sprache bleibt klar, während sie gleichzeitig Raum lässt für die unbestimmte Tiefe, die das Kapitel meint. So entsteht ein Ton, der dem Original nahekommt, ohne es zu verdichten oder auszuschmücken.

 Kapitel 6 zeigt eine Kraft, die nicht vergeht, weil sie nicht erzwingt. Die poetische Fassung hält diese stille Dauer mit feiner Zurückhaltung und lässt die empfangende Bewegung als Quelle sichtbar werden. Sie lädt dazu ein, das Dauernde im Sanften zu erkennen und die Wurzel nicht als Ursprungspunkt, sondern als beständigen Atem des Daseins zu verstehen.

 

07 - Unvergängliche Selbstlosigkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

天長地久。

tiān zhǎng dì jiǔ 。

天地所以能長且久者,

tiān dì suǒ yǐ néng zhǎng qiě jiǔ zhě ,

以其不自生,故能長生。

yǐ qí bú zì shēng ,gù néng zhǎng shēng 。

是以聖人後其身而身先,

shì yǐ shèng rén hòu qí shēn ér shēn xiān ,

外其身而身存。

wài qí shēn ér shēn cún 。

非以其無私邪!故能成其私

fēi yǐ qí wú sī xié !gù néng chéng qí sī

 

7

Unvergängliche Selbstlosigkeit

 

Der Himmel ewig, fest die Erde.

Da alle Welt beständig werde:

weil sie nicht Eigennutz erstreben,

so können sie beständig leben.

 

Drum stellen Weise sich hintan

und schreiten so doch selbst voran,

entäußern ihres Selbst sich gar –

doch bieten als Person sich dar.

Weil man nicht Eigennutz verfiel,

erfüllt man so sein eignes Ziel.

 

[

 

 Kapitel 7 entfaltet den Gedanken einer Welt, die besteht, weil sie nicht für sich selbst da ist. Himmel und Erde dauern, weil sie nichts beanspruchen; sie leben nicht für den eigenen Vorteil und verzehren sich daher nicht. Diese Haltung setzt Laozi in Beziehung zum Weisen: Auch er stellt sich nicht in den Mittelpunkt und bleibt gerade dadurch erhalten. Das Kapitel zeigt, dass Selbstrücknahme nicht Verlust bedeutet, sondern eine Form der Weite schafft, die mehr trägt als unmittelbare Selbstbehauptung. Wer sich selbst voranstellt, erschöpft seine Kräfte; wer sich zurücknimmt, lässt Raum für das, was wachsen kann. Die paradoxe Wendung – das Nachstehen führt zum Vorrang, das Selbstvergessen zum Selbstfinden – weist darauf hin, dass das Dào nicht durch Konkurrenz wirkt, sondern durch Öffnung. Das Kapitel beschreibt eine Ordnung, in der Dauer und Gelingen aus der Fähigkeit entstehen, nicht zu drängen, sondern zu lassen. In dieser Haltung liegt eine stille Form der Fülle.

 Die poetische Fassung bringt diese Spannung zwischen Rücknahme und Bestand klar zur Geltung. Die Darstellung der kosmischen Dauer bleibt leicht und unaufdringlich, sodass der Gedanke nicht als Regel erscheint, sondern als Beobachtung. Die Verse über das Nicht-sich-selbst-Vorziehen treffen die laozianische Gelassenheit präzise: Sie sprechen von Selbstlosigkeit ohne moralische Färbung. Besonders gelungen ist die Wendung, die zeigt, wie das Zurücktreten zum Aufgehobenwerden führt; sie fängt die paradoxe Schönheit des Originals ein. Die Sprache der poetischen Umsetzung bleibt weich und weit, und ihre Rhythmik lässt die innere Bewegung des Kapitels fühlbar werden, ohne sie zu erklären. Die Haltung des Weisen erscheint nicht als Ideal, sondern als natürliche Folge einer Welt, die durch Nicht-Anspruch trägt. So bewahrt die Fassung die schlichte Würde des Textes.

 Kapitel 7 zeigt, dass Dauer nicht aus Festhalten kommt, sondern aus Loslassen. Die poetische Fassung begleitet diese Einsicht mit ruhigem Atem und lässt die paradoxe Kraft der Bescheidenheit sichtbar werden. Sie deutet an, dass das Zurücktreten kein Verlust ist, sondern eine Weise, die Welt zu tragen, indem man sich ihr nicht aufdrängt.

 

08 - Konkurrenzlose Anpassungsfähigkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

上善若水。

shàng shàn ruò shuǐ 。

水善利萬物而爭,

shuǐ shàn lì wàn wù ér bú zhēng ,

處眾人之所惡,故幾於道。

chù zhòng rén zhī suǒ è ,gù jǐ yú dào 。

居善地,心善淵與善仁,

jū shàn dì ,xīn shàn yuān yǔ shàn rén ,

言善信,正善治,

yán shàn xìn ,zhèng shàn zhì ,

事善能,動善時。

shì shàn néng ,dòng shàn shí 。

夫唯不爭,故無尤

fū wéi bú zhēng ,gù wú yóu

 

8

Konkurrenzlose Anpassungsfähigkeit

 

Das höchste Gut dem Wasser gleicht:

des Wassers Güte so gereicht
zum Nutzen allen Wesen leicht –

doch nie im Wettstreit sich's vergleicht;

so weilt es da, wo mancher weicht ...
solch Plätze man verabscheut leicht –

wodurch es nah ans Dào reicht!

 

Braucht gutes Wohnen rechten Ort,

ein gutes Herz auch Tiefsinn dort,

ist gutes Geben menschlich fein,

darf gutes Reden ehrlich sein,

gut Herrschen braucht Geordnetheit,

geschäftlich gut sein: Fähigkeit

und gutes Tun die rechte Zeit.

 

Nur ohne Streit ... kein Groll soweit!

 

[

 

 Kapitel 8 beschreibt eine der zentralen Gesten des Dào: das Sichsenken. Das höchste Gute gleicht dem Wasser, weil es allen Dingen dient und doch nichts von ihnen verlangt. Wasser streitet nicht, sondern findet von selbst seinen Platz im Niedrigen, und gerade darin liegt seine Kraft. Das Kapitel führt diesen Gedanken weiter, indem es verschiedene Bereiche menschlichen Handelns aufzählt – Wohnen, Denken, Sprechen, Geben, Lenken –, und in jedem zeigt es die Qualität des Angemessenen. Das Gute entsteht nicht aus Anstrengung, sondern aus Natürlichkeit, aus der Fähigkeit, ohne Härte genau dort zu sein, wo man hingehört. Wer nicht streitet, bleibt unbesiegt; wer nicht drängt, findet seinen Weg. Das Kapitel verbindet die Weichheit des Wassers mit einer Ethik der Schlichtheit: Es genügt, nicht gegen die eigene Natur zu handeln. Die Ruhe des Wassers ist kein Rückzug, sondern eine Form der Klarheit, die weder vergleicht noch kämpft.

 Die poetische Fassung trägt diese Wasser-Metapher mit stiller Überzeugung. Die Versbewegung folgt dem sanften Herabsinken, ohne es ausdrücklich zu benennen, sodass der Ton selbst zur Illustration des Gedankens wird. Die Stellen, an denen das Wasser der Tiefe zustrebt, sind besonders fein umgesetzt, weil sie die innere Ruhe des Bildes bewahren. Die Aufzählung der menschlichen Bereiche wirkt in der Fassung nicht belehrend, sondern wie eine Reihe natürlicher Gesten. Die Sprache bleibt zurückhaltend und fließend, sodass der moralische Anspruch des Originals in eine Haltung übergeht, nicht in eine Forderung. Die poetische Form zeigt, wie Weichheit zur Stärke wird, ohne das Paradox zu betonen. So findet die Fassung eine Geschmeidigkeit, die dem Wasser selbst gleicht.

 Kapitel 8 zeigt, dass das Gute nicht im Widerstand, sondern im Einverständnis liegt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einfachheit und lässt die Bewegung des Wassers zu einer inneren Orientierung werden. Sie erinnert daran, dass Klarheit aus Ruhe kommt und dass Stärke jene Form annimmt, die sich nicht behaupten muss.

 

09 - Loslassen

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

持而盈之不如其己;

chí ér yíng zhī bú rú qí jǐ ;

揣而銳之不可長保;

chuāi ér ruì zhī bú kě zhǎng bǎo ;

金玉滿堂莫之能守;

jīn yù mǎn táng mò zhī néng shǒu ;

富貴而驕,自遺其咎。

fù guì ér jiāo ,zì yí qí jiù 。

功遂身退,天之道。

gōng suí shēn tuì ,tiān zhī dào 。

 

9

Loslassen

 

Erhalten, doch zuviel verwenden 

ist nicht so gut wie es beenden;

Polieren und auch schärfen kann 

nicht lange mehr beschützen dann!

 

Mit Gold und Jade füllt die Halle:

doch niemand kann bewachen alle;

geehrt und reich – doch prahlerisch:

so liefert wie von selbst man sich
in seine eigne Unglücksfalle.

 

Zurück, sobald das Werk vollbracht –

ganz wie's des Himmels Dào macht.

 

[

 

 Kapitel 9 warnt vor dem Zuviel, das seine eigene Auflösung hervorbringt. Ein Gefäß, das bis zum Rand gefüllt wird, verliert seine Ruhe; ein Schwert, das zu scharf geschliffen wird, stumpft sich selbst ab. Erfolg, der festgehalten wird, verwandelt sich in Verlust, und Besitz, den man schützt, erzeugt eigene Gefahren. Das Kapitel beschreibt eine Welt, in der jedes Übermaß eine Gegenbewegung hervorruft, weil das Dào nicht im Extrem verweilt. Gelingen erfordert das rechte Maß, und dieses Maß zeigt sich im Zurücktreten, nicht im Drängen. Die abschließende Wendung – „wenn das Werk vollbracht ist, tritt zurück“ – verweist auf eine Haltung, die Überfüllung vermeidet und dem Wandel Raum lässt. Das Kapitel öffnet eine Sichtweise, in der Gelingen nicht durch Steigerung, sondern durch das Aufgeben des Anspruchs auf Dauer entsteht. Wer zur rechten Zeit loslässt, bleibt unversehrt.

 Die poetische Fassung bringt diesen Gedanken des Maßhaltens mit klarer Ruhe zur Sprache. Die Bilder des übervollen Gefäßes und der übertriebenen Schärfe sind präzise gefasst und behalten ihre leichte, nicht drohende Qualität. Die Verse lassen erkennen, dass die Gefahr nicht im Tun liegt, sondern im Festhalten daran. Die poetische Umsetzung vermeidet jede moralische Aufladung und bleibt bei der beobachtenden Geste des Originals. Besonders schön ist der Klang des Rücktritts am Ende: Er wirkt nicht wie eine Forderung, sondern wie die natürliche Fortsetzung einer Bewegung, die sich selbst erschöpft hätte, wenn man sie fortgesetzt hätte. Die Sprache bleibt weich und unangestrengt und lässt die Wirkung des Weniger im Rhythmus spürbar werden. So trifft die Fassung das Herz des Kapitels, ohne es zu verdichten.

 Kapitel 9 zeigt, dass Vollendung nicht im Übermaß liegt, sondern in der Fähigkeit, den richtigen Punkt zu verlassen. Die poetische Fassung hält diesen Gedanken mit stiller Genauigkeit und öffnet den Blick für die Schönheit des rechten Maßes. Sie lässt die Weisheit des Rücktritts als Teil des natürlichen Flusses erscheinen und bewahrt die leichte Eleganz des Originals.

 

10 - Reinheit und Anspruchslosigkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

載營魄抱一,能無離乎﹖

zǎi yíng pò bào yī ,néng wú lí hū ﹖

專氣致柔,能如嬰兒乎﹖

zhuān qì zhì róu ,néng rú yīng ér hū ﹖

滌除玄覽,能無疵乎﹖

dí chú xuán lǎn ,néng wú cī hū ﹖

愛國治民,能無為乎﹖

ài guó zhì mín ,néng wú wéi hū ﹖

天門開闔,能為雌乎﹖

tiān mén kāi hé ,néng wéi cí hū ﹖

明白四達,能無知乎。

míng bái sì dá ,néng wú zhī hū 。

生之,畜之,生而不有;

shēng zhī ,chù zhī ,shēng ér bú yǒu ;

為而不恃;長而不宰,

wéi ér bú shì ;zhǎng ér bú zǎi ,

是謂玄德。

shì wèi xuán dé 。

 

10

Reinheit und Anspruchslosigkeit

 

Lass', Geist und Seele zu bewahren,
umfassend Einheit sie erfahren 

kannst du wohl Ungeteiltes einen?

Verdichte deinen Lebenshauch,
Geschmeidigkeit erlange auch –

du kannst wie neugeboren scheinen?

Spül' fort die dunkle Sicht! Kannst rein

und wohl auch ohneMakel sein?

 

In Liebe Land und Leute führen 

kannst du das ohne zu taktieren?

Wie Himmelspforten: öffnend, schließend...

kannst du wohl wirken weiblich fließend?

Wächst dein Verständnis aller Seiten,

kannst du sie ohne Schläue leiten?

 

Erschaffen etwas und ihm nützen,

beschaffen, doch es nicht besitzen,

zwar handeln, jedoch nichts erzwingen,

zu führen ohne Führerschaft –

das nennt man tiefe Innere Kraft.

 

[

 

 Kapitel 10 stellt eine Reihe von Fragen, die weniger Antworten verlangen als eine Haltung sichtbar machen. Es geht um die Fähigkeit, die Seele zu führen, ohne sie zu bedrängen, und den Atem zu bewahren, ohne ihn festzuhalten. Die Bilder sprechen von Sanftheit inmitten von Wirksamkeit: das Kindliche bewahren, ohne kindisch zu sein; leiten, ohne zu besitzen; handeln, ohne das Ergebnis sich zuzuschreiben. Das Kapitel zeigt eine innere Kunst, bei der Klarheit aus Durchlässigkeit entsteht. Die Welt zu ordnen bedeutet nicht, sie zu formen, sondern ihr zu erlauben, das zu werden, was sie ist. Die Fragen verdeutlichen, wie schwer es ist, diese Haltung zu wahren: im Tun nicht zu greifen, im Wissen nicht zu verhärten, im Führen nicht zu drängen. Das Dào erscheint hier als eine Form der Präsenz, die nicht durch Stärke wirkt, sondern durch die Fähigkeit, nichts zu erzwingen. So wird sichtbar, dass Wandlung nur gelingt, wenn der Geist leicht bleibt.

 Die poetische Fassung bewahrt die Spannung zwischen den Fragen und ihrer stillen Antwortlosigkeit. Die wiederkehrenden Formulierungen schaffen einen ruhigen Rhythmus, der die innere Arbeit des Kapitels spürbar macht. Besonders schön ist die Darstellung des Nicht-Festhaltens: Sie bleibt nüchtern und doch weit, ohne moralische Untertöne. Die Zeilen über das Leiten ohne Besitz geben die laozianische Paradoxie in einer sanften, ungekünstelten Form wieder. Auch das Bild des Kindlichen ist fein getroffen, weil es seine Stärke aus Verletzlichkeit bezieht, nicht aus Schwäche. Die poetische Umsetzung lässt die Fragen stehen, ohne sie zu schließen, und darin liegt ihre Treue zum Original: Die Offenheit wird nicht erklärt, sondern gehalten. Der Ton bleibt zurückhaltend und klar, und gerade darin gewinnt die Fassung ihre Tiefe.

 Kapitel 10 zeigt die Kunst, im Inneren weich zu bleiben, während man in der Welt handelt. Die poetische Fassung begleitet diese Haltung mit stiller Behutsamkeit und lässt die Kraft des Nichtgreifens sichtbar werden. Sie erinnert daran, dass die schwierigsten Aufgaben nicht durch Stärke gelingen, sondern durch ein Bewusstsein, das frei genug ist, um nichts festzuhalten und dennoch alles zu tragen.

 

11 - Schöpferisches Nichts

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

三十幅共一轂,

sān shí fú gòng yī gū ,

當其無,有車之用。

dāng qí wú ,yǒu chē zhī yòng 。

埏埴以為器,

shān zhí yǐ wéi qì ,

當其無,有器之用。

dāng qí wú ,yǒu qì zhī yòng 。

鑿戶牖以為室,

záo hù yǒu yǐ wéi shì ,

當其無,有室之用。

dāng qí wú ,yǒu shì zhī yòng 。

故有之以為利,

gù yǒu zhī yǐ wéi lì ,

無之以為用。

wú zhī yǐ wéi yòng 。

 

11

Schöpferisches Nichts

 

Wenn dreißig Speichen einheitlich
verbinden 
hin zur Nabe sich:

in ihrem Nicht-Sein liegt soweit
des Wagens 
ganze Brauchbarkeit
.

 

Vermischt und knetet Ton man aus,
und formt Gefäße so daraus:

in ihrem Nicht-Sein liegt soweit
all der 
Gefäße Brauchbarkeit.

 

Stemmt man sich Fenster aus und Türen,
mehr Wohnraum so herbeizuführen:

in ihrem Nicht-Sein liegt soweit
all jenes Raums Verwendbarkeit.

 

Wirkt Sein zum Vorteil so bereit,

das Nicht-Sein aber schafft soweit
entsprechend die Verwendbarkeit.

 

[

 

 Kapitel 11 zeigt die paradoxe Kraft der Leere. Dreißig Speichen bilden ein Rad, doch erst die Mitte, der nicht besetzte Raum, macht es brauchbar. Aus Ton entsteht das Gefäß, doch der Hohlraum ist es, der es nutzbar macht. Wände und Türen fügen ein Haus zusammen, doch erst der Raum dazwischen erlaubt das Wohnen. Das Kapitel führt vor Augen, dass das Nützliche nicht im Stoff, sondern im Offenen liegt. Es beschreibt eine Welt, in der das, was nicht ist, das ermöglicht, was ist. Diese Leere ist kein Mangel, sondern ein Potential, das nicht erschöpft werden kann, weil es nicht festgelegt ist. Die Dinge erhalten Gestalt, doch ihr Wert entsteht durch das, was sie freilassen. Das Kapitel lädt dazu ein, das Unsichtbare als eigentliche Wirksamkeit zu erkennen: Die Mitte, die keinen Anspruch erhebt, trägt das Ganze. So zeigt sich, dass das Dào weniger in der Form wirkt als in dem Raum, den die Form umschließt.

 Die poetische Fassung trifft diese leise Umkehrung der Perspektive mit feinem Gleichgewicht. Die Bilder von Rad, Gefäß und Haus bleiben klar und einfach und entfalten ihre Bedeutung ohne jede Zuspitzung. Die Verse bewahren die nüchterne Schönheit des Originals, indem sie die Leere nicht mystifizieren, sondern als natürliche Grundlage des Nutzens darstellen. Besonders gelungen ist die rhythmische Darstellung des Offenen: Die Sprache lässt die Pausen und Lücken mitschwingen, als ob der Text selbst Raum freigibt. Die poetische Umsetzung vermeidet jede moralisierende Erklärung und folgt stattdessen der schlichten Geste des Kapitels: zeigen, wie das Unsichtbare trägt. Die Leichtigkeit des Tons lässt die paradoxe Kraft des Nicht-Seienden unmittelbar spürbar werden, ohne sie zu überhöhen. So entsteht ein ruhiges Bild der Wirksamkeit der Leere.

 Kapitel 11 zeigt, dass das Wesentliche nicht im Stoff, sondern in der Öffnung liegt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Klarheit und macht erfahrbar, dass Nutzen aus dem entsteht, was nicht besetzt ist. Sie erinnert daran, dass das Dào dort wirkt, wo etwas frei bleibt, und dass die Leere nicht Abwesenheit bedeutet, sondern die Möglichkeit von allem, was werden kann.

 

12 - Suchtfreier Einklang

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

五色令人目盲,

wǔ sè lìng rén mù máng ,

五音令人耳聾,

wǔ yīn lìng rén ěr lóng ,

五味令人口爽,

wǔ wèi lìng rén kǒu shuǎng ,

馳騁畋獵令人心發狂,

chí chěng tián liè lìng rén xīn fā kuáng ,

難得之貨令人行妨。

nán dé zhī huò lìng rén háng fáng 。

是以聖人,為腹不為目,

shì yǐ shèng rén ,wéi fù bú wéi mù ,

故去彼取此。

gù qù bǐ qǔ cǐ 。

 

12

Suchtfreier Einklang

 

Wo viel zu viele Farben sind,
da wird des Menschen Auge blind,

und kommen zu viel Töne vor,
wird taub alsbald des Menschen Ohr,

es werden zu gewürzte Sachen
des Menschen Gaumen stumpfer machen.

 

Wo Pferdesport und Jagd beglückt,

des Menschen Herz wird bald verrückt,

und Güter, schwierig zu erhalten:

sie hindern menschliches Entfalten.

 

Drum kümmert Weise Not, nicht Gier –

verweigern dort und wählen hier.

 

[

 

 Kapitel 12 beschreibt die Überfülle der Sinne und ihre Wirkung auf das Herz. Zu viel Farbe macht blind für Nuancen, zu viel Klang übertönt die Stille, zu viele Geschmäcker stumpfen den Gaumen ab. Jagd und Hetze zerreißen die Ruhe, und das Streben nach seltenen Gütern bindet den Geist an das Äußere. Das Kapitel zeigt, dass Überreizung nicht zur Erweiterung, sondern zur Verengung führt: Je mehr die Sinne überladen werden, desto weniger vermögen sie zu unterscheiden. Der Weise wendet sich nicht ab, weil die Welt gefährlich wäre, sondern weil Maßhalten Klarheit bewahrt. Er sucht nicht den Reiz, sondern die Durchlässigkeit; nicht die Ablenkung, sondern die Mitte. In dieser Haltung liegt eine Freiheit, die nicht aus Verzicht entsteht, sondern aus dem Verstehen der eigenen Grenzen. Das Kapitel mahnt, dass innerer Raum nur bleibt, wenn man nicht alles an sich heranzieht. So entsteht eine Ruhe, die empfänglich macht, ohne zu verschließen.

 Die poetische Fassung gestaltet diese Bewegung vom Übermaß zur Mitte mit ruhigem Ton. Die Bilder der Sinnesüberladung sind präzise und behalten ihre Leichtigkeit, sodass sie nicht wie Warnungen wirken, sondern wie Beobachtungen. Besonders fein ist der Übergang, in dem das Herz als überfordert beschrieben wird, ohne dass der Text zu schwer wird. Die Verse über den Weisen bewahren die laozianische Unaufgeregtheit: Das Maßhalten erscheint nicht als Tugend, sondern als natürliche Rückkehr zum Wesentlichen. Die Sprache lässt Raum zwischen den Bildern und verstärkt damit die Wirkung des Kapitels, das selbst vor Überfüllung warnt. Die poetische Umsetzung vermeidet jede moralische Färbung und bleibt nah an der Stimmung des Originals, das die Balance sucht, nicht die Abstinenz. So entsteht ein weiches Nachbild der inneren Klarheit, die das Kapitel meint.

 Kapitel 12 zeigt, dass die Fülle der Eindrücke das Herz nicht erweitert, sondern ermüdet. Die poetische Fassung begleitet diese Einsicht mit stiller Genauigkeit und bewahrt die Mitte, die das Kapitel fordert. Sie lässt spüren, dass Klarheit aus Einfachheit kommt und dass der Weg des Dào durch die Entlastung führt, nicht durch die Steigerung.

 

13 - Unabhängiges Selbstwertgefühl

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

寵辱若驚,貴大患若身。

chǒng rǔ ruò jīng ,guì dà huàn ruò shēn 。

何謂寵辱若驚﹖

hé wèi chǒng rǔ ruò jīng ﹖

寵為下。

chǒng wéi xià 。

得之若驚失之若驚

dé zhī ruò jīng shī zhī ruò jīng

是謂寵辱若驚。

shì wèi chǒng rǔ ruò jīng 。

何謂貴大患若身﹖

hé wèi guì dà huàn ruò shēn ﹖

吾所以有大患者,

wú suǒ yǐ yǒu dà huàn zhě ,

為吾有身,及吾無身,

wéi wú yǒu shēn ,jí wú wú shēn ,

吾有何患?

wú yǒu hé huàn ?

故貴以身為天下,若可寄天下。

gù guì yǐ shēn wéi tiān xià ,ruò kě jì tiān xià 。

愛以身為天下,若可託天下。

ài yǐ shēn wéi tiān xià ,ruò kě tuō tiān xià

 

13

Unabhängiges Selbstwertgefühl

 

So Gunst wie Ungunst schrecklich wäre,

wie Selbstsucht, Sorge auch die Ehre.

 

Was heißt, dass Gunst und Ungunst wecken
sei gleichermaßen wie ein Schrecken?

Gunst wirkt erniedrigenddenn nie
erlangt man ohne Schrecken sie,
schreckt ihr Verlust auch irgendwie;

das heißt, dass Gunst und Ungunst wecken
sei gleichermaßen wie ein Schrecken
.

 

Was heißt, dass ... wie die Selbstsucht wäre
auch große Sorge alle
 Ehre?

Ich habe große Sorgen, da

mein Tun geprägt durch Selbstsucht war;

erreichte selbstlos ich zu sein,
noch welche Sorgen wären mein?

 

Drum: wem von Herzen es gefällt,
zu wirken für die ganze Welt,

sei wohl die Welt anheimgestellt.

Und wem trotz Selbstsucht es gefällt,
höchst wirksam nach der Welt zu schauen,

kann wohl die Welt man anvertrauen.

 

[

 

 Kapitel 13 verbindet Lob und Tadel mit einer gemeinsamen Gefahr: Beide binden das Selbst an äußere Urteile. Ehre zu empfangen bedeutet, sich abhängig zu machen; Schmach zu erleiden bedeutet, sich im Anblick der anderen zu verlieren. Das Kapitel zeigt, dass das Ich, das so reagiert, ein verletzliches Ich ist, das sich selbst verfehlt. Die Wendung „Ehre wie Schmach bedrängen“ weist darauf hin, dass beides aus derselben Quelle stammt: dem Bedürfnis, gesehen zu werden. Laozi lädt dazu ein, das Eigene nicht von Zustimmung oder Ablehnung her zu bestimmen. Wer die Welt als Teil des eigenen Leibes begreift, nimmt ihre Bewegungen an, ohne sich von ihnen bestimmen zu lassen. Verantwortung entsteht nicht aus Anhaftung, sondern aus Zugehörigkeit. Das Kapitel zeigt eine Haltung, in der man die Welt trägt, weil man sich selbst nicht festhalten muss. So wird das Selbst nicht verneint, sondern gelöst von dem Druck, sich zu behaupten.

 Die poetische Fassung bringt diese Verknüpfung von Ehre und Schmach mit klarer Ruhe zur Geltung. Die parallelen Bilder lassen erkennen, dass beide Extreme denselben Ursprung haben und nicht als Gegensätze verstanden werden müssen. Die Verse über das Ich, das bedrängt wird, behalten ihre Leichtigkeit, ohne den Gedanken zu verharmlosen. Besonders fein gelingt die Darstellung der Zugehörigkeit: Die Sprache deutet an, dass der Weise nicht über der Welt steht, sondern in ihr ruht. Die poetische Umsetzung vermeidet moralische Urteile und bleibt bei der stillen Geste des Originals. Ihre Rhythmik lässt den Übergang von äußerer Abhängigkeit zu innerer Freiheit weich erscheinen, als sei er eine natürliche Bewegung. So bewahrt die Fassung die laozianische Einsicht, dass Freiheit nicht im Rückzug liegt, sondern in der Lösung vom Urteil.

 Kapitel 13 zeigt, wie man die Welt tragen kann, ohne sich von ihr tragen zu lassen. Die poetische Fassung hält diese Einsicht mit sanfter Klarheit und macht spürbar, dass Selbstständigkeit dort entsteht, wo Lob und Tadel ihre Macht verlieren. Sie öffnet einen Raum, in dem Zugehörigkeit nicht Bindung ist, sondern ein stilles Einverständnis mit dem, was ist.

 

14 - Unbegreiflichkeit des Dào

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

視之不見名曰夷。

shì zhī bú jiàn míng yuē yí 。

聽之不聞名曰希。

tīng zhī bú wén míng yuē xī 。

摶之不得名曰微。

tuán zhī bú dé míng yuē wēi 。

此三者不可致詰,故混而為一。

cǐ sān zhě bú kě zhì jié ,gù hún ér wéi yī 。

其上不皦,其下不昧,

qí shàng bú jiǎo ,qí xià bú mèi ,

繩繩不可名,復歸於無物。

shéng shéng bú kě míng ,fù guī yú wú wù 。

是謂無狀之狀,無物之象,是謂惚恍。

shì wèi wú zhuàng zhī zhuàng ,wú wù zhī xiàng ,shì wèi hū huǎng 。

迎之不見其首,隨之不見其後。

yíng zhī bú jiàn qí shǒu ,suí zhī bú jiàn qí hòu 。

執古之道以御今之有。

zhí gǔ zhī dào yǐ yù jīn zhī yǒu 。

能知古始,是謂道紀。

néng zhī gǔ shǐ ,shì wèi dào jì 。

 

14

Unbegreiflichkeit des Dào

 

Du schau nach ihm – und nimmst nichts wahr:

schlicht lautet es, wie unsichtbar;

du horchst nach ihm – und hörst nichts da:

leer lautet es, wie unhörbar;

du greifst - wo nichts zu fassen war:

fein lautet es, wie unfassbar.

 

Man kann die drei nicht tief erkunden ...

drum sind sie auch vereint verbunden:

nicht oben hell, nicht dunkel unten,

wie grenzenlos sie ohne Namen

zurück ins Wesenlose kamen.

 

Als formenlose Form bekannt,

als Abbild eines Wesenlosen 

verschwommen, vage auch genannt.

siehst zu ihm hin nicht den Beginn,

ihm folgend, nicht aufs Ende hin.

 

Am Weg der Alten halte fest,

der nun dein Dasein meistern lässt.

Der Alten Urbeginn ergründen

heißt: Dào's Roten Faden finden.

 

[

 

 Kapitel 14 beschreibt eine Wirklichkeit, die sich jeder Festlegung entzieht. Das Gesehene ist nicht sichtbar, das Gehörte nicht hörbar, das Gegriffene nicht greifbar. Diese drei Formen der Entzugsgeste weisen auf dasselbe hin: Das Dào lässt sich nicht fassen, weil es nicht eine Form unter vielen ist, sondern die Bewegung, aus der Formen hervorgehen. Es trägt die Welt, indem es sich zurückzieht. Das Kapitel zeigt eine Tiefe, die nicht im Geheimnis liegt, sondern in der Weite jenseits aller Unterscheidungen. Die Rückwendung in das Unbestimmte ist kein Rückzug, sondern ein Wiedererkennen des Ursprungs. Was vorne und hinten ist, lässt sich nicht bestimmen, weil das Dào nicht in der Zeit verläuft. Die Zeilen laden dazu ein, die Welt nicht über ihre Erscheinungen zu verstehen, sondern über die Stille, aus der sie kommt. Das Unfassbare ist hier nicht Mangel, sondern die Bedingung dafür, dass alles möglich wird.

 Die poetische Fassung greift diese Entzugsgeste mit besonderer Leichtigkeit auf. Die drei Bilder des Nicht-Wahrnehmbaren sind klar gesetzt und behalten zugleich ihre Unbestimmtheit, sodass der Leser in den Zwischenräumen verweilen kann. Die Sprache vermeidet jede Verdichtung und folgt der weichen Bewegung des Kapitels, das weniger erklärt als öffnet. Besonders gelungen ist die Versführung, die den Übergang zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem ohne Bruch gestaltet. Die Fassung hält die Transparenz des Originals, indem sie nicht versucht, das Unfassbare zu beschreiben, sondern es in der Ruhe der Form spürbar werden lässt. Die Zeilen über die Rückkehr fangen die laozianische Zeitlosigkeit ein, ohne sie mystisch zu färben. So entsteht eine poetische Gestalt, die den Ton des Kapitels trägt, ohne ihn zu beschweren.

 Kapitel 14 zeigt das Dào als eine Bewegung jenseits der Wahrnehmung, die dennoch alles trägt. Die poetische Fassung bewahrt diese stille Weite und lässt den Leser in das Unsichtbare eintreten, ohne es zu benennen. Sie hält den Raum offen, in dem Ursprung nicht erklärt, sondern erfahren wird, und bewahrt die unangestrengte Klarheit des Originals.

 

15 - Unergründlichkeit der Weisen

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

古之善為士者,

gǔ zhī shàn wéi shì zhě ,

微妙玄通,深不可識。

wēi miào xuán tōng ,shēn bú kě shí 。

夫唯不可識,故強為之容。

fū wéi bú kě shí ,gù qiáng wéi zhī róng 。

豫兮[焉]若冬涉川;

yù xī [yān ] ruò dōng shè chuān ;

猶兮若畏四鄰;儼兮其若容;

yóu xī ruò wèi sì lín ;yǎn xī qí ruò róng ;

渙兮若冰之將釋;敦兮其若樸;

huàn xī ruò bīng zhī jiāng shì ;dūn xī qí ruò pǔ ;

曠兮其若谷;混兮其若濁;

kuàng xī qí ruò gǔ ;hún xī qí ruò zhuó ;

[澹兮其若海;飂兮若無止。]

[dàn xī qí ruò hǎi ;liù xī ruò wú zhǐ 。]

]孰能濁以[止]靜之徐清。

shú néng zhuó yǐ [zhǐ ]jìng zhī xú qīng 。

孰能安以動之徐生。

shú néng ān yǐ dòng zhī xú shēng 。

保此道者不欲盈。

bǎo cǐ dào zhě bú yù yíng 。

夫唯不盈故能蔽而新成。

fū wéi bú yíng gù néng bì ér xīn chéng 。

 

15 

Unergründlichkeit der Weisen

 

Vortrefflich wirkten Meister einst

geheimnisvoll, durchdringend, feinst,

tief undurchschaubar zu entrücken.

Doch gerade weil nicht zu durchschauen,

drum such' ihr Bild ich zu erbauen:

 

Behutsam wie zu Winterszeiten
oh
einen Fluss zu überschreiten,

mit Vorsicht, oh, als fürchte man
die Nachbarn allseits nebenan,

und höflich wie nur Gäste dann,

ohsanft, wie Eis, das schmilzt fortan,

so echt wie Holz, noch unbehauen,

oh, offen sind sie gleich den Auen,

so trübe, niemals zu durchschauen.

 

Wer kann all jene trüben Sphären
behutsam mittel Stille
 klären?

Wer weiß durch dauerndes Bewegen
behutsam Frieden anzuregen?

Wer Dào sich bewahrt, der muss
nicht sehnen
 sich nach
 Überfluss:

denn nur nicht viel zu viel Genuss

kann so beschirmen uns am meisten,
nicht 
zwingend immer neu zu leisten.

 

[

 

 Kapitel 15 zeichnet das Bild der Alten, deren Weisheit nicht in Wissen, sondern in Haltung bestand. Sie wirkten, ohne Spuren zu hinterlassen, und bewegten sich, ohne Wellen zu schlagen. Ihre Nähe zum Dào zeigte sich in einer Aufmerksamkeit, die nicht richten wollte, sondern wahrnahm. Die Vergleiche des Kapitels – vorsichtig wie das Überqueren eines Winterflusses, wach wie ein Feind im Hinterhalt, schlicht wie unbearbeitetes Holz – zeigen eine Sammlung, die aus Vorsicht nicht Angst, sondern Klarheit gewinnt. Die Alten bewahrten ihre Mitte, indem sie nicht beanspruchten, die Welt zu kennen. Das Kapitel beschreibt ein Dasein, das sich nicht auf Gewissheiten stützt, sondern auf Empfänglichkeit. Wer nicht weiß, glaubt nicht zu herrschen, und wer nicht herrscht, bleibt mit den Dingen verbunden. So erscheint Weisheit als eine Kunst der Durchlässigkeit, in der das Zarte das Starke überdauert.

 Die poetische Fassung nimmt diese Bilder mit feinem Respekt auf. Die vorsichtigen Schritte, die stille Wachsamkeit, die Schlichtheit des Holzes – all dies wird in einer ruhigen Versführung gehalten, die die Atmosphäre des Originals bewahrt. Die Sprache wird nicht schwer, obwohl die Bilder von Gefahr sprechen; sie bleibt aufmerksam und leicht, wie die Alten selbst. Besonders schön ist der Übergang vom Ungewissen zum Geduldigen: Die Verse zeigen, dass die Alten nicht durch Wissen glänzen, sondern durch ihre Bereitschaft, offen zu bleiben. Die poetische Umsetzung vermeidet jede Überhöhung und lässt die Vergleiche für sich sprechen. Der Ton bleibt transparent, sodass die leise Demut des Kapitels erhalten bleibt. Die Fassung spiegelt die ursprüngliche Bewegtheit, ohne sie zu erklären, und behält die stille Würde der alten Weisen.

 Kapitel 15 zeigt Weisheit als eine Form des vorsichtigen Gehens, das die Welt nicht verletzt. Die poetische Fassung hält diese Haltung mit sanfter Klarheit und lässt die Kunst des Nichtwissens als Stärke erscheinen. Sie öffnet einen Raum, in dem Demut nicht Verzicht bedeutet, sondern die Bereitschaft, mit der Welt zu gehen, ohne sie zu beherrschen.

 

16 - Heimkehr zur Beständigkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

致虛極守靜篤。

zhì xū jí shǒu jìng dǔ 。

萬物並作,吾以觀復。

wàn wù bìng zuò ,wú yǐ guān fù 。

夫物芸芸各復歸其根。

fū wù yún yún gè fù guī qí gēn 。

歸根曰靜,是謂復命;

guī gēn yuē jìng ,shì wèi fù mìng ;

復命曰常,知常曰明。

fù mìng yuē cháng ,zhī cháng yuē míng 。

不知常,妄作凶。

bú zhī cháng ,wàng zuò xiōng 。

知常容,容乃公,

zhī cháng róng ,róng nǎi gōng ,

公乃全,全乃天,

gōng nǎi quán ,quán nǎi tiān ,

天乃道,道乃久,沒身不殆。

tiān nǎi dào ,dào nǎi jiǔ ,méi shēn bú dài 。

 

16

Heimkehr zur Beständigkeit

 

Im Äußersten dich leer erfahren,

im Kern die Ruhe zu bewahren.

 

Verschmelzend wachsen alle Wesen,

kann da ich schon die Heimkunft lesen.

Denn Wesen kehren, ohne Zahl,

heim zu den Wurzeln allemal.

 

Zurück zur Wurzel: Ruhe mehren,

heißt: zur Bestimmung heimzukehren,

Bestimmung Ewiges auch heißt:

die Ewige Erleuchtung weist.

 

Nicht wissen, was so ewig sei,

ruft achtlos Elendes herbei.

Das Ewige: umfassend sein!

Umfassend zur Gerechtigkeit,

gerecht: zum Königtum bereit,

führt königlich den Himmel ein –

lässt himmlisch so im Dào sein.

 

Das Dào führt zu langem Leben 

kein Leib mehr  nicht bedrohlich eben!

 

[

 

 Kapitel 16 führt in eine Stille, die nicht Abwesenheit bedeutet, sondern Rückkehr. „Höchste Leere wahren“ heißt, den Geist so weit werden zu lassen, dass alles hineinfallen darf, ohne ihn zu stören. Die Welt bewegt sich unablässig, doch im Hintergrund liegt eine Ruhe, in die alle Bewegungen zurückkehren. Das Kapitel beschreibt das Werden und Vergehen nicht als Verlust, sondern als Heimkehr. Wer diese Rückkehr versteht, erschrickt nicht vor Wandel, sondern erkennt darin den Rhythmus des Daseins. Die Dinge entfalten sich, blühen, reifen, und kehren zurück in ihren Ursprung; diese Bewegung ist nicht zu lenken, nur zu sehen. Das Kapitel zeigt eine Klarheit, die aus dem Wissen um die eigene Vergänglichkeit entsteht, und eine Festigkeit, die nicht Härte ist, sondern Einverständnis mit dem, was kommt und geht. So öffnet sich ein Raum, in dem Gelassenheit keine Flucht bedeutet, sondern die richtige Mitte.

 Die poetische Fassung trägt diese Weite des Rückkehrens mit sanfter Konzentration. Die Zeilen über das Wahren der Leere und das Halten der Ruhe behalten ihren gleichmäßigen Klang und vermeiden jede Schwere. Die Bewegung vom Wachsen zum Vergehen ist klar und unaufgeregt dargestellt, sodass die zyklische Natur des Kapitels unmittelbar fühlbar wird. Besonders fein ist der Umgang mit der Idee des Ursprungs: Die Fassung beschreibt ihn nicht, sondern lässt ihn in der Stille zwischen den Versen anklingen. Die Sprache bleibt weit und durchlässig, ohne sich in Bildern zu verlieren. Die poetische Umsetzung bewahrt die laozianische Nüchternheit und zeigt, wie Ordnung aus dem Akzeptieren des Wandels entsteht. In ihrer ruhigen Rhythmik hält sie die Spannung zwischen Leere und Werden in einem leichten Gleichgewicht.

 Kapitel 16 zeigt die Welt als einen Atem von Entstehen und Rückkehr. Die poetische Fassung bewahrt diese Bewegung mit stiller Klarheit und lässt die Erkenntnis des Wandels ohne Pathos erscheinen. Sie erinnert daran, dass Festigkeit aus Einverständnis wächst und dass Gelassenheit dort beginnt, wo man die Dinge zu ihrem Ursprung zurückkehren lässt.

 

17 - Bedachtsame Herrschaft

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

太上,下知有之。

tài shàng ,xià zhī yǒu zhī 。

其次親而譽之。 

qí cì qīn ér yù zhī 。 

其次畏之。 其次侮之。

qí cì wèi zhī 。 qí cì wǔ zhī 。

信不足焉,有不信焉。

xìn bú zú yān ,yǒu bú xìn yān 。

悠兮其貴言,功成事遂,

yōu xī qí guì yán ,gōng chéng shì suí ,

百姓皆謂我自然。

bǎi xìng jiē wèi wǒ zì rán 。

 

17

Bedachtsame Herrschaft

 

Von Höchsten oben, weiß man ja
hier unten 
nur: sie sind wohl da!

die Nächsten fühlt man nah und preist sie,

die Nächsten dann: man fürchtet meist sie,

die Nächsten: man verachtet dreist sie.

 

Kann man Vertrauen nicht entfalten,
wird man 
Vertrauen nicht erhalten!

 

Geschätzt die Worte, ach, bedacht,

die Pflicht erfüllt, das Werk vollbracht,

und alle Leute sagen: „Oh!
wir taten wie von selbst 
es s
o!“

 

[

 

 Kapitel 17 beschreibt vier Stufen der Herrschaft, die sich durch ihre Sichtbarkeit unterscheiden. Die höchste Form bleibt nahezu unbemerkt; die Menschen wissen kaum, dass sie geführt werden, und gerade darin liegt ihre Freiheit. Die nächste Stufe wird geliebt, die dritte gefürchtet, die vierte verachtet. Das Kapitel zeigt, dass Macht nicht durch Stärke wirkt, sondern durch Vertrauen – und dass Vertrauen nur entsteht, wenn Führung sich nicht vordrängt. Wo der Herrschende misstraut, erzeugt er Misstrauen; wo er vertraut, weckt er Selbstvertrauen. Die Zeilen deuten an, dass das Werk gelingt, wenn der Führende es nicht sich zuschreibt, sondern den Menschen ihre eigene Wirksamkeit lässt. Die beste Ordnung ist jene, in der das Gelingen wie von selbst erscheint. Das Kapitel entwirft damit ein Bild politischer Zurückhaltung, die nicht Schwäche bedeutet, sondern eine Form des Respekts gegenüber dem natürlichen Gang der Dinge.

 Die poetische Fassung führt diese Stufen der Herrschaft in einer klaren, absteigenden Linie vor. Die wiederholte Wendung „die Nächsten“ schafft eine rhythmische Staffelung, in der die Qualität der Führung hörbar wird. Die Verse über das Vertrauen sind besonders treffend: Sie bringen die laozianische Einsicht auf den Punkt, ohne sie zu erklären. Der Schluss – „wir taten wie von selbst es so“ – hält die Haltung des Wu wei in einer schlichten, fast beiläufigen Formulierung. Die poetische Umsetzung vermeidet jede moralische Schwere und bewahrt die Leichtigkeit, mit der Laozi politische Ordnung nicht als Technik, sondern als Beziehung begreift. Der Ton bleibt unaufdringlich und ruhig, sodass die Bewegung vom Unsichtbaren zum Sichtbaren und wieder zurück fühlbar wird. Die Fassung lässt die Leserinnen und Leser das Ideal der stillen Führung unmittelbar erleben.

 Kapitel 17 zeigt, dass die beste Wirksamkeit die ist, die sich nicht hervorhebt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Klarheit und macht spürbar, dass Vertrauen aus Nicht-Anspruch entsteht. Sie öffnet den Blick dafür, dass politische Kraft dort wächst, wo Menschen sich selbst als Handelnde erkennen – und nicht als Geführte.

 

18 - Zeichen des Verfalls

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

大道廢有仁義;

dà dào fèi yǒu rén yì ;

慧智出有大偽;

huì zhì chū yǒu dà wěi ;

六親不和有孝慈;

liù qīn bú hé yǒu xiào cí ;

國家昏亂有忠臣。

guó jiā hūn luàn yǒu zhōng chén 。

 

18

Zeichen des Verfalls

 

Das Große Dào: so verloren,
sind Menschlichkeit und 
Recht geboren;

sind Schläue und Gewandheit frei,
dann 
gibt es große Heuchelei.

Doch harmoniert Famlie nicht:
folgt Elternliebe, Kindespflicht;

sind Land und Leute wirr-chaotisch,
sind die Beamten 
patriotisch.

 

[

 

 Kapitel 18 beschreibt den Verlust des Ursprungs und das Entstehen von Ersatzwerten. Wenn das große Dào nicht mehr gelebt wird, treten Moral und Pflicht hervor; wenn die Harmonie in der Familie schwindet, wachsen Reden über Liebe und Mitgefühl; wenn das Land in Unordnung gerät, entstehen Loyalität und Patriotismus. Das Kapitel zeigt eine paradoxe Bewegung: Je weiter man sich vom Ursprung entfernt, desto mehr Prinzipien entstehen – nicht als Zeichen einer höheren Ordnung, sondern als Symptome eines Mangels. Moral erscheint nicht als Krone des Zusammenlebens, sondern als Reparaturmechanismus, der ein verlorenes Gleichgewicht ersetzen soll. Die Zeilen erinnern daran, dass echte Verbundenheit still ist und keine Benennung braucht. Erst wenn das Natürliche zerfällt, muss das Wünschenswerte beschworen werden. So macht das Kapitel sichtbar, dass Tugenden nicht im Übermaß erstarken, sondern im Schatten einer gestörten Einfachheit.

 Die poetische Fassung bringt diese Abfolge von Verlust und Ersatz in einer ruhigen, klaren Linie zur Geltung. Die parallelen Formulierungen verstärken die laozianische Diagnose, ohne sie zu verschärfen: Jede neue Tugend erscheint wie eine Schicht, die sich über einen Riss legt. Die Sprache bleibt unaufgeregt und bewahrt die leichte Bitterkeit des Originals, das nicht klagt, sondern beobachtet. Die Verse sind präzise gesetzt, sodass die Bewegungen – vom Verfall des Dào zu den entstehenden Tugendbegriffen – deutlich, aber nicht schwer wirken. Besonders fein ist die Zurückhaltung: Die Fassung schildert die Symptome, ohne Moral gegen Moral zu richten. Sie lässt die Bilder für sich sprechen und bewahrt die nüchterne Eleganz des Kapitels. Dadurch entsteht ein Ton, der weder resigniert noch belehrend ist, sondern still erinnert.

 Kapitel 18 zeigt, dass Tugend dort lauter wird, wo das Natürliche verstummt. Die poetische Fassung hält diese Einsicht mit sanfter Klarheit und führt zurück zu der Idee, dass Harmonie nicht aus Regeln entsteht, sondern aus dem, was keiner Benennung bedarf. Sie lässt spüren, wie sich die Welt vom Ursprung entfernt – und wie der Ursprung dennoch im Hintergrund bleibt, als leise Möglichkeit der Rückkehr.

 

19 - Freiheit durch Anspruchslosigkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

絕聖棄智,民利百倍;

jué shèng qì zhì ,mín lì bǎi bèi ;

絕仁棄義,民復孝慈;

jué rén qì yì ,mín fù xiào cí ;

絕巧棄利,盜賊無有;

jué qiǎo qì lì ,dào zéi wú yǒu ;

此三者,以為文不足。

cǐ sān zhě ,yǐ wéi wén bú zú 。

故令有所屬,

gù lìng yǒu suǒ shǔ ,

見素抱樸少私寡欲。

jiàn sù bào pǔ shǎo sī guǎ yù 。

 

19

Freiheit durch Anspruchslosigkeit

 

Legt ab die falsche Frömmelei,

macht von Gelehrsamkeit euch frei;

dient hundertfach dem Volk dabei;

zurück zu kindlich-frommem Brauch 
und kehrt zur Elternliebe auch;

nicht schlau nur nach Gewinnen streben:

und Dieb und Räuber wird's nicht geben.

 

 Da dieses Dreierlei so weit
es zu beschreiben nicht genügt,

so sei noch dies hinzugefügt:

zeig' schlicht dich, wahre Einfachheit –

kürz' Selbstsucht und Begehrlichkeit!

 

[

 

 Kapitel 19 schlägt eine überraschend radikale Wendung vor: Lässt man Weisheit und Gelehrsamkeit fahren, kehrt das Volk zur Einfachheit zurück. Gibt man Moral und Gerechtigkeit auf, entsteht natürliche Güte. Lässt man Klugheit und Begehrlichkeit ruhen, kehrt Gelassenheit ein. Diese Dreifachbewegung ist keine Feindseligkeit gegenüber Wissen oder Tugenden, sondern eine Kritik an ihrer Verabsolutierung. Das Kapitel zeigt, dass Überbetonung des Richtigen das Natürliche überlagert. Weisheit, die sich selbst hervorhebt, gerät zur Eitelkeit; Moral, die sich durchsetzt, zwingt mehr, als sie führt. Die Rückkehr zur Schlichtheit bedeutet nicht Rückschritt, sondern Befreiung von Überformungen, die das Herz beschweren. Das Kapitel lädt ein, das Leben nicht mit Prinzipien zu überfrachten, sondern dem Ungekünstelten Raum zu geben. So entsteht eine Haltung, in der die Dinge wieder aus sich selbst heraus entstehen dürfen.

 Die poetische Fassung bringt diese dreifache Entlastung mit klaren Linien zur Geltung. Die parallele Struktur der Verse spiegelt die Bewegung des Kapitels: Nicht durch Verzicht, sondern durch Loslassen entsteht eine tiefere Form der Ordnung. Die Sprache bleibt ruhig und schlicht und vermeidet jede Polemik gegen Wissen oder Moral. Besonders gelungen ist die Darstellung des Übergangs von Künstlichkeit zu Einfachheit: Die Verse lassen spüren, wie das Herz leichter wird, wenn die Formen nicht mehr herrschen. Die poetische Umsetzung behält die laozianische Sanftheit und zeigt, dass Schlichtheit kein Mangel ist, sondern eine Haltung, die Komplexität nicht leugnet, sondern durch Klarheit verwandelt. Die rhythmische Wiederholung unterstützt das Gefühl einer sanften Heimkehr.

 Kapitel 19 zeigt, dass Einfachheit nicht die Abwesenheit von Werten ist, sondern ihre unangestrengte Form. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und lässt spüren, wie Entlastung zu Tiefe führt. Sie deutet an, dass Leben dann gelingt, wenn die Formen in den Hintergrund treten und das Wesentliche wieder frei werden darf.

 

20 - Weltmenschen und Weise

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

絕學無憂,唯之與阿,相去幾何﹖

jué xué wú yōu ,wéi zhī yǔ ā ,xiàng qù jǐ hé ﹖

善之與惡,相去若何﹖

shàn zhī yǔ è ,xiàng qù ruò hé ﹖

人之所畏,不可不畏。

rén zhī suǒ wèi ,bú kě bú wèi 。

荒兮其未央哉!

huāng xī qí wèi yāng zāi !

眾人熙熙如享太牢 如春登臺。

zhòng rén xī xī rú xiǎng tài láo  rú chūn dēng tái 。

我獨泊兮其未兆,如嬰兒之未孩;

wǒ dú bó xī qí wèi zhào ,rú yīng ér zhī wèi hái ;

儽儽兮若無所歸。

lěi lěi xī ruò wú suǒ guī 。

眾人皆有餘,而我獨若遺。

zhòng rén jiē yǒu yú ,ér wǒ dú ruò yí 。

我愚人之心也哉!

wǒ yú rén zhī xīn yě zāi !

沌沌兮俗人昭昭。

dùn dùn xī sú rén zhāo zhāo 。

我獨昏昏;俗人察察,我獨悶悶。

wǒ dú hūn hūn ;sú rén chá chá ,wǒ dú mèn mèn 。

澹兮其若海,飂兮若無止眾人皆有以,

dàn xī qí ruò hǎi ,liù xī ruò wú zhǐ zhòng rén jiē yǒu yǐ ,

而我獨頑且鄙。

ér wǒ dú wán qiě bǐ 。

我獨異於人,而貴食母。

wǒ dú yì yú rén ,ér guì shí mǔ 。

 

20

Weltmenschen und Weise

 

Verzichtauf Gelehrsamkeit 
und keine Sorgen 
weit und breit!

Wie viel ein Ja und Heucheleien

entfernt wohl voneinander seien?

Und Gut und Böse: unterscheiden

sich ähnlich weit wohl diese beiden?

 

Wenn Menschen etwas fürchten, kann

man nicht sich fürchten ... nicht mehr dann:

nicht endend Einsamkeit fortan!

 

Höchst fröhlich scheint nun jedermann:

wie Opferfeste feiernd dann,

als stiegen in des Frühlings Bann
Terrassen
 sie zur Aussicht an
.

 

Bloß ich allein bin, ach, so still,
noch gleichsam ohne jedes
 Zeichen,

wie einem Säugling zu vergleichen,
der noch nicht richtig lächeln
 will;

bin müde und erschöpft, und oh 
wie ohne Ort der Heim
kehr so.

 

Im Überfluss die meisten da,

doch ich nur wie verlorenja!

Ich, eines Toren Herz... wie wahr!

Verwirrt und, ach, verworren gar.

 

Gewöhnliche sind hell und klar,

wo ich nur trüb und dunkel war;

Normale: unterscheidend, strikt,

nur ich bekümmert und bedrückt.

Ach, wogend bin ich wie das Meer,

wie ziellos, ach, verweht schon sehr.

 

Ein jeder schmiedet Pläne sich,

doch ich alleine wähne mich
wohl eher 
eigenbrötlerisch,
dem Hinterwäldler 
gleiche ich.

und ich allein bin anders als
die 
andern Leute jedenfalls,

jedoch ich schätze als bewährt
... 
die Mutter, die uns alle nährt.

 

[

 

 Kapitel 20 stellt die Frage nach dem Wert gesellschaftlicher Urteile in einer Welt, die sich von ihnen kaum berühren lässt. Es beginnt mit einer Absage an Wissen und Unterscheidungen, die das Herz eher verwirren als klären. Die Kontraste zu den Menschen, die sich freuen, feiern, planen und vergleichen, erzeugen ein Bild der Einsamkeit, das jedoch nicht beklagt wird. Der Sprecher steht wie ein Kind da, leer und offen, nicht aus Unwissenheit, sondern aus Nichtverstrickung. Das Kapitel zeigt die Schwierigkeit, inmitten einer geschäftigen Welt eine innere Stille zu wahren. Die anderen besitzen Ziele und Meinungen; der Weise bleibt ohne Festlegung. Diese Haltung ist keine Flucht, sondern eine Verankerung im Ursprung. Das Fremdsein entsteht nicht aus Distanz, sondern aus einer Nähe zu etwas, das die meisten nicht sehen. So entfaltet das Kapitel eine sanfte, aber deutliche Gegenbewegung zur Unruhe des Alltags.

 Die poetische Fassung fängt dieses Gefühl der stillen Andersheit mit besonderer Feinheit ein. Die Gegenüberstellung der lärmenden Welt und der kindlichen Offenheit ist zart gestaltet und vermeidet jede Bitterkeit. Die Verse über das Alleinstehen behalten ihren ruhigen Atem, sodass das Fremdsein nicht als Schmerz erscheint, sondern als Konsequenz einer anderen Wahrnehmung. Die sprachliche Schlichtheit unterstützt die laozianische Haltung des Nicht-Mitlaufens. Besonders gelungen ist die Darstellung des „Unbestimmten“: Die poetische Umsetzung zeigt es nicht als Leere, sondern als einen Raum, der frei von Absichten ist. Die Übersetzung hält die Spannung zwischen Isolation und Gelassenheit, ohne sie zu erklären, und bleibt damit eng beim Original, das mehr durch Andeutung als durch Aussage wirkt.

 Kapitel 20 zeigt, dass innere Freiheit oft einsam wirkt, ohne es zu sein. Die poetische Fassung bewahrt diese leise Entkopplung und lässt erkennen, dass der Weise nicht gegen die Welt steht, sondern neben ihr geht – in einer Stille, die nicht Abkehr bedeutet, sondern Rückkehr zu dem, was trägt.

 

21 - Unauslotbares Dào

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

孔德之容惟道是從。

kǒng dé zhī róng wéi dào shì cóng 。

道之為物惟恍惟惚。

dào zhī wéi wù wéi huǎng wéi hū 。

惚兮恍兮其中有象。

hū xī huǎng xī qí zhōng yǒu xiàng 。

恍兮惚兮其中有物。

huǎng xī hū xī qí zhōng yǒu wù 。

窈兮冥兮其中有精。

yǎo xī míng xī qí zhōng yǒu jīng 。

其精甚真。其中有信。

qí jīng shèn zhēn 。qí zhōng yǒu xìn 。

自古及今,其名不去以閱眾甫。

zì gǔ jí jīn ,qí míng bú qù yǐ yuè zhòng fǔ 。

吾何以知眾甫之狀哉!以此。

wú hé yǐ zhī zhòng fǔ zhī zhuàng zāi !yǐ cǐ 。

 

21

Unauslotbares Dào

 

Gesinnung Innerer Kraft: wie hohl,

sie wird nur Dào folgen wohl.

 

Das Dào wirkt als Wesen wie

bloß vage, fasslich wird es nie.

Unfasslichvage obendrein:

im Innern müssen Bilder sein.

So vage, ach, unfasslich, ja:

sein Inneres birgt Wesen da.

Verborgen, ach, nicht zu ergründen,

kann innen man Essenzen finden;

höchst ursprünglich Essenzen innen:

Vertrauen gibt es da tief drinnen.

 

Vom Altertum bis nun indessen

bleibt uns sein Name unvergessen,

derweil erschaut man nun darin
all jener Wesen Urbeginn.

Wie weiß die Form ich zu Beginn

von Allem? Von tief innen drin!

 

[

 

 Kapitel 21 beschreibt die Art, wie das Dào im Inneren des Weisen gegenwärtig ist. Diese Gegenwart ist keine Erkenntnis im üblichen Sinn, sondern eine Spur, die sich zeigt, ohne sich zu enthüllen. Das Kapitel spricht von einer Kraft, die allein aus dem Dào stammt und doch unbestimmt bleibt, weil das Dào selbst ungreifbar ist. Die Bilder führen durch eine Reihe von Verfeinerungen: dunkel, noch dunkler, ganz dunkel – nicht als Abwertung, sondern als Hinweis auf eine Tiefe jenseits des Sichtbaren. Das Ungeformte trägt die Formen, das Unfassbare die Bewegungen. Der Weise vertraut dieser Spur, weil er spürt, dass sie älter ist als jedes Benennen. Die Zeilen zeigen ein Sehen, das nicht unterscheidet, und ein Wissen, das nicht sammelt. Das Kapitel öffnet so einen Blick auf eine Welt, in der Ursprung und Erscheinung nicht getrennt sind, sondern im Stillen ineinander übergehen. In dieser Durchlässigkeit liegt die einzige Zuverlässigkeit, die das Dào gewährt.

 Die poetische Fassung erfasst diese Verschlingung von Spur und Ursprung mit feiner Zurückhaltung. Die Wiederholung der dunklen Stufen hält die Schichtung des Unsichtbaren lebendig, ohne sie zu beschweren. Die Sprache bleibt ruhig und transparent und folgt dem stillen Wandern des Kapitels vom Ungeformten zum Geformten und wieder zurück. Besonders gelungen ist der Umgang mit der Spur des Dào: Die Verse benennen sie nicht, sondern lassen ihre Anwesenheit durch die Leere zwischen den Bildern fühlbar werden. Die poetische Umsetzung vermeidet jede Erklärung, was das Dào sei, und bleibt damit ganz im Geist des Originals, das kein Begriffssystem anbietet, sondern eine innere Bewegung. Der Ton bewahrt die laozianische Schlichtheit und macht die Spur des Ungreifbaren zum feinen Mittelpunkt des Textes.

 Kapitel 21 zeigt, dass das Dào sich dort erkennen lässt, wo man nicht festhält. Die poetische Fassung bewahrt diese Erkenntnis mit stiller Klarheit und lässt die Tiefe des Unbestimmten als Quelle sichtbar werden. Sie deutet an, dass der Weg nicht im Wissen liegt, sondern in der Bereitschaft, der Spur zu folgen, die vor allen Formen liegt und dennoch jede Form trägt.

 

22 - Weisheit der Nachgiebigkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

曲則全,  枉則直,

qǔ zé quán ,  wǎng zé zhí ,

窪則盈,敝則新少則得,

wā zé yíng ,bì zé xīn shǎo zé dé ,

多則惑。是以聖人抱一,為天下式。

duō zé huò 。shì yǐ shèng rén bào yī ,wéi tiān xià shì 。

不自見故明;不自是故彰;

bú zì jiàn gù míng ;bú zì shì gù zhāng ;

不自伐故有功;不自矜故長;

bú zì fá gù yǒu gōng ;bú zì jīn gù zhǎng ;

夫唯不爭,故天下莫能與之爭。

fū wéi bú zhēng ,gù tiān xià mò néng yǔ zhī zhēng 。

古之所謂:「曲則全者」豈虛言哉!

gǔ zhī suǒ wèi :「qǔ zé quán zhě 」qǐ xū yán zāi !

誠全而歸之。

chéng quán ér guī zhī 。

 

22

Weisheit der Nachgiebigkeit

 

Zum Teil, dann ganz, gebeugt, dann gerade;

leer – voll dann, alt, dann neue Pfade.

Erst wenig und dann viel erringen,

zu viel wird dann Verwirrung bringen.

 

Drum Weise jenes Eine achten,

zum  Vorbild aller Welt sich machten:

Nicht eitel  drum erhellend war

nicht selbstgerecht man, so höchst klar;

kein Eigenlob, verdienstvoll schweigen,

nicht selbstbewundernd, Größe zeigen;

Weil eben nicht zum Streit bereit,

ist darum niemand, weltenweit,
mit ihnen fähig je zu Streit.

 

Erst teils, dann ganz   der Spruch der Alten:

Sie werden wahrlich Ganzheit lehren,
zum Dào dann zurückzukehren.

 

[

 

 Kapitel 22 zeigt die paradoxe Vollkommenheit des Gebrochenen. „Wer krumm ist, wird gerade; wer leer ist, wird gefüllt“ – diese Wendungen beschreiben keine moralische Umkehr, sondern die bewegliche Selbstordnung der Welt. Das Dào gleicht das Übermaß aus, indem es nicht eingreift, sondern den Dingen erlaubt, zu ihrer Mitte zurückzufinden. Das Kapitel macht sichtbar, dass das Weiche das Harte überdauert, weil es sich nicht widersetzt. Der Weise folgt dieser Bewegung: Er erhebt sich, indem er sich nicht erhebt, und wirkt, indem er nicht beansprucht. Die Zeilen zeigen eine Welt, in der Gelingen aus Nachgiebigkeit entsteht und Klarheit aus Verzicht auf Anspruch. Das Paradox ist kein Rätsel, sondern die Funktionsweise des Lebendigen. Wer sich nicht verschließt, bleibt offen für Wandlung; wer nicht klammert, wird gehalten. In dieser Logik findet das Kapitel die Einheit von Demut und Stärke.

 Die poetische Fassung bringt diese Umkehrungen mit einer ruhigen, fast schwebenden Leichtigkeit zur Sprache. Die parallelen Formulierungen lassen die innere Gesetzmäßigkeit des Kapitels hörbar werden: Jede Wendung kehrt sich um und findet damit ihre eigene Mitte. Die Versführung wahrt die Sanftheit des Originals und vermeidet jede Zuspitzung, sodass das Paradox sich natürlich entfaltet. Besonders schön ist die Art, wie das Motiv des Erhebens umgesetzt wird: Der Text lässt spüren, dass wahre Höhe aus Unaufdringlichkeit entsteht. Die poetische Umsetzung bewahrt die laozianische Transparenz und macht das Weiche nicht zum moralischen Ideal, sondern zur Beschreibung dessen, was trägt. Der Klang bleibt zurückhaltend und weit, sodass die Beweglichkeit des Dào fühlbar wird.

 Kapitel 22 zeigt, dass das Ganze nur entsteht, wenn man sich nicht verhärtet. Die poetische Fassung hält diese Einsicht mit stiller Klarheit und macht spürbar, dass Nachgeben nicht Schwäche ist, sondern die Form der Welt, die sich selbst ausgleicht. Sie öffnet einen Raum, in dem Verborgenheit und Wirksamkeit zusammenfallen und in dem das Dào durch die sanfte Wendung wirkt, nicht durch den Anspruch.

 

23 - Nachhaltigkeit des Dào

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

希言自然。

xī yán zì rán 。

故飄風不終朝,驟雨不終日。

gù piāo fēng bú zhōng cháo ,zhòu yǔ bú zhōng rì 。

孰為此者﹖天地。

shú wéi cǐ zhě ﹖tiān dì 。

天地尚不能久,而況於人乎﹖

tiān dì shàng bú néng jiǔ ,ér kuàng yú rén hū ﹖

故從事於道者,同於道。

gù cóng shì yú dào zhě ,tóng yú dào 。

德者同於德。

dé zhě tóng yú dé 。

失者同於失。

shī zhě tóng yú shī 。

同於道者道亦樂得之;

tóng yú dào zhě dào yì lè dé zhī ;

同於德者德亦樂得之;

tóng yú dé zhě dé yì lè dé zhī ;

同於失者失於樂得之。

tóng yú shī zhě shī yú lè dé zhī 。

信不足焉有不信焉

xìn bú zú yān yǒu bú xìn yān

 

23

Nachhaltigkeit des Dào

 

Braucht wenig Worte, die Natur...

ist doch ein Wirbelwind auch nur
nicht 
ganze Morgen lang von Dauer,

nicht taglang dauern jähe Schauer.

Wer nun bewirkte jene Dinge?

Himmel und Erde. Doch gelinge
selbst
 Himmel und Erde Dauer nie,

noch weniger den Menschen, wie?

 

Drum: so man gleichsam Dào-haft
die Angelegenheit bestritt...

wer Dào folgt, wird eins damit,

wer Innerer Kraft folgt, eins mit Kraft,

die beides lassen ganz bewusst,
sie werden eins mit dem Verlust.

 

Wer eins mit Dào werden kann,

den nimmt auch gern das Dào an;

wer eins mit Innerer Kraft ist dann,

gern nimmt die Innere Kraft ihn an;

wird eins mit Dào verlieren man,

nimmt gern auch der Verlust sie an.

 

Kann man Vertrauen nicht entfalten,

wird man Vertrauen nicht erhalten!

 

[

 

 Kapitel 23 spricht von der Kraft des Einfachen. Wenige Worte, wenig Eingreifen, wenig Selbstbehauptung: So entsteht eine Übereinstimmung mit dem Dào, das selbst nicht redet und doch alles trägt. Wenn der Wind stürmt, dauert er nicht lange; wenn der Regen fällt, hört er bald wieder auf. Naturereignisse zeigen, dass Intensität vergänglich ist. Das Kapitel deutet an, dass auch menschliches Handeln an Kraft verliert, sobald es sich übersteigert. Wer im Dào ruht, gleicht dem, was er aufnimmt: Wer mit dem Dào geht, ist beim Dào; wer mit der Tugend geht, bei der Tugend; wer mit dem Verlust geht, im Verlust. Die Übereinstimmung entsteht nicht durch Anpassung, sondern durch Klarheit über den eigenen Grund. Das Kapitel beschreibt eine Welt, in der Vertrauen aus Einfachheit wächst und Zerstreuung aus Übermaß. So wird sichtbar, dass die Stille nicht Abwesenheit bedeutet, sondern Rückkehr in das, was trägt.

 Die poetische Fassung bringt diese Bewegung zur Schlichtheit mit ruhiger Präzision zur Geltung. Die Kürze der Wendungen entspricht dem Ton des Kapitels und vermeidet jede Verzierung. Die Bilder von Wind und Regen behalten ihre leichte, fast beiläufige Wirkung, sodass die Vergänglichkeit der Intensität spürbar, aber nicht betont wirkt. Besonders gelungen ist die Darstellung der drei Übereinstimmungen – Dào, Tugend, Verlust –, die in der poetischen Form wie natürliche Schritte erscheinen. Die Sprache bleibt gelassen und klar und bewahrt die laozianische Nüchternheit, die keine Erklärungen benötigt. Die Fassung hält den Rhythmus des Originals und zeigt, wie Kraft aus Zurückhaltung entsteht. Die Verse lassen erkennen, dass Einfachheit nicht Armut ist, sondern eine Form der Echtheit.

 Kapitel 23 zeigt, dass der Weg dort beginnt, wo Worte enden. Die poetische Fassung begleitet diese Einsicht mit stiller Klarheit und lässt spüren, wie Übereinstimmung aus Ruhe wächst. Sie erinnert daran, dass das Dào nicht in der Vielzahl liegt, sondern im Wesentlichen – und dass man ihm am nächsten kommt, wenn man den eigenen Atem mit dem der Welt in Einklang bringt.

 

24 - Meidung der Raffinesse

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

企者不立;跨者不行。

qǐ zhě bú lì ;kuà zhě bú háng 。

自見者不明;自是者不彰。

zì jiàn zhě bú míng ;zì shì zhě bú zhāng 。

自伐者無功;自矜者不長。

zì fá zhě wú gōng ;zì jīn zhě bú zhǎng 。

其在道也曰:餘食贅形。

qí zài dào yě yuē :yú shí zhuì xíng 。

物或惡之,故有道者不處。

wù huò è zhī ,gù yǒu dào zhě bú chù 。

 

24

Meidung der Raffinesse

 

Auf Zehen kann man nicht gut stehen,

nicht mit gespreizten Beinen gehen.

Die Selbstsucht schenkt Erleuchtung nicht,

und Selbstgerechtigkeit kein Licht.

Wie Selbstruhm nicht Verdienst verspricht,

kennt Selbstlob überdauern nicht.

 

Dies, auch mit Blick auf Dào, sagt:

wer übertrieb'ne Kost nur wagt,
und neigt zu schwülstigem Gebaren,

mag Abscheu anderer erfahren,

drum man mit Dào da nicht tagt.

 

[

 

 Kapitel 24 zeigt die innere Logik des Übermaßes. Wer auf den Zehenspitzen steht, verliert das Gleichgewicht; wer sich vordrängt, stolpert über den eigenen Anspruch. Das Kapitel stellt einfache Bilder vor, die ohne jede Schärfe zeigen, wie Selbstüberhöhung ihre eigene Grenze erzeugt. Ruhm, Prahlerei, Besitzhaftigkeit und Gier nach Anerkennung erscheinen nicht als moralische Fehler, sondern als Bewegungen, die sich erschöpfen, weil sie gegen das natürliche Maß verstoßen. Laozi deutet an, dass das Dào nicht dort wirkt, wo man sich hervorhebt, sondern dort, wo man sich einfügt. Der Weise lehnt das Übermaß nicht aus Strenge ab, sondern weil es das innere Gleichgewicht zerstört. Das Kapitel beschreibt eine Welt, in der das Zuviel sich selbst vermindert und das Weniger Raum schafft. So zeigt es, dass das Unauffällige nicht klein ist, sondern im Einklang mit der Ordnung steht, die ohne Anspruch auskommt.

 Die poetische Fassung bringt diese Einsicht mit stiller Genauigkeit zur Sprache. Die einfachen Bilder – Stehen, Gehen, Loben, Erheben – bleiben klar und behalten ihre natürliche Kraft. Die Verse vermeiden jede moralische Spitze und lassen das Paradoxon des Übermaßes für sich wirken. Besonders gelungen ist der Ton der Zurückhaltung: Er spiegelt die laozianische Auffassung, dass das Weiche und Unaufdringliche tragfähiger ist als jedes Hervordrängen. Die Sprache der Fassung hält den Rhythmus des Originals und setzt die Bewegungen so, dass das Ungleichgewicht im Klang hörbar wird, ohne betont zu wirken. Die poetische Umsetzung führt vor Augen, dass das Überragende nicht Höhe bedeutet, sondern Instabilität. Sie wahrt die Schlichtheit des Kapitels und lässt seine Lehre aus der Form selbst hervortreten.

 Kapitel 24 zeigt, dass das Dào dort wirkt, wo das Maß sich hält. Die poetische Fassung bewahrt diese Haltung mit ruhiger Klarheit und lässt spüren, dass wahre Stärke in der Unaufdringlichkeit liegt. Sie lädt dazu ein, die eigene Mitte nicht zu verlieren, indem man sich über die Welt erhebt, sondern indem man die Bewegungen des Lebens ohne Anspruch begleitet.

 

25 - Größe des Dào

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

有物混成先天地生。

yǒu wù hún chéng xiān tiān dì shēng 。

寂兮寥兮獨立不改,

jì xī liáo xī dú lì bú gǎi ,

周行而不殆,可以為天下母。

zhōu háng ér bú dài ,kě yǐ wéi tiān xià mǔ 。

吾不知其名,強字之曰道。

wú bú zhī qí míng ,qiáng zì zhī yuē dào 。

強為之名曰大。

qiáng wéi zhī míng yuē dà 。

大曰逝,逝曰遠,遠曰反。

dà yuē shì ,shì yuē yuǎn ,yuǎn yuē fǎn 。

故道大、天大、地大、人亦大。

gù dào dà 、tiān dà 、dì dà 、rén yì dà 。

域中有四大,而人居其一焉。

yù zhōng yǒu sì dà ,ér rén jū qí yī yān 。

人法地,地法天,天法道,道法自然

rén fǎ dì ,dì fǎ tiān ,tiān fǎ dào ,dào fǎ zì rán

 

25

Größe des Dào

 

Ein Wesen, nebelhaft-vollendet,

vor Himmel und Erde schon entsendet:

Wie lautlos, ach, und leer in sich,
ureigen, unveränderlich,

wie stetig reisend, allumkreisend,
doch ungefährdet 
sich erweisend,

weshalb es auch gesehen werde
als Mutter schon von
 Himmel und Erde.

 

Kann seinen Namen ich nicht kennen,

will ich's, bezeichnend, Dào nennen;

bemüht ihm einen Namen bloß
verschaffend
, nenne ich es groß.

 

Und gr meint nun: hinweg entschwinden,

entschwinden meint: sich weithin binden,

weitreichend meint: zurück zu finden.

 

Sind Dào, Himmel, Erde groß ...
so
 ist der König auch grandios.

Im Reich der Mitte: diese Vier,
weilt groß auch deren König 
hier …

 

Der Mensch: er folgt der Erde Spur,

die Erde folgt des Himmels Tour,

der Himmel folgt dem Dào nur 

sich selbst folgt Dào als Natur.

 

[

 

 Kapitel 25 beschreibt das Ungeborene, das allem vorausgeht. Vor Himmel und Erde gab es etwas Formloses, Stillstehendes, Einsames, Unveränderliches – und doch war es gegenwärtig. Dieses Etwas wird nicht als Gott, Ursprung oder Substanz benannt, sondern als eine Bewegung, die weder Anfang noch Ende hat. Laozi deutet an, dass die Welt nicht aus einem Willen hervorgeht, sondern aus einer Ordnung, die sich selbst trägt. Das Kapitel beschreibt die Vierheit – Himmel, Erde, der Mensch und das große Dào – und zeigt, dass der Mensch der Erde folgt, die Erde dem Himmel, der Himmel dem Dào und das Dào nur sich selbst. Alles ist eingebettet in eine Hierarchie, die keine Herrschaft kennt, sondern ein Ineinander von Abhängigkeiten. Die Größe des Dào besteht darin, dass es sich nicht festlegt. Gerade weil es keinen Zweck verfolgt, kann es alles ermöglichen. So erscheint es als das Maß, das jeder Bewegung zugrunde liegt.

 Die poetische Fassung trifft die Weite dieses Urbildes mit ruhiger Schlichtheit. Die anfänglichen Beschreibungen des Namenlosen behalten ihre Transparenz und vermeiden jede mythologische Schwere. Die Verse fassen die Vierheit in einer klaren, fließenden Linie und lassen die gegenseitigen Bezüge ohne Betonung sichtbar werden. Besonders fein gelingt die Umsetzung des Unbestimmten: Die poetische Form benennt nichts ausdrücklich und gibt damit dem Unbenennbaren Raum. Die Sprache bleibt weit und gelassen, sodass das große Dào nicht erklärt, sondern nur angedeutet wird – ganz im Geist des Originals. Die Fassung bewahrt die weiche Erhabenheit des Kapitels, indem sie das Große nicht groß macht, sondern still hält. Ihre Rhythmik folgt der laozianischen Bewegung von Weite zu Demut.

 Kapitel 25 zeigt das Dào als Ursprung, der keinen Ursprung braucht. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit leiser Würde und lässt spüren, dass Größe nicht aus Macht entsteht, sondern aus der Freiheit von Zweck und Anspruch. Sie öffnet einen Raum, in dem das Namenlose nicht verborgen bleibt, sondern als Hintergrund aller Dinge in stiller Gegenwart erscheint.

 

26 - Gelassenheit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

重為輕根,靜為躁君。

zhòng wéi qīng gēn ,jìng wéi zào jūn 。

是以君子終日行不離重。

shì yǐ jūn zǐ zhōng rì háng bú lí zī zhòng 。

雖有榮觀燕處超然。

suī yǒu róng guān yàn chù chāo rán 。

奈何萬乘之主而以身輕天下。

nài hé wàn chéng zhī zhǔ ér yǐ shēn qīng tiān xià 。

輕則失根,躁則失君。

qīng zé shī gēn ,zào zé shī jūn 。

 

26

Gelassenheit

 

Das Schwere: Wurzel leichter Last,

die Ruhe nur beherrscht die Hast.

 

So wandeln Weise alle Tage,

verlassen nicht, welch Last man trage.

Selbst schönste Aussichten gefunden,

gelassen bleibt man ungebunden.

 

Wie könnte jener, der das Sagen
hat über 
die zehntausend Wagen,

jedoch nur seiner selbst zuliebe
zu leicht nimmt alles Weltgetriebe?

Zu leicht verliert die Wurzel man,

und hastig  die Beherrschung dann.

 

[

 

 Kapitel 26 erinnert daran, dass das Schwere die Wurzel des Leichten ist und die Ruhe die Grundlage jeder Bewegung. Die Welt trägt sich nicht durch Hast, sondern durch Sammlung. Der Weise bewahrt das Schwere nicht als Last, sondern als Mitte, aus der heraus er handelt. Das Kapitel zeigt, wie leicht man sich in Zerstreuung verliert, wenn das Innere nicht verankert ist. In der Bewegung verliert man leicht den Ursprung; in der Stille erinnert man sich wieder an ihn. Die Zeilen über Fürsten und Wagen deuten an, dass Macht ohne innere Ruhe hohl wird. Das Leichte schwebt davon, wenn es keinen Halt hat; das Schwere bleibt und gibt Richtung. Diese Gewichtung ist keine Moral, sondern ein Hinweis auf die Struktur des Daseins: Was Bestand haben soll, braucht eine Mitte. Das Kapitel lädt dazu ein, die eigene Tiefe nicht zu verlieren, wenn die Welt laut wird, und die Ruhe nicht zu vergessen, wenn das Leichte lockt. So entsteht ein Handeln, das nicht zerfällt.

 Die poetische Fassung bringt diese Beziehung von Schwere und Leichtigkeit mit sanfter Klarheit zur Geltung. Die Bilder aus dem Alltag – das Tragen, das Fahren, das Steigen – sind ruhig gesetzt und entfalten ihre Bedeutung ohne Anstrengung. Die Verse bewahren die laozianische Gelassenheit, indem sie die Schwere nicht bedrückend, sondern als verlässlichen Grund darstellen. Besonders gelungen ist die Darstellung des Fürsten, der seine Mitte verliert: Die poetische Form lässt spüren, dass Zerstreuung nicht von Umständen kommt, sondern vom inneren Abgleiten. Die Sprache bleibt weit und unaufdringlich, sodass die Verbindung zwischen Ruhe und Wirksamkeit deutlich wird. Die Fassung vermeidet jede didaktische Schärfe und hält die Balance zwischen Bild und Bedeutung. So entsteht ein Ton, der das Kapitel fast körperlich erfahrbar macht.

 Kapitel 26 zeigt, dass die Leichtigkeit erst dann trägt, wenn sie eine Wurzel hat. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Genauigkeit und lässt das Schwere als natürliche Grundlage des Handelns erscheinen. Sie erinnert daran, dass Ruhe keine Abkehr ist, sondern ein Ursprung, aus dem heraus Bewegung überhaupt erst gelingen kann.

 

27 - Wahre Meisterschaft

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

善行無轍跡。善言無瑕謫。

shàn háng wú zhé jì 。shàn yán wú xiá zhé 。

善數不用籌策。善閉無關楗而不可開。

shàn shù bú yòng chóu cè 。shàn bì wú guān jiàn ér bú kě kāi 。

善結無繩約而不可解。

shàn jié wú shéng yuē ér bú kě jiě 。

是以聖人常善救人,故無棄人。

shì yǐ shèng rén cháng shàn jiù rén ,gù wú qì rén 。

常善救物,故無棄物。是謂襲明。

cháng shàn jiù wù ,gù wú qì wù 。shì wèi xí míng 。

故善人者不善人之師。不善人者善人之資。

gù shàn rén zhě bú shàn rén zhī shī 。bú shàn rén zhě shàn rén zhī zī 。

不貴其師、不愛其資,

bú guì qí shī 、bú ài qí zī ,

雖智大迷,是謂要妙。

suī zhì dà mí ,shì wèi yào miào 。

 

27

Wahre Meisterschaft

 

Wie gutes Wandern spurenfrei,

gut Reden ohne Fehler sei.

Ein guter Rechner braucht nicht wählen:
auf Tafeln schreiben, 
Marken zählen
,

nicht Schloss noch Riegel: gut zu schließen,

doch keine sich noch öffnen ließen.

Gut knüpfen: Knoten nicht und Band,

doch keiner, der's zu lösen fand.

 

Und daher retten Weise eben

schon allezeit gut Menschenleben,

doch ohne sie je aufzugeben;

stets retten gut Geschöpfe sie,

um aufzugeben sie doch nie.

Dies nennt man: nach Erleuchtung streben.

 

Sind gute Menschen zu vermuten
als Lehrer drum der nicht so Guten,

sind nicht so Gute allemal
den Guten wie ihr Material.

die Lehrer nicht zu ehren nun,
den Auftrag nicht mehr gerne tun:

wie höchst verwirrt  trotz Kenntnisstand:

Geheimnis voller Sinn genannt.

 

[

 

 Kapitel 27 beschreibt eine Kunst des Handelns, die ohne Spuren auskommt. Der gute Wanderer hinterlässt keine Fußabdrücke, der gute Sprecher verfehlt kein Wort, der gute Rechner braucht keine Geräte. Diese Bilder zeigen eine Wirksamkeit, die aus Übereinstimmung mit dem Dào entsteht und nicht aus Geschick oder Kontrolle. Das Kapitel entfaltet das Motiv des Heilens: Wer gut hilft, lässt keine Verletzung zurück; wer gut führt, erzeugt keine Abhängigkeit. Die Zeilen zeigen, dass das Dào nicht durch Besserwissen wirkt, sondern durch Einfühlung. Der Weise erkennt den Wert des Unvollkommenen und verliert die Irrenden nicht aus den Augen. Das Kapitel deutet an, dass nichts in der Welt außerhalb des Weges steht – weder das Falsche noch das Richtige, weder das Gelungene noch das Missratene. Alles ist Teil eines gemeinsamen Ursprungs. In dieser Haltung erweist sich Weisheit als ein Erkennen, das niemanden ausschließt.

 Die poetische Fassung bringt diese sanfte Kunst des Gelingens mit leiser Präzision zur Sprache. Die Bilder des Spurenlosen sind klar gesetzt und bewahren die unaufdringliche Eleganz des Originals. Besonders gelungen ist die Darstellung des Heilens: Die Verse lassen spüren, dass wahre Hilfe nicht verformt, sondern aufrichtet, ohne sich selbst hervorzuheben. Die Form bleibt ruhig und transparent und vermeidet jede moralische Überhöhung. Die poetische Umsetzung hält den Rhythmus der laozianischen Beispiele und führt ihre lehrende Qualität in eine leichte, fast selbstverständlich wirkende Sprache über. Die Idee, dass niemand außerhalb des Weges steht, wird nicht behauptet, sondern durch die Weite der Form fühlbar. So entsteht eine Fassung, die dem Kapitel eine stille Wärme verleiht.

 Kapitel 27 zeigt, dass Weisheit darin besteht, das Verirrte nicht zu verwerfen. Die poetische Fassung bewahrt diese Haltung mit stiller Klarheit und lässt erkennen, dass jedes Ding zum Dào gehört, auch wenn es vom Weg abzuweichen scheint. Sie lädt ein, die Welt nicht in Gelungenes und Misslungenes zu teilen, sondern in eine Bewegung, die alles trägt und alles wieder findet.

 

28 - Visionäre Kraft

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

知其雄,守其雌,為天下谿。

zhī qí xióng ,shǒu qí cí ,wéi tiān xià jī 。

為天下谿,常德不離,復歸於嬰兒。

wéi tiān xià jī ,cháng dé bú lí ,fù guī yú yīng ér 。

知其白,守其黑,為天下式。

zhī qí bái ,shǒu qí hēi ,wéi tiān xià shì 。

為天下式,常德不忒,復歸於無極。

wéi tiān xià shì ,cháng dé bú tuī ,fù guī yú wú jí 。

知其榮,守其辱,為天下谷。

zhī qí róng ,shǒu qí rǔ ,wéi tiān xià gǔ 。

為天下谷,常德乃足,復歸於樸。

wéi tiān xià gǔ ,cháng dé nǎi zú ,fù guī yú pǔ 。

樸散則為器,聖人用之則為官長。

pǔ sàn zé wéi qì ,shèng rén yòng zhī zé wéi guān zhǎng 。

故大制不割。

gù dà zhì bú gē 。

 

28

Visionäre Kraft

 

Deine Männlichkeit erfahre,

deine Weiblichkeit bewahre:

der Welt als Strombett zu geschehen.

Als Strombett aller Welt gesehen,

wird stetig Innere Kraft bestehen:

zurück, zum Kindsein heimwärts gehen.

 

Dein Helles kennen, Dunkles wahren:

als Leitbild dich der Welt erfahren.

Als Leitbild dich der Welt ergründen,

lässt stete Innere Kraft nicht schwinden,

zur Unbegrenztheit heimwärts finden.

 

Die Gunst erkennen, Ungunst wahren:

als Talgrund dich der Welt erfahren.

Der Welt als Talgrund sich gebaren,

so stete Innere Kraft, genügt,

sie heim, zum Ursprung wieder, fügt.

 

Löst sich das Ursprüngliche erst auf,
wird 
es zum Werkzeug bald darauf;

verwendet in des Weisen Plänen,

wird man's in höchsten Ämtern wähnen:

„Reift großes Schnitzwerk frei von Spänen“!

 

[

 

 Kapitel 28 führt das Zusammenspiel von Männlichem und Weiblichem, Starkem und Sanftem vor. Wer das Männliche erkennt und das Weibliche bewahrt, wird zur Quelle, aus der die Welt fließen kann. Diese Gegenbewegung ist kein moralischer Appell, sondern eine Beschreibung des natürlichen Gleichgewichts: Das Starke erhält seine Kraft aus dem Sanften, und das Sanfte gewinnt seine Wirksamkeit aus der Verbindung mit dem Starken. Das Kapitel spricht von einem Tal, das alles aufnimmt, ohne sich zu heben, und gerade darin seine Macht entfaltet. Wer zu dieser Einfachheit zurückkehrt, verliert nichts, sondern wird wie unbearbeitetes Holz, das jede Form annehmen kann. Die Zeilen zeigen eine Welt, in der Vollkommenheit nicht aus Zuspitzung entsteht, sondern aus der Fähigkeit, Gegensätze zu halten. Das Kapitel lädt dazu ein, Ganzheit nicht im Ausschluss zu suchen, sondern im Bewahren des Ursprünglichen, das noch keine Trennung kennt.

 Die poetische Fassung trifft diese Bewegung zwischen Stärke und Sanftheit mit feiner Geschmeidigkeit. Die Bilder des Weiblichen als Quelle und des Männlichen als Erkennen sind ruhig gesetzt und behalten ihre Balance, ohne ins Symbolische zu kippen. Besonders gelungen ist die Darstellung des Tales: Die Verse lassen seine Weite spüren, ohne sie zu benennen, und bewahren die laozianische Schlichtheit. Die Umsetzung des unbearbeiteten Holzes wirkt natürlich und ungekünstelt und hält die Offenheit, die im Original mitschwingt. Die poetische Fassung vermeidet jede Hervorhebung von Geschlechterrollen und bleibt bei der inneren Bewegung des Kapitels, das Gegensätze nicht trennt, sondern verbindet. Ihre Sprache bleibt leicht und weit und lässt die Einheit hinter den Formen fühlbar werden.

 Kapitel 28 zeigt, dass Ganzheit aus dem Bewahren des Sanften entsteht. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Klarheit und öffnet einen Raum, in dem Stärke und Nachgiebigkeit einander tragen. Sie erinnert daran, dass das Ursprüngliche nicht im Drängen liegt, sondern im Lassen – und dass das Dào dort wirkt, wo Gegensätze sich nicht bekämpfen, sondern ineinander ruhen.

 

29 - Nichteingreifen

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

將欲取天下而為之,吾見其不得已。

jiāng yù qǔ tiān xià ér wéi zhī ,wú jiàn qí bú dé yǐ 。

天下神器,不可為也,

tiān xià shén qì ,bú kě wéi yě ,

為者敗之,執者失之。

wéi zhě bài zhī ,zhí zhě shī zhī 。

夫物或行或隨、或歔或吹、

fū wù huò háng huò suí 、huò xū huò chuī 、

或強或贏、或挫或隳。

huò qiáng huò yíng 、huò cuò huò huī 。

是以聖人去甚、

shì yǐ shèng rén qù shèn 、

去奢、去泰。

qù shē 、qù tài 。

 

29

Nichteingreifen

 

Möcht' jemand alle Welt erringen,
greift in sie ein
 auch, sie zu zwingen?

Ich seh' das letztlich nicht gelingen.

 

Die Welt, auch ein Gefäß des Geistes,

als uneingreifbar sich erweist es!

Wer in sie eingreift, ruiniert sie,

wer sie ergreifen will, verliert sie.

 

Mal folgen Wesen, mal voran,

sie prusten, andre pusten dann,

die einen stark, die andern schwach,

zerstören, andre stürzen, ach!

 

Drum Weise Übersteigern meiden,

an Übertreibungen nicht leiden,

sich gegen Übermaß entscheiden.

 

[

 

 Kapitel 29 warnt vor dem Versuch, die Welt zu ergreifen. „Wer die Welt in die Hand nehmen will, verdirbt sie“ – diese Zeile zeigt knapp die Spannung zwischen Absicht und Gelingen. Die Welt ist nicht ein Objekt, das man formen kann, sondern ein Gefüge aus Bewegungen, die sich selbst ordnen. Das Kapitel führt verschiedene Zustände an – Vorwärts und Rückzug, Wärme und Kälte, Stärke und Schwäche – und macht sichtbar, dass alles dem Wandel unterliegt. Wer eingreift, um Beständigkeit zu erzwingen, zerstört das Gleichgewicht, das aus der Veränderung selbst entsteht. Die Zeilen betonen, dass das Dào nicht in Extremen verweilt. Übermaß, Besitzwille und Drängen erzeugen Störungen, weil sie den natürlichen Atem der Dinge missachten. Das Kapitel lädt zu einer Haltung ein, die Welt nicht zu beherrschen, sondern zu begleiten. Gelingen entsteht dort, wo man das Werden nicht festhält, sondern geschehen lässt.

 Die poetische Fassung bringt diese Zurückhaltung mit ruhiger Bestimmtheit zum Ausdruck. Die klare Formulierung der Warnung bewahrt die Schlichtheit des Originals und vermeidet jede Zuspitzung. Die Darstellung der wechselnden Zustände ist fein gesetzt, sodass der Wandel als etwas Natürliches erscheint und nicht als Bedrohung. Besonders gelungen ist der Ton des Nicht-Eingreifens: Die Verse zeigen, dass das Loslassen kein Verzicht ist, sondern eine Form des Vertrauens in die Ordnung der Dinge. Die poetische Umsetzung bewahrt die laozianische Nüchternheit, indem sie keine Lösung anbietet, sondern einen Blick eröffnet. Der Klang bleibt ruhig und leicht und verstärkt das Gefühl, dass die Welt nicht korrigiert werden will, sondern verstanden. So erhält das Kapitel in der Fassung eine stille Festigkeit.

 Kapitel 29 zeigt, dass die Welt nicht gemacht, sondern begleitet wird. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Klarheit und lässt spüren, dass Wirksamkeit dort entsteht, wo man nicht festhält. Sie erinnert daran, dass das Dào nicht im Ergreifen liegt, sondern im Zulassen – und dass Frieden aus dem Vertrauen in den Wandel erwächst.

 

30 - Macht der Gewaltlosigkeit अहिंसा

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

以道佐人主者,不以兵強天下。

yǐ dào zuǒ rén zhǔ zhě ,bú yǐ bīng qiáng tiān xià 。

其事好還。師之所處荊棘生焉。

qí shì hǎo hái 。shī zhī suǒ chù jīng jí shēng yān 。

軍之後必有凶年。善有果而已

jun1 zhī hòu bì yǒu xiōng nián 。shàn yǒu guǒ ér yǐ ,

不敢以取強。果而勿矜。

bú gǎn yǐ qǔ qiáng 。guǒ ér wù jīn 。

果而勿伐。果而勿驕。

guǒ ér wù fá 。guǒ ér wù jiāo 。

果而不得已。果而勿強。

guǒ ér bú dé yǐ 。guǒ ér wù qiáng 。

物壯則老,是謂不道,不道早已。

wù zhuàng zé lǎo ,shì wèi bú dào ,bú dào zǎo yǐ 。

 

30

Macht der Gewaltlosigkeit

 

Ein Herrscher, der zum Dào hält,

bezwingt mit Waffen nicht die Welt –

da ihm die Heimkunft mehr gefällt.

 

Wo Truppen ihre Lager ließen,
dort werden Dorn und Distel sprießen
;

das Nachspiel großer Heere war
da ganz gewiss manch Hungerjahr
.

Der Gute siegt, und macht doch Halt,

wagt nicht, zu nehmen mit Gewalt.

 

Erzielten sie – doch ohne Prahlen,

erzielten – ohne Ruhmesschalen,

erzielten – doch kein Stolz im Sinn,

erzielten – konnt' man nicht umhin,

Ergebnisse erzielten sie,
doch taten mit Gewalt es nie.

 

Geschöpfe: werden reif, dann alt ...

dies heißt: nicht mehr im Dào halt:

nicht mehr im Dào – stirbt man bald!

 

[

 

 Kapitel 30 beschreibt die Grenzen gewaltsamer Wirksamkeit. Wer mit der Kraft des Dào führt, bedient sich nicht der Waffen, denn Gewalt erzeugt Gegenbewegung und hinterlässt Wunden, die nicht heilen. Das Kapitel zeigt, dass Sieg kein Gewinn ist, wenn er Zerstörung zurücklässt. Übermaß im Handeln bringt die Dinge aus ihrer Bahn; was erblüht, verwelkt, was sich erhebt, fällt wieder. Laozi deutet an, dass die Welt sich selbst ordnet, wenn man sie nicht erzwingt. Der Weise begleitet und lenkt nicht, er ermöglicht, anstatt zu überwältigen. Die Zeilen über die Folgen des Triumphs erinnern daran, dass Erfolg, der auf Verletzung beruht, schwerer wiegt als jeder Verlust. Das Kapitel entfaltet eine Ethik des Maßes: Eine Handlung, die dem Dào entspricht, lässt nichts verbrennen, nichts erzittern und nichts unnötig enden. So entsteht eine Politik des Geltenlassens, nicht des Durchsetzens.

 Die poetische Fassung bringt diese leise Ablehnung der Gewalt mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Die Bilder des Verblühens und Erschöpfens sind schlicht gesetzt und bewahren ihre Wirkung, ohne den Ton zu verdunkeln. Die Verse zeigen, wie Sieg sich in Last verwandelt, wenn er nicht aus Einklang entsteht. Besonders fein ist die Darstellung des Weisen, der nicht triumphiert: Die Sprache vermeidet Pathos und lässt die Zurückhaltung des Originals unaufdringlich hervortreten. Die poetische Umsetzung hält den Atem des Kapitels: Sie drängt nicht, erklärt nicht, sondern entfaltet die Einsicht, dass Zwang die Quelle seines eigenen Endes ist. Ihre rhythmische Ruhe macht fühlbar, wie sanft das Dào wirkt, wenn man es nicht mit Gewalt ergänzt.

 Kapitel 30 zeigt, dass Dauer nicht durch Macht entsteht, sondern durch Rücksicht auf den natürlichen Gang der Dinge. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und lässt spüren, dass wahre Wirksamkeit dort beginnt, wo man nicht verletzt. Sie öffnet einen Raum, in dem Frieden nicht gemacht wird, sondern entstehen darf – als Folge eines Handelns, das nichts erzwingt und nichts zerstört.

 

31 - Siege für den Frieden

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

夫佳兵者不祥之器,物或惡之,故有道者不處。

fū jiā bīng zhě bú xiáng zhī qì ,wù huò è zhī ,gù yǒu dào zhě bú chù 。

君子居則貴左,用兵則貴右。

jūn zǐ jū zé guì zuǒ ,yòng bīng zé guì yòu 。

兵者不祥之器,非君子之器,

bīng zhě bú xiáng zhī qì ,fēi jūn zǐ zhī qì ,

不得已而用之,恬淡為上。

bú dé yǐ ér yòng zhī ,tián dàn wéi shàng 。

勝而不美,而美之者,是樂殺人。

shèng ér bú měi ,ér měi zhī zhě ,shì lè shā rén 。

夫樂殺人者,則不可得志於天下矣。

fū lè shā rén zhě ,zé bú kě dé zhì yú tiān xià yǐ 。

吉事尚左,凶事尚右。

jí shì shàng zuǒ ,xiōng shì shàng yòu 。

偏將軍居左,上將軍居右。

piān jiāng jun1 jū zuǒ ,shàng jiāng jun1 jū yòu 。

言以喪禮處之。殺人之眾,

yán yǐ sàng lǐ chù zhī 。shā rén zhī zhòng ,

以悲哀泣之,戰勝以喪禮處之。

yǐ bēi āi qì zhī ,zhàn shèng yǐ sàng lǐ chù zhī 。

 

31

Siege für den Frieden

 

Selbst wenn von großer Pracht, sind Waffen
ein Werkzeug bloß zum Unheil schaffen,

wohl alle Wesen hassen sie;

wer Dào folgt, verwahrt sie nie.

 

Zuhaus schätzt links der Edelmann,

Gebrauch von Waffen rechts sodann.

Des Unglücks Werkzeug künden Waffen,

lässt Edle nicht solch Werkzeug schaffen.

wird unvermeidlich ihr Gebrauch,
wirkt
 Bestes Ruh' und Gleichmut auch.

doch ungern siegen, so man muss:

weil Freude über solcherlei
doch Lust am Menschen töten sei.

Denn Menschen töten mit Genuss,
kann nicht 
erlangen dann zum Schluss:
Erfüllung in der Welt dabei!

 

Im Glück schätzt man die Linke sehr,

im Unglücksfall die Rechte mehr.

Steht links der Unter-Offizier,

der Hohe steht zur Rechten mir,

meint: wie beim Trauern stehn sie hier!

 

Lasst vieler Menschen Tod beweinen,
in Kummer Euch und Sorge einen;

wenn auch die Kämpfe Siege bieten 
platziert sie wie in 
Trauerriten!

 

[

 

 Kapitel 31 betrachtet Waffen als Werkzeuge des Unglücks. Selbst wenn sie nötig erscheinen, verdienen sie keine Verehrung. Das Kapitel betont, dass Gewalt der Natur des Menschen und des Dào widerspricht, weil sie Leben bricht, anstatt es zu tragen. Freude am Sieg gilt als fehlerhafte Haltung: Ein Triumph, der auf Leiden beruht, ist kein wirklicher Triumph. Die Zeilen zeigen, dass der Weise Waffen nutzt, wenn er muss, aber mit schwerem Herzen und ohne Stolz. Der Krieg wird als Trauerfall behandelt, nicht als Gelegenheit zur Feier. Das Kapitel verweist auf eine Welt, in der die rechte Haltung nicht aus Stärke hervorgeht, sondern aus Achtung vor dem, was verletzt werden kann. Es ruft dazu auf, das Leid nicht als unvermeidliche Begleiterscheinung zu sehen, sondern als das eigentliche Maß eines jeden Handelns. So zeigt sich, dass Frieden kein Zustand ist, sondern eine Entscheidung der Haltung.

 Die poetische Fassung bringt diese sanfte, aber deutliche Ablehnung der Gewalt mit ruhiger Klarheit zum Ausdruck. Die Verse über die unerfreuliche Natur der Waffen sind nüchtern und behalten die leise Schwere des Originals. Besonders gelungen ist die Darstellung der Trauer: Die Sprache macht spürbar, dass der Einsatz von Gewalt niemals als Erfolg empfunden werden darf. Die poetische Umsetzung vermeidet moralische Spitzen, sondern folgt der laozianischen Zurückhaltung, die nur zeigt, was Schmerz hinterlässt. Die Verse über den Weisen, der sich abwendet, bewahren die Eleganz des Gedankens, dass Würde im Abstand zum Zerstörerischen liegt. Der Ton bleibt weit und unaufdringlich, sodass die ethische Haltung des Kapitels nicht behauptet, sondern erfahrbar wird.

 Kapitel 31 zeigt, dass wahre Größe in der Abkehr von der Gewalt liegt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Würde und lässt spüren, dass Frieden nicht aus Heldentum entsteht, sondern aus dem Entschluss, Leid nicht zu vermehren. Sie öffnet einen Raum, in dem Zurückhaltung zur Form des Respekts wird und die Weichheit des Dào stärker erscheint als jede Waffe.

 

32 - Transzendenz

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

道常無名。

dào cháng wú míng 。

*樸雖小1天下莫能臣也。

*pǔ suī xiǎo 1tiān xià mò néng chén yě 。

侯王若能守之,萬物將自賓。

hóu wáng ruò néng shǒu zhī ,wàn wù jiāng zì bīn 。

天地相合以降甘露,民莫之令而自均。

tiān dì xiàng hé yǐ jiàng gān lù ,mín mò zhī lìng ér zì jūn 。

始制有名,名亦既有,

shǐ zhì yǒu míng ,míng yì jì yǒu ,

夫亦將知止,知止可以不殆。

fū yì jiāng zhī zhǐ ,zhī zhǐ kě yǐ bú dài 。

譬道之在天下,猶川谷之於江海。

pì dào zhī zài tiān xià ,yóu chuān gǔ zhī yú jiāng hǎi 。

 

32

Transzendenz

 

Wie namenlos stets Dào war:

wie ursprünglich und klein obzwar,
macht 
weltweit niemand dienlich gar.

 

Kann Fürst wie König dies beachten,

auch alle Wesen danach trachten,
von selbst sich
 so zu Gästen machten!

Vereint sich Himmel und Erde fänden,
um
 süßen Tau hinabzusenden;

befiehlt man nicht den andern noch,
von selbst geordnet sind sie doch.

 

Beginnt man Regeln, gibt es Namen;

wenn Namen erst zustande kamen,

dann soll man auch verstehn, zu enden:

kann so Gefahren von sich wenden.

 

Symbol, das Dàos Dasein ehre:

fließt Bächen gleich in Strom und Meere.

 

[

 

 Kapitel 32 beschreibt das Dào als namenlos und doch als Ursprung aller Gestalt. Solange es namenlos bleibt, ist es wie ein stilles Wasser, das alles nährt, ohne sich zu unterscheiden. Erst wenn Namen entstehen, treten Formen hervor, und mit den Formen entstehen Ordnung, Rang und Regel. Das Kapitel zeigt die Spannung zwischen dem Unbenannten, das trägt, und dem Benannten, das lenkt. Königreich und Welt kommen zur Ruhe, solange sie dem Ursprung nicht zu viel Gestalt aufzwingen. Die Zeilen deuten an, dass das Große im Kleinen verborgen ist: Ein kaum wahrnehmbarer Anfang kann das Wachstum aller Dinge bestimmen. Das Kapitel ruft dazu auf, das Namenlose nicht zu vergessen, selbst wenn man in der Welt der Namen handelt. Das Maß liegt darin, die Formen nicht zu verwerfen, aber ihren Ursprung nicht zu verlieren. So bleibt das Handeln verbunden mit dem, was nicht vergeht.

 Die poetische Fassung bringt die stille Größe des Namenlosen mit sanfter Klarheit zum Ausdruck. Die Verse lassen spüren, wie aus dem Ungeformten das Geformte hervorgeht, ohne dass der Klang sich verengt. Besonders gelungen ist die Darstellung der Schwelle zwischen Ursprung und Welt: Die Sprache bleibt weit und zurückhaltend und vermeidet jede Überbetonung. Die poetische Umsetzung bewahrt die laozianische Leichtigkeit, indem sie das Verhältnis von Namen und Namenlosigkeit nicht erklärt, sondern fühlbar macht. Die Bilder des stillen Wassers und des ruhenden Reiches tragen den Gedanken unaufdringlich. Die Fassung hält den Rhythmus des Kapitels, in dem das Große nicht laut wird, sondern im Hintergrund bleibt. So entsteht eine Form, die den Ursprung ehrt, ohne ihn festzuhalten.

 Kapitel 32 zeigt, dass das Dào seine Kraft aus dem Unbenannten bezieht. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit zarter Weite und lässt spüren, dass Ordnung dann gelingt, wenn sie nicht vom Ursprung getrennt wird. Sie erinnert daran, dass das Namenlose nicht Leere ist, sondern Quelle – und dass die Welt stabil bleibt, solange sie sich dieser Quelle nicht entfremdet.

 

33 - Selbstlose Größe

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

知人者智,自知者明。

zhī rén zhě zhì ,zì zhī zhě míng 。

勝人者有力,自勝者強。

shèng rén zhě yǒu lì ,zì shèng zhě qiáng 。

知足者富。強行者有志。

zhī zú zhě fù 。qiáng háng zhě yǒu zhì 。

不失其所者久。

bú shī qí suǒ zhě jiǔ 。

死而不亡者,壽。

sǐ ér bú wáng zhě ,shòu 。

 

33

Erleuchtung

 

Wer andre kennt, ist klug zu nennen 

Erleuchtung meint: sich selbst erkennen;

besiegt man andre – Kraft am Werke,

sich selbst besiegen – inn're Stärke.

 

Und Reichtum – wann genug ist, wissen,

durch Willenskraft – voran beflissen;

nicht fortzugehen schenkt Dauer eben,

im Tod nicht untergehn lässt leben.

 

[

 

 Kapitel 33 unterscheidet zwischen äußerem Wissen und innerer Einsicht. Wer andere erkennt, zeigt Klugheit; wer sich selbst erkennt, besitzt wahre Einsicht. Diese Unterscheidung führt zu einer Haltung, in der Stärke nicht als Durchsetzung verstanden wird, sondern als Bewahrung des eigenen Maßes. Das Kapitel zeigt, dass Genügsamkeit Reichtum ist und dass Beharrlichkeit größere Kraft hat als jedes Vorwärtsdrängen. Die Zeilen erinnern daran, dass langes Leben nicht im biologischen Sinn gemeint ist, sondern als Dauer einer Haltung, die sich nicht verzehrt. Weisheit besteht darin, sich selbst zu kennen, ohne sich festzulegen, und die eigenen Bewegungen zu verstehen, ohne sie zu zwingen. Das Kapitel lädt dazu ein, Wirksamkeit nicht in äußeren Erfolgen zu suchen, sondern in der stillen Festigkeit des eigenen Ursprungs. So entsteht eine Stärke, die nicht gegen die Welt arbeitet, sondern mit ihr.

 Die poetische Fassung bringt diese innere Bewegung mit ruhiger Klarheit zur Geltung. Die Gegenüberstellung von äußerem Erkennen und innerer Einsicht ist fein formuliert und entfaltet ihren Klang ohne Schärfe. Besonders gelungen ist die Darstellung der Stärke, die sich nicht erhebt, sondern bleibt: Die Verse zeigen, wie Sanftheit zur Dauer führt. Die Umsetzung vermeidet jede moralische Note und bewahrt die laozianische Schlichtheit, indem sie die Begriffe nicht erklärt, sondern ineinander übergehen lässt. Die Zeilen über das „lange Leben“ klingen leicht und offen und halten die Doppeldeutigkeit des Originals: Dauer als innere Unerschöpflichkeit. Die poetische Fassung bleibt nah am Atem des Kapitels und macht spürbar, dass Einsicht nicht im Blick nach außen liegt, sondern im Lauschen nach innen.

 Kapitel 33 zeigt, dass wahre Stärke aus Selbsterkenntnis erwächst. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Präzision und lässt erkennen, dass Dauer nicht aus Kraft entsteht, sondern aus Klarheit. Sie erinnert daran, dass der Weg des Dào dort beginnt, wo man sich selbst nicht verliert – und dass Einsicht die stille Form von Freiheit ist.

 

34 - Selbstlose Größe

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

大道氾兮,其可左右。

dà dào fán xī ,qí kě zuǒ yòu 。

萬物恃之以生而不辭,功成而不名有。

wàn wù shì zhī yǐ shēng ér bú cí ,gōng chéng ér bú míng yǒu 。

衣養萬物而不為主,常無欲可名於小。

yī yǎng wàn wù ér bú wéi zhǔ ,cháng wú yù kě míng yú xiǎo 。

萬物歸焉,而不為主,可名為大。

wàn wù guī yān ,ér bú wéi zhǔ ,kě míng wéi dà 。

以其終不自為大,故能成其大。

yǐ qí zhōng bú zì wéi dà ,gù néng chéng qí dà 。

 

34

Selbstlose Größe

 

Des großen Dàos Überfließen

kann sich nach links wie rechts ergießen.

Stützt alle Wesen, lässt sie sprießen,
lässt ihr Geborensein genießen
doch hat es sie nie abgewiesen;

Verdienste werden zwar vollbracht,
doch niemals zum Besitz gemacht.

 

Es nährt die Wesen, kleidet sie,
und doch, zum 
Herrn 
macht es sich nie;

beständig wunschlos obendrein:
kann man bezeichnen es
 als klein.

 

Die Wesen, zu ihm kehren sie –
und doch,  zum 
Herrn 
macht es sich nie:

kann groß genannt sein irgendwie.

 

Und weil es aber nicht behende
sich selbst am Ende groß befände,

drum seine Größe es vollende.

 

[

 

 Kapitel 34 beschreibt das Dào als etwas, das sich über alles erstreckt und doch keinem Ding gehört. Es ist wie ein Fluss, der durch die Welt strömt, ohne Anspruch zu erheben, und gerade dadurch alles trägt. Die Zeilen zeigen eine Kraft, die wirkt, ohne zu regieren, und die groß ist, weil sie nicht nach Größe verlangt. Das Kapitel betont, dass das Dào über allem steht, indem es sich unter alles legt. Es nährt die Welt und überlässt ihr zugleich die Freiheit, ihren eigenen Weg zu gehen. Die Welt kehrt zu ihm zurück, ohne dass es sie ruft. Diese Bewegung von Nähe und Unauffälligkeit macht seine Wirkung aus: Es ist überall und doch nirgends greifbar. Das Kapitel lädt zu einer Haltung ein, in der man nicht durch Hervortreten wirkt, sondern durch Offenheit. So zeigt sich das Dào als die stille Grundlage, die nichts verwirft und nichts festhält.

 Die poetische Fassung bringt diese unaufdringliche Weite mit sanfter Eleganz zur Sprache. Die Bilder des Fließens und Tragens sind klar gesetzt und behalten ihre ruhige Kraft. Besonders gelungen ist der Ton der Selbstlosigkeit: Die Verse zeigen, wie das Dào gerade durch sein Nicht-Verlangen Größe gewinnt. Die poetische Umsetzung vermeidet jedes Pathos und lässt das Weite des Kapitels durch eine leichte, offene Sprache entstehen. Die Darstellung der Rückkehr der Dinge wirkt unangestrengt und bewahrt die laozianische Gelassenheit. Die Fassung hält die schweigende Erhabenheit des Originals fest, ohne sie zu betonen. So entsteht ein Klang, der das Dào nicht beschreibt, sondern ahnen lässt.

 Kapitel 34 zeigt die Größe des Dào als Größe der Selbstlosigkeit. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit feiner Schlichtheit und macht spürbar, dass Wirksamkeit nicht durch Anspruch entsteht, sondern durch Präsenz. Sie erinnert daran, dass das Dào allgegenwärtig ist, weil es nichts für sich beansprucht – und dass der Mensch ihm am nächsten kommt, wenn er sich nicht in den Vordergrund stellt.

 

35 - Unbestechlichkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

執大象天下往。

zhí dà xiàng tiān xià wǎng 。

往而不害安平太。

wǎng ér bú hài ān píng tài 。

樂與餌,過客止。

lè yǔ ěr ,guò kè zhǐ 。

道之出口淡乎其無味。

dào zhī chū kǒu dàn hū qí wú wèi 。

視之不足見。

shì zhī bú zú jiàn 。

聽之不足聞。

tīng zhī bú zú wén 。

用之不足既。

yòng zhī bú zú jì 。

 

35

Unbestechlichkeit

 

Wer sich ans Große Urbild hält,
zu dem wird kommen alle Welt,

sie kommt, doch Schaden wird vermieden,
kommt sicher 
und in höchstem Frieden!

 

Musik spielt, Speisendüfte wehen,
passiert 
ein Wandrer, bleibt er stehen;

wird o's Wort als fad gesehen.

 

Beschau's! – nie kannst du es erblicken,

belausch's– nie kann's dein Ohr verzücken,

gebrauch's! – nie kann's erschöpfend glücken.

 

[

 

 Kapitel 35 spricht von einem Bild des Dào, das Frieden schenkt, weil es nichts fordert. Wer sich diesem Bild zuwendet, findet Ruhe, auch wenn die Welt von Lärm umgeben ist. Das Kapitel stellt den „großen Klang“ dem „kleinen Klang“ gegenüber: Das Große zieht nicht durch Reiz an, sondern durch Stille. Die Zeilen über Speise und Musik zeigen, dass die Sinne zwar locken, aber nur das Tiefe wirklich nährt. Das Dào wirkt, ohne zu verführen. Es ist wie ein stiller Mittelpunkt, um den die Bewegungen der Welt kreisen, ohne ihn zu erschüttern. Wer bei diesem Mittelpunkt verweilt, wird nicht von Erscheinungen mitgerissen. Das Kapitel lädt dazu ein, die Fülle nicht im Eindruck zu suchen, sondern im Ursprung, der keine Gestalt braucht. So entsteht ein Frieden, der nicht aus Rückzug kommt, sondern aus dem Verankertsein im Wesentlichen.

 Die poetische Fassung bringt diese Stille des Großen mit ruhiger Weite zum Ausdruck. Die Gegenüberstellung von Sinneslust und innerer Nahrung ist fein gesetzt und behält ihre laozianische Leichtigkeit. Besonders gelungen ist die Darstellung des Bildes, das keinen Reiz braucht, um zu wirken: Die Verse lassen spüren, wie das Unscheinbare zum Mittelpunkt wird. Die Sprache bleibt offen und unaufdringlich und vermeidet jede moralische Note. Die poetische Umsetzung hält den klaren Rhythmus des Kapitels, in dem äußere Schönheit verblasst und das Innere an Tiefe gewinnt. Die Bilder sind schlicht, aber tragend und bewahren die Atmosphäre eines stillen, unzerstörbaren Gleichgewichts.

 Kapitel 35 zeigt, dass wahre Ruhe aus der Hinwendung zum Unaufdringlichen entsteht. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Klarheit und macht spürbar, dass der Frieden des Dào nicht aus dem Ausschluss der Welt kommt, sondern aus einer Tiefe, die durch Lärm nicht berührt wird. Sie lädt dazu ein, im Unscheinbaren die eigentliche Nahrung zu finden – und im Stillen das, was die Welt trägt.

 

36 - Kraft der Paradoxie

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

將欲歙之,必固張之。

jiāng yù xī zhī ,bì gù zhāng zhī 。

將欲弱之,必固強之。

jiāng yù ruò zhī ,bì gù qiáng zhī 。

將欲廢之,必固興之。

jiāng yù fèi zhī ,bì gù xìng zhī 。

將欲取之,必固與之。

jiāng yù qǔ zhī ,bì gù yǔ zhī 。

是謂微明。柔弱勝剛強。

shì wèi wēi míng 。róu ruò shèng gāng qiáng 。

魚不可脫於淵,國之利器不可以示人。

yú bú kě tuō yú yuān ,guó zhī lì qì bú kě yǐ shì rén 。

 

36

Kraft der Paradoxie

 

Zusammenzieh'n es ist dein Sehnen 

dann musst du sicher es erst dehnen;

und möchtest du es schwächer machen –

musst sicher es erst stark entfachen;

und möchtest du es von dir weisen –

so musst du sicher es erst preisen;

ist etwas nehmen dein Bestreben –

musst sicher es erst mehr noch geben:

wird feinste Einsicht es geheißen.

 

Wird Weiches sich und Schwaches finden,
das
 Harte, Starke überwinden.

Soll Fisch nie aus der Tiefe steigen,

ein Staat, dem scharfe Waffen eigen,

so soll er nie dem Volk sie zeigen.

 

[

 

 Kapitel 36 beschreibt eine Gesetzmäßigkeit des Wandels: Was eingeengt wird, war zuvor im Begriff, sich auszudehnen; was geschwächt erscheint, sammelt Kraft für sein Wachstum. Die Zeilen zeigen, dass jedes Werden einen Gegenrhythmus besitzt, der nicht als Widerspruch, sondern als Bedingung des Weges zu verstehen ist. Das Dào wirkt, indem es verhüllt, bevor es offenbart, und zurücknimmt, bevor es schenkt. Diese Umkehrbewegung verhindert, dass Dinge in ihren Extremen verhärten. Das Kapitel erinnert daran, dass das Zarte das Harte besiegt und das Schwache das Starke überwindet, nicht durch Macht, sondern durch Beständigkeit. Die Aufforderung zur Zurückhaltung – „verhülle den Glanz“ – ist kein moralischer Rat, sondern ein Hinweis auf die Natur des Wirkens: Wer zu früh zeigt, verliert Tiefe; wer sich sammelt, gewinnt Raum. Das Kapitel lädt dazu ein, Wandel nicht zu beschleunigen, sondern zu begleiten.

 Die poetische Fassung entfaltet diese Bewegung der Gegensätze mit leiser Genauigkeit. Die Verse über Ausdehnung und Einengung sind ruhig gesetzt und bewahren das Gefühl eines Atems, der sich hebt und senkt. Besonders gelungen ist die Darstellung des Zarten, das das Harte besiegt: Die poetische Sprache lässt diese paradoxe Kraft unaufdringlich entstehen, ohne sie zu erklären. Die Umsetzung des „verhüllten Glanzes“ hält die laozianische Zurückhaltung, die nicht belehrt, sondern einlädt, die eigene Schärfe zu mildern. Die Fassung vermeidet jede Dramatik und bleibt bei der schlichten, tastenden Bewegung des Originals. So spürt man die Logik des Dào: nichts wird direkt erzwungen, alles kehrt in sein Gleichgewicht zurück. Die Worte wirken wie leichte Fäden, die das Kapitel zusammenhalten.

 Kapitel 36 zeigt, dass Stärke im Rückzug entstehen kann und Offenbarung aus dem Verbergen. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und erinnert daran, dass Wandlung nicht im Vorstoß, sondern im Rhythmus des Dào geschieht. Sie lässt erkennen, dass das Sanfte nicht Schwäche ist, sondern die Form, in der das Leben seine größte Kraft sammelt.

 

37 - Sieg der Wunschlosigkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

道常無為,而無不為。

dào cháng wú wéi ,ér wú bú wéi 。

侯王若能守之,萬物將自化。

hóu wáng ruò néng shǒu zhī ,wàn wù jiāng zì huà 。

化而欲作,吾將鎮之以無名之樸。

huà ér yù zuò ,wú jiāng zhèn zhī yǐ wú míng zhī pǔ 。

無名之樸,夫亦將無欲。

wú míng zhī pǔ ,fū yì jiāng wú yù 。

不欲以靜,天下將自定。

bú yù yǐ jìng ,tiān xià jiāng zì dìng 。

 

37

Sieg der Wunschlosigkeit

 

Greift Dào ewig auch nicht ein,

wird doch nichts unerledigt sein.

 

Kann Fürst, kann König sich dran halten,

wird jeder selbst sich umgestalten;

verwandeln, und doch Gier entfalten:

bezähmen würd' ich sie im bloßen
Natürlichsein des Namenlosen.

 

Denn Namenlosen schlichter Brauch:
dies macht sie
 freilich wunschlos auch.

Denn wunschlos friedlich, so verhält

sich selbst-bestimmt die ganze Welt.

 

[

 

 Kapitel 37 beschreibt das Dào als etwas, das ohne Handeln wirkt. Es tut nichts – und doch bleibt nichts ungetan. Diese paradoxe Formulierung zeigt eine Welt, in der Ordnung nicht durch Eingriffe entsteht, sondern durch das Sich-Fügen der Dinge in ihren eigenen Lauf. Das Kapitel betont, dass das Dào keine Begierden kennt; gerade dadurch bringt es die Begierden der Welt zur Ruhe. Die Zeilen über die Rückkehr zur Schlichtheit erinnern daran, dass Unruhe nicht aus der Natur stammt, sondern aus dem Zugriff des Menschen. Würde man die Menschen zu der Einfachheit zurückführen, die ihnen ursprünglich entspricht, so würden sich die Unterschiede glätten, ohne dass man sie erzwingen müsste. Das Kapitel lädt dazu ein, Wirksamkeit nicht als Tätigkeit zu verstehen, sondern als eine Haltung, die frei von Eingriff und Drängen ist. Im Nicht-Tun ist der Ursprung aller Ordnung verborgen.

 Die poetische Fassung bringt diese stille Macht des Nicht-Handelns mit sanfter Klarheit zur Geltung. Die Verse halten den paradoxen Charakter des Dào, ohne ihn zu betonen: Die Ruhe trägt die Welt, und gerade das Nicht-Tun lässt die Dinge sich fügen. Besonders gelungen ist die Darstellung der Schlichtheit, zu der die Menschen zurückgeführt werden sollen – nicht als Rückschritt, sondern als Heimkehr. Die Sprache bleibt weit und gelassen und bewahrt die laozianische Zurückhaltung, die nicht erklärt, sondern Raum öffnet. Die Umsetzung vermeidet jede moralische Schärfe und lässt das Kapitel als eine Einladung erklingen, die eigene Bewegung zu mildern. Die poetische Fassung hält die Transparenz des Originals und macht fühlbar, wie das Dào wirkt, indem es nichts von sich fordert.

 Kapitel 37 zeigt, dass das Dào in der Stille wirkt und dass Ordnung entsteht, wenn man nicht eingreift. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit ruhiger Weite und lässt erkennen, dass Nicht-Tun kein Verzicht ist, sondern eine Form des Vertrauens. Sie erinnert daran, dass die Welt sich selbst ordnet, wenn man ihr erlaubt, zu ihrem Ursprung zurückzufinden.

 

38 - Kraft der Absichtslosigkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

上德不德是以有德。

shàng dé bú dé shì yǐ yǒu dé 。

下德不失德是以無德。

xià dé bú shī dé shì yǐ wú dé 。

上德無為而無以為。

shàng dé wú wéi ér wú yǐ wéi 。

下德無為而有以為。

xià dé wú wéi ér yǒu yǐ wéi 。

上仁為之而無以為。

shàng rén wéi zhī ér wú yǐ wéi 。

上義為之而有以為。

shàng yì wéi zhī ér yǒu yǐ wéi 。

上禮為之而莫之以應,則攘臂而扔之。

shàng lǐ wéi zhī ér mò zhī yǐ yīng ,zé rǎng bì ér rēng zhī 。

故失道而後德。失德而後仁。

gù shī dào ér hòu dé 。shī dé ér hòu rén 。

失仁而後義。失義而後禮。

shī rén ér hòu yì 。shī yì ér hòu lǐ 。

夫禮者忠信之薄而亂之首。

fū lǐ zhě zhōng xìn zhī báo ér luàn zhī shǒu 。

前識者,道之華而愚之始。

qián shí zhě ,dào zhī huá ér yú zhī shǐ 。

是以大丈夫,處其厚,不居其薄。

shì yǐ dà zhàng fū ,chù qí hòu ,bú jū qí báo 。

處其實,不居其華。故去彼取此。

chù qí shí ,bú jū qí huá 。gù qù bǐ qǔ cǐ 。

 

38

Kraft der Absichtslosigkeit

 

Erscheint die höchste Innere Kraft 
wie ohne Innere Kraft, erschafft

sich eben darum Innere Kraft.

Ist Innere Kraft gering statt groß,
dann lässt sie Innere Kraft nicht los,

drum ohne Innere Kraft dann bloß.

Es greift die höchste Kraft nicht ein:
und wird auch ohne Absicht sein,

und greift geringe Kraft nicht ein,
mit Absicht tut sie's 
obendrein.

Die höchste Menschlichkeit greift ein,
doch ohne absichtsvoll zu sein,

greift die Gerechtigkeit erst ein,
wird's absichtsvolles Tun doch sein.

Es greift auch ein die Hochmoral,
doch reagiert dann keiner mal,

sie krempeln hoch die Ärmel dann,
und fangen es zu zwingen an.

 

Drum: ist das Dào erst verloren,
wird folglich Innere Kraft 
geboren

geht auch die Innere Kraft verloren,
hernach wird  Menschlichkeit 
erkoren,

und ist auch Menschlichkeit verloren,
wird nun Gerechtigkeit beschworen,

gilt auch Gerechtigkeit nicht mehr,
folgt Sittenstrenge hinterher.

Doch Sittenstrenge eilt hinaus
und dünnt nun Treu und Glauben aus,

zugleich beginnt Verwirrung auch.

Propheten schmücken Dào’s Brauch:

doch Anfang aller Torheit auch!

 

Drum Menschen, angesehen, groß 

sie weilen in der Tiefe Schoß,

nicht an der Oberfläche bloß.

Iihrem Wesen wohnen sie,

verbleiben in der Zierde nie.

Eins wählen, eins verwerfen sie.

* s. Kap. 38!

 

[

 

 Kapitel 38 beschreibt den Abstieg von der Vollkommenheit zur Tugend und weiter zu Pflicht, Moral und Konvention. Die höchste Tugend handelt nicht und bleibt dennoch wirksam; die niedrigere Tugend handelt und sucht Wirksamkeit. Die Zeilen zeigen, wie sich das Ursprüngliche in Stufen verfestigt, je weiter man sich vom Dào entfernt. Pflicht entsteht, wenn natürliche Güte verloren geht; Moral entsteht, wenn Pflicht nicht mehr trägt; Konvention entsteht, wo Moral ihre Kraft verliert. Das Kapitel entfaltet diesen Prozess nicht als Vorwurf, sondern als Beobachtung des menschlichen Weges. Was sich verfestigt, wird spröde; was spröde wird, verliert Kontakt zum Ursprung. Die Zeilen laden dazu ein, nicht an äußeren Formen festzuhalten, sondern die Bewegung zurück zum Unbemühten zu finden. Die wahre Wirksamkeit liegt dort, wo nichts beansprucht werden muss.

 Die poetische Fassung zeichnet diese Abstufungen mit ruhiger Präzision nach. Besonders gelungen ist die Darstellung der höchsten Tugend, die nicht handelt und dennoch vollzieht, was geschehen soll. Die Verse bewahren die laozianische Schlichtheit und lassen die Stufen nicht als Wertungen erscheinen, sondern als natürliche Schichten, die sich übereinanderlegen. Die poetische Umsetzung der Moral und Konvention vermeidet jede Kritik und bewahrt den Ton eines stillen, fast milden Erkennens. Die Bilder wirken klar, ohne hart zu werden, und die Sprache bleibt offen genug, dass die Bewegung zurück zum Ursprung fühlbar bleibt. So entfaltet sich das Kapitel wie ein leiser Abstieg, der zugleich eine Erinnerung ist.

 Kapitel 38 zeigt, dass der Weg vom Dào zu den Formen ein Prozess der Verfestigung ist. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Weite und macht spürbar, dass wahre Tugend nicht im Handeln liegt, sondern im Lassen. Sie erinnert daran, dass der Ursprung dort zu finden ist, wo die Dinge leicht werden – und dass Rückkehr möglich bleibt, solange man die Spur des Unbemühten nicht verliert.

 

39 - Einklang durch Einfachheit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

昔之得一者。天得一以清。

xī zhī dé yī zhě 。tiān dé yī yǐ qīng 。

地得一以寧。神得一以靈。

dì dé yī yǐ níng 。shén dé yī yǐ líng 。

谷得一以盈。萬物得一以生。

gǔ dé yī yǐ yíng 。wàn wù dé yī yǐ shēng 。

侯王得一以為天下貞。其致之。

hóu wáng dé yī yǐ wéi tiān xià zhēn 。qí zhì zhī 。

天無以清將恐裂。地無以寧將恐廢。

tiān wú yǐ qīng jiāng kǒng liè 。dì wú yǐ níng jiāng kǒng fèi 。

神無以靈將恐歇。谷無以盈將恐竭。

shén wú yǐ líng jiāng kǒng xiē 。gǔ wú yǐ yíng jiāng kǒng jié 。

萬物無以生將恐滅。侯王無以貞將恐蹶。

wàn wù wú yǐ shēng jiāng kǒng miè 。hóu wáng wú yǐ zhēn jiāng kǒng juě 。

故貴以賤為本,高以下為基。

gù guì yǐ jiàn wéi běn ,gāo yǐ xià wéi jī 。

是以侯王自稱孤、寡、不穀。

shì yǐ hóu wáng zì chēng gū 、guǎ 、bú yù 。

此非以賤為本邪﹖非乎。

cǐ fēi yǐ jiàn wéi běn xié ﹖fēi hū 。

至譽無譽。不欲琭琭如玉珞珞如石。

zhì yù wú yù 。bú yù lù lù rú yù luò luò rú shí 。

 

39

Einklang durch Einfachheit

 

Wo Einheit einst erlangbar war:

der Himmel wurde Eins, drum klar,

die Erde eins, drum friedlich gar,

die Geister eins, drum Wirkung da,

die Täler eins, drum Fülle eben.

Und alle Wesen eins, drum Leben;

wo Fürst und König Einheit fanden,
der Welt als Richtmaß so vorhanden.

All dies aus Einheit nur entstanden!

 

Ein Himmel, der nicht Klarheit preist
wird 
dabei fürchten, dass er reißt,

kann nicht die Erde Frieden halten
so wird sie fürchten, sich zu spalten;

die Geister, die nicht Wirkkraft finden,
sie werden fürchten zu entschwinden
,

die Täler ohne Fülle draus,
befürchten so, sie trocknen aus;

wenn Wesen nicht im Leben stehen,
sie werden fürchten zu vergehen,

sind Fürst und König nicht geschätzt –
so fürchten sie, zu stürzen jetzt.

 

Drum: Edles nimmt als Wurzel Rohes,

dient Niedriges als Grund für Hohes.

Drum nennen Fürst und König meist
sich einsam, wertlos 
und
 verwaist.

Und ist das nicht, damit „Was roh ist,
als Wurzel diene ...
? Ob's nicht so ist?

Drum: wer zu viel zählt auf die Ehre,
bleibt ohne Ehre;
 nie begehre,
zu Glitzern wie ein Edelstein –

sollst rau... wie ein Gedenkstein sein.

 

[

 

 Kapitel 39 erinnert an jene Einheit, durch die Himmel klar, Erde fest und die Geister wirksam werden. Alles, was Dauer besitzt, gründet sich auf ein Ungeteiltes. Die Zeilen zeigen, dass das Hohe nicht ohne das Niedrige stehen kann und das Edle ohne das Einfache seine Wurzel verliert. Wenn etwas sich von seiner Grundlage trennt, zerfällt es – nicht durch Strafe, sondern durch das eigene Übermaß. Das Kapitel führt eine Welt vor, in der jedes Wesen seine Stellung aus der Verbundenheit mit dem Ursprung erhält. Könige und Fürsten bleiben nur dann aufrecht, wenn sie das Niedrige ehren; wer die Spitze sucht und die Basis vernachlässigt, stürzt. Die Bewegung von Hoch und Tief, Rein und Grob, Stark und Schwach ist kein Gegensatz, sondern ein Hin und Her, das die Ordnung trägt. Das Kapitel lädt dazu ein, die Einheit zu bewahren, aus der heraus alles wächst.

Die poetische Fassung bringt diese Bewegung der Verbundenheit mit stiller Klarheit zum Ausdruck. Die Gegenüberstellung von Hoch und Niedrig ist fein gesetzt und vermeidet jede harte Grenze. Besonders gelungen ist die Darstellung des Ursprungs, der nicht als Macht erscheint, sondern als unsichtbare Grundlage. Die Verse über Könige und Fürsten bewahren die laozianische Demut: Sie zeigen, dass Würde aus Rückkehr zur Einfachheit entsteht. Die poetische Umsetzung hält den weichen Rhythmus des Kapitels und lässt die Einheit der Welt erfahrbar werden, ohne sie zu behaupten. Die Bilder von Reinheit und Grobheit sind schlicht, doch tragend und bewahren die innere Balance des Textes. Die Fassung bleibt offen und leicht, sodass die Idee der Einheit wie ein stiller Hintergrund wirkt.

 Kapitel 39 zeigt, dass alles Sein aus der Einheit hervorgeht und zu ihr zurückkehrt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Weite und erinnert daran, dass Höhe ohne Tiefe leer bleibt. Sie lässt spüren, dass das Dào nicht im Glanz liegt, sondern in der Grundlage – und dass Stärke aus der Verbundenheit mit dem Einfachen entsteht.

 

40 - Rückkehr zum Nicht-Sein

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

反者道之動。

fǎn zhě dào zhī dòng 。

弱者道之用。

ruò zhě dào zhī yòng 。

天下萬物生於有,有生於無。

tiān xià wàn wù shēng yú yǒu ,yǒu shēng yú wú 。

 

40

Rückkehr zum Nicht-Sein

 

Des Dàos Wegzurückzusenden,

des SchwachenDào anzuwenden.

 

Die Welt ging aus dem Sein hervor,

das Sein trat aus dem Nichts empor.

 

[

 

 Kapitel 40 beschreibt die Umkehr als Bewegung des Dào. Was sich ausdehnt, kehrt zurück; was sich zeigt, zieht sich wieder ins Verborgene. Diese Rückwärtsbewegung ist kein Gegensatz zum Fortschritt, sondern seine Bedingung. Die Welt lebt aus einem Wechselspiel von Kommen und Gehen, Werden und Vergehen. Das Kapitel deutet an, dass das Schwache, das Nachgiebige die Wurzel aller Dinge ist: Nicht das Harte trägt, sondern das, was sich beugt. Rückkehr bedeutet hier nicht Rückschritt, sondern Heimkehr zum Ursprung, der allem Sein vorausgeht. Die Zeilen öffnen einen Blick auf eine Welt, deren Form aus der Bewegung der Entleerung entsteht. Das Dào wirkt, indem es zurücknimmt, und gerade darin schenkt es Fülle. Die Umkehr ist die natürliche Richtung des Lebens, nicht seine Ausnahme.

 Die poetische Fassung bringt diese leise, aber grundlegende Bewegung mit sanfter Klarheit zur Sprache. Die Verse über die Rückkehr bewahren die laozianische Einfachheit und vermeiden jede symbolische Überladung. Besonders gelungen ist die Darstellung des Schwachen, das zur Wurzel wird: Die poetische Sprache lässt seine Kraft spürbar werden, ohne sie zu erklären. Die Umsetzung hält den ruhigen Atem des Originals und macht die Umkehr nicht als Verneinung, sondern als Vollendung erfahrbar. Die Form bleibt weit und durchlässig, sodass die Wiederkehr des Ursprungs wie eine natürliche Geste erscheint. Die Bilder von Biegen und Nachgeben entfalten sich leicht und behalten ihre innere Stabilität.

 Kapitel 40 zeigt, dass die Rückkehr die Richtung des Dào ist und dass die Kraft der Welt im Nachgeben liegt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit feiner Zurückhaltung und erinnert daran, dass Fülle aus dem Leeren entsteht. Sie lässt spüren, dass das Leben nicht im Vorstoß wurzelt, sondern im Rhythmus des Kommens und Zurückkehrens – und dass in dieser Bewegung die stille Mitte des Dào liegt.

 

41 - Unscheinbares Dào

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

上士聞道勤而行之。

shàng shì wén dào qín ér háng zhī 。

中士聞道若存若亡。

zhōng shì wén dào ruò cún ruò wáng 。

下士聞道大笑之。

xià shì wén dào dà xiào zhī 。

不笑不足以為道。

bú xiào bú zú yǐ wéi dào 。

故建言有之。明道若昧。

gù jiàn yán yǒu zhī 。míng dào ruò mèi 。

進道若退。夷道若纇。

jìn dào ruò tuì 。yí dào ruò lèi 。

上德若谷。大白若辱。

shàng dé ruò gǔ 。dà bái ruò rǔ 。

廣德若不足。建德若偷。

guǎng dé ruò bú zú 。jiàn dé ruò tōu 。

質真若渝。大方無隅。

zhì zhēn ruò yú 。dà fāng wú yú 。

大器晚成。大音希聲。

dà qì wǎn chéng 。dà yīn xī shēng 。

大象無形。道隱無名。

dà xiàng wú xíng 。dào yǐn wú míng 。

夫唯道善貸且成。

fū wéi dào shàn dài qiě chéng 。

 

41

Unscheinbares Dào

 

Erfährt als hoch gebildet man
vom Dào, übt 
man's eifrig dann;

der Durchschnitt hört vom Dào noch,
und schwankt: 
„Das gibt's nicht  oder doch?!

hört Dào nied're Bildung bloß,
verlachen werden sie es groß –

nicht so verlacht: es könnte nun
nicht 
mehr genug als Dào tun!

 

Da schon das alte Sprichwort meint:

dass Dàos Licht wie dunkel scheint,

voran scheint es zurückzugehen,

scheint glättend holprig anzusehen.

 

Gewöhnlich scheint die höchste Kraft,

scheint große Reinheit fleckenhaft,

scheint Kraft umfassend wie erschlafft,

solide Kraft wie unbeständig,

und reine Wahrheit wechselwendig.

 

Scheint größte Viereck eckenlos,

sind größte Gaben spät erst groß,

die größte Stimme still erschallt,

und größte Form braucht nicht Gestalt.

 

Nur Dào, namenlos verborgen,

wird uns vollenden und umsorgen.

 

[

 

 Kapitel 41 beschreibt die unterschiedlichen Wege, auf denen Menschen dem Dào begegnen. Der Höchste hört davon und folgt ihm ohne Zögern; der Mittlere hört davon und schwankt; der Niedrigste hört davon und lacht. Diese Dreiteilung zeigt, dass das Dào sich nicht durch unmittelbare Evidenz offenbart, sondern durch eine Tiefe, die sich erst im Lauschen erschließt. Das Kapitel entfaltet die paradoxe Natur des Weges: Der helle Weg scheint dunkel, der voranschreitende Weg scheint rückläufig, die höchste Klarheit wirkt wie Unordnung. Diese Umkehrungen sind keine Rätsel, sondern Hinweise darauf, dass das Dào sich dem unmittelbaren Zugriff entzieht. Die Welt der Erscheinungen täuscht über die verborgene Bewegung hinweg. Das Kapitel lädt dazu ein, die Wirklichkeit nicht an der Oberfläche zu messen. Wer den Widerspruch nicht scheut, findet die Spur des Weges im Verborgenen.

 Die poetische Fassung bringt diese paradoxe Schönheit mit feiner Ruhe zur Geltung. Die Gegenüberstellungen von Hoch und Niedrig, Klarheit und Dunkelheit, Vorwärts und Rückzug sind mit leichter Hand gesetzt und bewahren den laozianischen Atem. Besonders gelungen ist der Umgang mit dem Lachen des Niedrigsten: Die Verse lassen spüren, dass das Dào nur dort verfehlt wird, wo man es zu schnell versteht. Die poetische Umsetzung hält die Balance zwischen Einfachheit und Tiefe und vermeidet jede Erklärung, die das Rätsel glätten könnte. Die Bilder entfalten sich wie ein stiller Fächer, der die Bewegung des Dào zeigt, ohne sie festzulegen. Die Fassung bewahrt das Changieren des Originals, das gerade im Unscheinbaren seine Schönheit zeigt.

 Kapitel 41 zeigt, dass der Weg sich durch Gegensätze offenbart und dass Weisheit darin besteht, ihre Umkehrungen zu ertragen. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Klarheit und lässt erkennen, dass das Dào nicht dort liegt, wo alles hell erscheint, sondern dort, wo Tiefe und Dunkelheit einander tragen. Sie erinnert daran, dass echtes Verstehen immer auch Staunen ist – und dass das Lachen der Welt das Siegel des Dào nur noch deutlicher macht.

 

42 - Gewaltlose Evolution

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

道生一。一生二。二生三。三生萬物。

dào shēng yī 。yī shēng èr 。èr shēng sān 。sān shēng wàn wù 。

萬物負陰而抱陽,沖氣以為和。

wàn wù fù yīn ér bào yáng ,chòng qì yǐ wéi hé 。

人之所惡,唯孤、

rén zhī suǒ è ,wéi gū 、

寡不穀,而王公以為稱,

guǎ bú yù ,ér wáng gōng yǐ wéi chēng ,

故物或損之而益,或益之而損。

gù wù huò sǔn zhī ér yì ,huò yì zhī ér sǔn 。

人之所教,我亦教之,

rén zhī suǒ jiāo ,wǒ yì jiāo zhī ,

強梁者,不得其死。

qiáng liáng zhě ,bú dé qí sǐ 。

吾將以為教父。

wú jiāng yǐ wéi jiāo fù 。

 

42

Gewaltlose Evolution

 

Die Einheit folgte Dào's Ruf,

worauf die Einheit Zweiheit schuf,

wuchs Dreiheit aus der Zweiheit an,

schuf Dreiheit alle Dinge dann.

 

Die Wesen tragen lebenslang
ihr
 Yin, umarmen auch ihr Yang.

es ist der Strom der Lebenskraft,
der dabei Harmonie erschafft.

 

Dies flößt den Leuten Abscheu ein:

verwaist bloß, einsam, unwert sein,

so König doch und Herzog kamen,
und machten daraus 
Ehrennamen!

Mal ist Verlust doch ihr Gewinn,

mal ihr Gewinn Verlust mithin.

 

Was andre lehrten so bereits,

zu lehren nun auch meinerseits:

Brutale, die Gewalt verwenden –
sie werden 
nicht natürlich enden!

Ich will das nehmen und verkünden,
all meine Lehre darauf gründen.

 

[

 

 Kapitel 42 entfaltet den kosmischen Ursprung als eine Folge von Eins-werden und Sich-Teilen. Aus dem Einen entsteht das Zwei; aus dem Zwei das Drei; aus dem Drei die zehntausend Wesen. Diese Zahlenfolge ist weniger Mathematik als Bewegung: eine Atemlinie des Dào, das sich aus der Einheit in die Vielfalt verströmt. Die Zeilen betonen, dass jedes Wesen das Dunkle und das Helle in sich trägt und dass Leben aus dem Zusammenspiel beider Kräfte entsteht. Das Schwache überwindet das Starke, das Weiche trägt das Harte – nicht als Ausnahme, sondern als Grundregel. Das Kapitel zeigt, dass die Welt aus Gegensätzen lebt, die sich gegenseitig hervorbringen. Es ruft dazu auf, die Harmonie nicht in der Überlegenheit einer Seite zu suchen, sondern im Gleichgewicht der Kräfte, die zusammen das Ganze bilden. Die Einheit bleibt Ursprung, auch wenn die Vielfalt unendlich scheint.

 Die poetische Fassung bringt diese schöpferische Bewegung mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Die Zahlenfolge entfaltet sich leicht und ohne jede didaktische Schwere. Besonders gelungen ist die Darstellung der Gegensätze, die nicht bekämpfen, sondern tragen: Die Verse lassen Helles und Dunkles ineinanderklingen, ohne den Kontrast zu glätten. Die Umsetzung bewahrt den laozianischen Ton, der die Vielfalt nicht erklärt, sondern als natürliche Ausweitung des Ursprungshauchs erscheinen lässt. Die Bilder vom Weichen und Starken sind schlicht gesetzt und behalten ihre innere Kraft, ohne Pathos. Die poetische Fassung verweilt nicht bei der Zahl, sondern bei der Bewegung, die sie ausdrückt, und macht den Gedanken der Einheit spürbar, die in jedem Ding weiterwirkt.

 Kapitel 42 zeigt das Dào als Quelle, die aus dem Einen das Viele werden lässt, ohne sich zu verlieren. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit feiner Weite und lässt erkennen, dass das Ganze nicht im Gegensatz liegt, sondern im Zusammenspiel. Sie erinnert daran, dass jedes Wesen die Spur des Ursprungs trägt – und dass die Vielfalt der Welt nichts anderes ist als die fortgesetzte Entfaltung des Einen.

 

43 - Sieg der Sanftheit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

天下之至柔,馳騁天下之至堅。

tiān xià zhī zhì róu ,chí chěng tiān xià zhī zhì jiān 。

無有入無間,吾是以知無為之有益。

wú yǒu rù wú jiān ,wú shì yǐ zhī wú wéi zhī yǒu yì 。

不言之教,無為之益天下希及之

bú yán zhī jiāo ,wú wéi zhī yì tiān xià xī jí zhī 。

 

43

Sieg der Sanftheit

 

Wie weltweit Weichsten rasch gelingt,

dass es das Härteste durchdringt,

 das Nicht-Sein kann in allen Dingen
das Lückenlose gar durchdringen!

 

Ich sehe daraus Vorteil reifen
im
 Handeln ohne einzugreifen;

zeigt Lehre ohne Worte dann

des Nichteingreifens Vorteil an:

den selten jemand fassen kann.

 

[

 

 Kapitel 43 zeigt die paradoxe Kraft des Schwächsten. Das Weichste der Welt durchdringt das Härteste, und das, was ohne Form ist, tritt ein, wo kein Raum zu sein scheint. Diese Bilder veranschaulichen, dass Wirksamkeit nicht aus Stärke entsteht, sondern aus Nachgiebigkeit und Geduld. Das Kapitel deutet an, dass Lehren ohne Worte möglich ist und Handeln ohne Eingriff. Diese stille Art des Wirkens steht im Gegensatz zu den üblichen Vorstellungen von Einfluss. Das Dào zeigt sich dort, wo nichts erzwungen wird. Die Zeilen laden dazu ein, die Kraft im Leisen zu erkennen, im kaum Sichtbaren, das dennoch alles durchdringt. Sie erinnern daran, dass die Welt nicht durch Druck bewegt wird, sondern durch jene Kräfte, die sich nicht aufdrängen. Wer ihnen folgt, findet eine Form des Handelns, die in ihrer Zurückhaltung stärker ist als jede Offensive.

 Die poetische Fassung bringt diese subtile Lehre mit ruhiger Zartheit zur Sprache. Die Darstellung des Weichen, das das Harte besiegt, ist fein gefasst und vermeidet jede Überhöhung. Besonders gelungen ist die Umsetzung des wortlosen Lehrens: Die Verse lassen die Stille wirken, ohne sie zu erklären. Die poetische Form bewahrt die laozianische Leichtigkeit, in der die größten Einsichten ohne Druck erscheinen. Die Bilder des Eindringens ohne Gestalt bleiben klar und erhalten eine fast durchscheinende Qualität. Die Sprache hält die Balance zwischen Bild und Bedeutung und lässt das Unsichtbare als tragende Kraft fühlbar werden.

 Kapitel 43 zeigt, dass das Geringste das Größte bewegen kann und dass die Welt nicht von dem getragen wird, was laut ist, sondern von dem, was sich kaum zeigt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und erinnert daran, dass das Dào im Leisen spricht und im Nachgeben wirkt. Sie lädt ein, der Kraft zu vertrauen, die nicht drängt – und gerade deshalb unaufhaltsam ist.

 

44 - Wahre Werte

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

名與身孰親。

míng yǔ shēn shú qīn 。

身與貨孰多。

shēn yǔ huò shú duō 。

得與亡孰病。

dé yǔ wáng shú bìng 。

是故甚愛必大費。

shì gù shèn ài bì dà fèi 。

多藏必厚亡。

duō cáng bì hòu wáng 。

知足不辱。

zhī zú bú rǔ 。

知止不殆。

zhī zhǐ bú dài 。

可以長久。

kě yǐ zhǎng jiǔ 。

 

44

Wahre Werte

 

Dein Ruhm, dein Selbst – was ist dir nah?

Dein Selbst, Besitz – was ist mehr da?

Gewinn, Verlust – was schlimmer gar?

 

Drum: zu viel lieben kostet sehr,

viel horten macht Verluste schwer.

Weiß zu genügen man: nicht schändlich,

zu halten, ungefährlich endlich,

so kann bestehen man weit mehr.

 

[

 

 Kapitel 44 stellt eine einfache, aber scharfe Frage: Was ist kostbarer – Ruf oder Leben, Gewinn oder innere Ruhe? Die Zeilen zeigen, dass Besitz und Ansehen leicht zu Verlust werden, weil sie das Herz binden. Wer zu viel sammelt, verliert sich; wer zu sehr bewahrt, lebt in Furcht vor dem Verlust. Das Kapitel deutet an, dass Maßhalten keine Entsagung ist, sondern eine Art von Freiheit. Das Weniger schützt, das Mehr gefährdet. Die Bewegung des Dào liegt im Genügen, nicht im Streben. Die Zeilen erinnern daran, dass das Leben selbst der höchste Wert ist – nicht als Biologie, sondern als Offenheit, die nicht von Dingen abhängig wird. Wer den eigenen Mittelpunkt bewahrt, verliert nichts Wesentliches. Das Kapitel lädt dazu ein, den inneren Raum über alle äußeren Güter zu stellen und im Verzicht nicht Mangel zu sehen, sondern Klarheit.

 Die poetische Fassung bringt diese nüchterne Weisheit mit ruhiger Schlichtheit zur Sprache. Die Gegenüberstellungen von Leben und Ruf, Gewinn und Verlust sind klar gezeichnet und behalten ihre Gelassenheit, ohne belehrend zu klingen. Besonders gelungen ist die Darstellung des Genügens: Die Verse zeigen, wie das Wenige weitet und das Viele verengt, ohne ein Urteil zu sprechen. Die poetische Umsetzung verzichtet auf Schärfe und bewahrt die laozianische Leichtigkeit, in der Einsicht nicht drückt, sondern aufhellt. Die Bilder von Sammeln und Bewahren sind fein gesetzt und fügen sich natürlich in den Fluss des Kapitels. Die Fassung lässt die Einfachheit des Gedankens als stille Stärke erscheinen.

 Kapitel 44 zeigt, dass das Wertvollste nicht vermehrt, sondern geschützt wird – und dass die wahre Sicherheit im Maß liegt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Klarheit und erinnert daran, dass Frieden entsteht, wenn der Mensch aufhört, sich zu verlieren. Sie lädt ein, im Einfachen das Wesentliche zu erkennen und im Genügen jene Freiheit, die durch keinen Besitz gefährdet wird.

 

45 - Paradoxie der Wahrheit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

大成若缺,其用不弊。

dà chéng ruò quē ,qí yòng bú bì 。

大盈若沖,其用不窮。

dà yíng ruò chòng ,qí yòng bú qióng 。

大直若屈。

dà zhí ruò qū 。

大巧若拙。

dà qiǎo ruò zhuō 。

大辯若訥。

dà biàn ruò nè 。

靜勝躁,寒勝熱。

jìng shèng zào ,hán shèng rè 。

清靜為天下正。

qīng jìng wéi tiān xià zhèng 。

 

45

Paradoxie der Wahrheit

 

Wie unzulänglich scheint Vollendung,

doch ungemindert in Verwendung;

scheint größte Fülle leer uns auch,

doch unerschöpflich ihr Gebrauch.

 

Besonders gerade scheint wie krumm,

wirkt höchst geschickt wie plump und dumm,

und höchst beredsam scheint wie stumm.

 

Siegt über Kälte nur Bewegen,

bleibt Ruhe Hitze überlegen.

Und Reinheit nur und Ruhe gelten
uns als ein Richtmaß
 aller Welten.

 

[

 

 Kapitel 45 beschreibt die Vollendung als etwas, das unvollkommen wirkt. Das Größte scheint unvollendet, das Vollste wirkt leer, und gerade dadurch bewahrt es seine Dauer. Diese Umkehrung zeigt, dass das Dào sich nicht in der Form erschöpft, sondern im offenen Raum wirkt, den die Form lässt. Die Zeilen über das Überströmen und das Aushöhlen erinnern daran, dass Fülle und Leere einander bedingen. Das Schnelle kommt zu spät, das Starke gerät ins Wanken – nur das Maßvolle bleibt bestehen. Das Kapitel deutet eine Welt an, in der die Dinge nicht durch Vollständigkeit glänzen, sondern durch die Fähigkeit, Raum zu lassen. Vollendung ist kein Abschluss, sondern ein Zustand, der sich nicht verhärtet. So lädt das Kapitel dazu ein, im Unfertigen nicht Mangel, sondern Freiheit zu sehen und in der Leere die Möglichkeit des Neuen.

 Die poetische Fassung bringt diese feinen Umkehrungen mit leiser Klarheit zur Geltung. Die Verse über das Unvollständig-Vollkommene sind zart gesetzt und bewahren die paradoxe Ruhe des Originals. Besonders gelungen ist die Darstellung des Leeren, das voller ist als jede Fülle: Die poetische Sprache lässt den offenen Raum spürbar werden, ohne ihn auszudeuten. Die Umsetzung vermeidet jede Betonung und folgt der laozianischen Schlichtheit, in der Stärke im Nicht-Vollenden liegt. Die Bilder des Wankens und des Maßvollen sind unaufgeregt und behalten ihre natürliche Balance. So entsteht eine Form, die nicht erklärt, sondern atmet – ganz im Geist des Kapitels.

 Kapitel 45 zeigt, dass Vollendung dann entsteht, wenn etwas offen bleibt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Weite und erinnert daran, dass das Dào nicht im Geschlossenen wohnt, sondern im Raum, der entsteht, wenn man nichts erzwingt. Sie lässt erkennen, dass die wahre Form jene ist, die sich nicht erschöpft – und gerade darin unerschöpflich bleibt.

 

46 - Friedliche Genügsamkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

天下有道,卻走馬以糞。

tiān xià yǒu dào ,què zǒu mǎ yǐ fèn 。

天下無道,戎馬生於郊。

tiān xià wú dào ,róng mǎ shēng yú jiāo 。

[罪莫大於可欲] 禍莫大於不知足。

[zuì mò dà yú kě yù ] huò mò dà yú bú zhī zú 。

咎莫大於欲得。

jiù mò dà yú yù dé 。

故知足之足常足矣。

gù zhī zú zhī zú cháng zú yǐ 。

 

46

Friedliche Genügsamkeit

 

Soll Dào alle Welt durchdringen,
nimmt man das Rennpferd nur zum Düngen
,

im Vorort, so das Dào schwieg,
da züchtet Pferde man zum Krieg.

 

Kein Unglück größer noch zu nennen,
als 
die Begehrlichkeit zu kennen,

kein Unheil größer auch umrissen,
als 
um Zufriedenheit nicht wissen;

kein Fehler größer so im Sinn
als 
das Verlangen nach
 Gewinn.

Drum: kennt genug Genügsamkeit,

das wohl genügt für alle Zeit!

 

[

 

 Kapitel 46 beschreibt die Welt im Einklang mit dem Dào als eine Landschaft des Genügens. Wo das Dào präsent ist, begnügen sich die Menschen mit dem, was da ist; wo es verloren geht, erwacht das Begehren nach Weite, Macht und Besitz. Die Zeilen über die Pferde – friedlich auf dem Feld oder im Kriegszug erschöpft – zeigen, wie unterschiedlich dieselbe Kraft wirken kann, je nachdem, welche Haltung sie führt. Das Kapitel macht deutlich, dass Unzufriedenheit nicht aus Mangel entsteht, sondern aus dem Drang, über das Maß hinauszugreifen. Wer das Genügen kennt, bleibt im eigenen Leben verankert; wer nach Ferne strebt, verliert die Nähe. Die Zeilen erinnern daran, dass keine größere Schuld besteht, als Wünsche zu nähren, die die Mitte verlassen. Das Kapitel lädt dazu ein, in der Begrenzung nicht Enge zu sehen, sondern Befreiung vom überflüssigen Gewicht des Begehrens.

 Die poetische Fassung bringt diese leise Ethik des Maßes mit sanfter Klarheit zur Geltung. Die Bilder der Pferde sind schlicht und tragen doch die ganze Spannweite menschlicher Haltungen. Besonders gelungen ist die Darstellung des Genügens: Die Verse lassen spüren, dass Frieden nicht aus Besitz entsteht, sondern aus dem Nachlassen der Begierde. Die poetische Umsetzung bewahrt den laozianischen Ton, der ohne Vorwurf auskommt und einzig die Wirklichkeit beschreibt. Die Sprache bleibt weit und unangestrengt, sodass die Einfachheit des Gedankens Raum gewinnt. Die Gegenüberstellung von Nähe und Ferne, von Ruhe und Erschöpfung, wirkt still und eindringlich, ohne Pathos. Die Fassung hält die Balance, in der das Kapitel ruht.

 Kapitel 46 zeigt, dass das Dào dort wirkt, wo das Herz genügsam wird. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Weite und lässt erkennen, dass die größte Gefahr im Übermaß liegt. Sie erinnert daran, dass Frieden nicht erreicht wird, sondern entsteht, wenn das Begehren zur Ruhe kommt – und dass die wahre Weite im Genügen liegt, nicht im Streben nach mehr.

 

47 - Erkenntnis und Einsicht

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

不出戶知天下。

bú chū hù zhī tiān xià 。

不闚牖見天道。

bú kuī yǒu jiàn tiān dào 。

其出彌遠,其知彌少。

qí chū mí yuǎn ,qí zhī mí shǎo 。

是以聖人不行而知。

shì yǐ shèng rén bú háng ér zhī 。

不見而明。

bú jiàn ér míng 。

不為而成。

bú wéi ér chéng 。

 

47

Erkenntnis und Einsicht

 

Noch ohne aus der Tür zu gehen,
erkenne
 alles 
Weltgeschehen,

und ohne aus dem Fenster spähen
magst du 
des Himmels Dào sehen.

Wer weithin in die Ferne schweift,

doch umso weniger begreift!

 

Nicht reisend, Weise doch verstehen,

nicht spähend, doch beschreibend sehen,

nicht tun bloß, doch vollenden gehen.

 

[

 

 Kapitel 47 zeigt, dass Erkenntnis nicht aus der Ferne kommt. Wer das Dào versteht, muss die Welt nicht bereisen, um sie zu kennen. Ohne hinauszugehen, erkennt man den Himmel; ohne das Fenster zu öffnen, sieht man den Lauf der Dinge. Die Zeilen deutet an, dass Tiefe nicht in der Bewegung liegt, sondern im Durchdringen des Eigenen. Das Kapitel stellt die äußere Suche der inneren Einsicht gegenüber: Je weiter man läuft, desto weniger findet man; je mehr man zur Ruhe kommt, desto klarer wird das Ganze. Wissen entsteht nicht durch Anhäufung, sondern durch Loslassen. Die Welt offenbart sich dort, wo man nicht nach ihr greift. Die Zeilen laden dazu ein, das Nahe nicht zu übergehen und im Kleinen die Strukturen des Großen zu erkennen. So zeigt das Kapitel einen Weg, auf dem Klarheit aus Stille erwächst und Weite aus Sammlung.

 Die poetische Fassung bringt diese innere Weite mit sanfter Helligkeit zur Sprache. Die Verse über das Erkennen ohne Aufbruch sind leicht gesetzt und bewahren die laozianische Ruhe. Besonders gelungen ist die Darstellung der Bewegung nach innen: Die poetische Sprache lässt spüren, dass die Welt im Herzen lesbar wird, ohne dass der Blick die Ferne sucht. Die Umsetzung vermeidet jede Belehrung und bewahrt die Schlichtheit, in der Einsicht aus Nachlassen entsteht. Die Bilder des Hinaus- und Nicht-Hinausgehens wirken transparent und tragen den Gedanken, dass Erkenntnis nicht in Wegen, sondern im Verweilen liegt. Die Fassung hält den stillen Rhythmus des Originals und lässt die Klarheit wie von selbst entstehen.

 Kapitel 47 zeigt, dass die Welt im Kleinen sichtbar wird und dass Weisheit darin besteht, nicht zu suchen. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit feiner Zurückhaltung und erinnert daran, dass Tiefe dort wächst, wo man die eigene Mitte nicht verlässt. Sie lässt spüren, dass das Dào nicht in der Ferne liegt, sondern in der Stille des Herzens – und dass wahres Erkennen ein Heimkehren ist.

 

48 - Weniger ist mehr!

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

為學日益。

wéi xué rì yì 。

為道日損。

wéi dào rì sǔn 。

損之又損,以至於無為。

sǔn zhī yòu sǔn ,yǐ zhì yú wú wéi 。

無為而不為。

wú wéi ér bú wéi 。

取天下常以無事,及其有事,不足以取天下。

qǔ tiān xià cháng yǐ wú shì ,jí qí yǒu shì ,bú zú yǐ qǔ tiān xià 。

 

48

Weniger ist mehr!

 

Wer täglich Lernen übt, häuft an,

doch übt das Dào täglich man,
so
 man sich täglich 
lösen kann.

Lass' los und wieder los,    komm' an,
so ohne einzugreifen dann;

greift man beim Handeln nicht mehr ein,
wird doch nichts unerledigt sein
.

 

Stets nicht geschäftig irgendwie
kriegt man die Welt 
 geschäftig nie:

reicht nicht dann, zu gewinnen sie.

 

[

 

 Kapitel 48 beschreibt den Weg der Verminderung. Wer Wissen anhäuft, vermehrt täglich; wer dem Dào folgt, vermindert täglich. Nicht im Sinne des Verlusts, sondern als Abwerfen des Überflüssigen. Die Zeilen zeigen, dass Wirksamkeit entsteht, wenn man weniger will, weniger eingreift, weniger korrigiert. Das Kapitel deutet an, dass wahre Meisterschaft im Nicht-Tun liegt: Je weniger man eingreift, desto mehr ordnet sich von selbst. Die Welt lässt sich nicht durch Handlung meistern, sondern durch das Nachlassen des Willens. Dieser Weg führt zu einer Freiheit, die nicht auf Kontrolle beruht, sondern auf dem Vertrauen, dass die Dinge ihren Verlauf finden. Das Kapitel lädt dazu ein, das Zuviel zu erkennen und im Weniger das Eigentliche hervortreten zu lassen.

 Die poetische Fassung bringt diese Bewegung des Loslassens mit stiller Klarheit zur Sprache. Die Verse über das tägliche Vermindern sind ruhig gesetzt und bewahren die laozianische Weite. Besonders gelungen ist die Darstellung des Nicht-Tuns als gelassene Form von Meisterschaft: Die poetische Sprache macht spürbar, dass Wirksamkeit aus dem Aufhören entsteht, nicht aus dem Mehr. Die Umsetzung vermeidet jede moralische Note und lässt das Kapitel wie eine leise Anleitung zu innerer Freiheit wirken. Die Bilder des Überflusses, der sich lichtet, sind schlicht, aber tragend und behalten ihre Transparenz. Die Fassung hält den Rhythmus des Originals, in dem alles Überflüssige abfällt und das Notwendige bleibt.

 Kapitel 48 zeigt, dass der Weg zum Dào ein Weg des Entlastens ist. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit feiner Zurückhaltung und erinnert daran, dass die Welt sich ordnet, wenn man sie nicht zwingt. Sie lässt erkennen, dass das Weniger nicht Mangel bedeutet, sondern Raum – und dass in diesem Raum die eigentliche Wirksamkeit des Dào sichtbar wird.

 

49 - Güte und Treue als Vorbild

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

聖人無常心。

shèng rén wú cháng xīn 。

以百姓心為心。

yǐ bǎi xìng xīn wéi xīn 。

善者吾善之。

shàn zhě wú shàn zhī 。

不善者吾亦善之德善。

bú shàn zhě wú yì shàn zhī dé shàn 。

信者吾信之。

xìn zhě wú xìn zhī 。

不信者吾亦信之、德信。

bú xìn zhě wú yì xìn zhī 、dé xìn 。

聖人在天下歙歙焉,為天下渾其心。

shèng rén zài tiān xià xī xī yān ,wéi tiān xià hún qí xīn 。

百姓皆注其耳目,聖人皆孩之。

bǎi xìng jiē zhù qí ěr mù ,shèng rén jiē hái zhī 。

 

49

Güte und Treue als Vorbild

 

Der Weise braucht kein festes Streben,

macht andrer Ziel zu seinem eben.

 

Zu Guten bin ich gut, und ich

bin gut zu nicht so Guten, sprich:

und höchste Güte geht an mich!

Zu Treuen bin ich gut, und ich

bin gut zu nicht so Treuen, sprich:

und höchste Güte geht an mich!

 

Es lebt ganz in der Welt der Weise,

wirkt in der Welt bescheiden, leise,

nicht festgelegt in seinem Streben.

Die andern alle richten eben
auf ihn ihr Aug' und Ohr nicht minder – 
 

dem Weisen sind sie alle Kinder

 

[

 

 Kapitel 49 beschreibt die Weite des Herzens, die der Weise bewahrt. Er hat kein eigenes festes Herz; das Herz der Menschen wird zu seinem. Die Zeilen zeigen, dass Güte nicht aus Vorlieben entsteht, sondern aus einer Offenheit, die niemanden ausschließt. Der Weise begegnet den Guten mit Güte und den Nicht-Guten ebenfalls mit Güte – nicht aus Naivität, sondern weil er die gemeinsame Wurzel erkennt. Vertrauen entsteht auf dieselbe Weise: Er vertraut auch denen, die nicht vertrauenswürdig erscheinen, weil Vertrauen Beziehung stiftet. Das Kapitel deutet an, dass der Weise die Menschen wie seine Kinder trägt: ohne Besitz, ohne Forderung, ohne Unterscheidung. Seine Ruhe entsteht daraus, dass er sich nicht abgrenzt, sondern einlässt. Die Zeilen laden dazu ein, Güte nicht als Haltung gegenüber einzelnen, sondern als Form des Daseins zu verstehen.

 Die poetische Fassung bringt diese stille Weite mit sanfter Gelassenheit zur Sprache. Die Verse über das herzlose Herz des Weisen – das gerade deshalb weit ist – bewahren die laozianische Schlichtheit. Besonders gelungen ist die Darstellung der Güte, die nicht auswählt: Die poetische Sprache lässt spüren, dass diese Offenheit keine Schwäche ist, sondern eine Art von Klarheit. Die Umsetzung vermeidet jede moralische Schärfe und hält die Balance zwischen Nähe und Distanz, die das Kapitel trägt. Die Bilder des Tragens und Vertrautwerdens entfalten sich leicht und behalten ihre innere Wärme, ohne sentimental zu werden. Die Fassung bewahrt den Rhythmus des Originals und lässt die Weite des Herzens als natürliche Bewegung erscheinen.

 Kapitel 49 zeigt, dass Weisheit im Mit-Sein besteht und dass Güte aus einer Quelle stammt, die nicht zwischen Menschen unterscheidet. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und macht spürbar, dass ein offenes Herz keine Theorie ist, sondern ein Raum. Sie erinnert daran, dass Vertrauen dort wächst, wo man nicht trennt – und dass das Dào im Ungeteilten lebt.

 

50 - Tod und Leben

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

出生入死。

chū shēng rù sǐ 。

生之徒,十有三。

shēng zhī tú ,shí yǒu sān 。

死之徒,十有三。

sǐ zhī tú ,shí yǒu sān 。

人之生,動之於死地,亦十有三。

rén zhī shēng ,dòng zhī yú sǐ dì ,yì shí yǒu sān 。

夫何故﹖以其生生之厚。

fū hé gù ﹖yǐ qí shēng shēng zhī hòu 。

蓋聞善攝生者,陸行不遇兇虎,入軍不被甲兵。

gài wén shàn shè shēng zhě ,lù háng bú yù xiōng hǔ ,rù jun1 bú bèi jiǎ bīng 。

兇無所投其角。

xiōng wú suǒ tóu qí jiǎo 。

虎無所用其爪。

hǔ wú suǒ yòng qí zhǎo 。

兵無所容其刃。

bīng wú suǒ róng qí rèn 。

夫何故﹖以其無死地。

fū hé gù ﹖yǐ qí wú sǐ dì 。

 

50

Tod und Leben

 

Ins Leben raus – zum Tod dann gehen 

des Lebens Freunde – drei von zehn,

und drei von zehn – zum Tod mehr stehen.

Und Lebensmenschen, welche streben

zum Tod  wird drei von zehn auch geben!

Jedoch aus welchem Grunde eben?

Weil sie des Lebens Fülle leben.

 

Man hört ja: gute Lebenshüter,

die, wandernd durch die Landesgüter,
vor Büffel nicht noch Tiger 
stehen,

in Schlachten traten immerfort 
mit Schild nicht, noch mit Schwert versehen:

die Büffel finden keinen Ort,
ihr Horn hineinzubohren 
dort
,

kein Ort, mit Tigerklauen zwingen,

mit Schwerterklingen einzudringen.

 

Aus welchen Grund gilt solches Wort?

Sie haben keinen Todesort!

 

[

 

 Kapitel 50 betrachtet das Leben im Spannungsfeld zwischen Geburt und Tod. Die Zeilen unterscheiden drei Gruppen von Menschen: jene, die das Leben schätzen, jene, die den Tod suchen, und jene, die beide nicht fürchten. Der Weise gehört zur dritten Gruppe: Er fürchtet den Tod nicht, weil er dem Leben nicht krampfhaft anhängt. Das Kapitel zeigt, dass Angst aus Besitz entsteht – aus dem Versuch, das Leben festzuhalten, anstatt es zu durchschreiten. Wer das Dào verkörpert, wird nicht von Gefahren berührt, nicht weil er unverwundbar wäre, sondern weil er ohne Widerstand geht. Die Bilder von Tierangriffen und Waffen veranschaulichen dies: Was keinen Halt bietet, kann nicht verletzt werden. Das Kapitel lädt dazu ein, Leben und Tod nicht als Gegensätze zu erleben, sondern als zwei Bewegungen desselben Weges. In der Gleichmut der Haltung liegt die Freiheit.

 Die poetische Fassung bringt diese schwebende Gelassenheit mit ruhiger Klarheit zur Geltung. Die Verse über die drei Gruppen sind fein gesetzt und behalten ihre laozianische Einfachheit. Besonders gelungen ist die Darstellung des Unverwundbaren, das nicht aus Stärke stammt, sondern aus Nicht-Anhaftung: Die poetische Sprache lässt spüren, wie Leichtigkeit und Durchlässigkeit zu Schutz werden. Die Umsetzung vermeidet jede dramatische Färbung und hält die Bilder von Tieren und Waffen in einer fast stillen Atmosphäre. Die Fassung bewahrt den Rhythmus des Originals und zeigt die Unerschrockenheit des Weisen nicht als Heroismus, sondern als natürliche Folge des Loslassens.

 Kapitel 50 zeigt, dass Freiheit im Verhältnis zum Leben entsteht: Wer nicht festhält, wird nicht gegriffen. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Weite und erinnert daran, dass Leben und Tod nicht zwei Richtungen sind, sondern zwei Seiten desselben Weges. Sie lässt spüren, dass das Dào im Durchlässigen lebt – und dass Gelassenheit der eigentliche Schutz des Herzens ist.

 

51 - Der Weg und seine Kraft

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

道生之,德畜之,

dào shēng zhī ,dé chù zhī ,

wù xíng zhī ,shì chéng zhī 。

物形之,勢成之。

是以萬物莫不尊道,而貴德。

shì yǐ wàn wù mò bú zūn dào ,ér guì dé 。

道之尊,德之貴,夫莫之命而常自然。

dào zhī zūn ,dé zhī guì ,fū mò zhī mìng ér cháng zì rán 。

故道生之,德畜之。

gù dào shēng zhī ,dé chù zhī 。

長之育之。亭之毒之。養之覆之。

zhǎng zhī yù zhī 。tíng zhī dú zhī 。yǎng zhī fù zhī 。

生而不有,為而不恃,長而不宰。

shēng ér bú yǒu ,wéi ér bú shì ,zhǎng ér bú zǎi 。

是謂玄德。

shì wèi xuán dé 。

 

51

Der Weg und seine Kraft

 

Das Dào ist's, das sie erschafft,

es nährt sie mittels Innerer Kraft,

die Wesen formen sie, so wie

Umgebungen vollenden sie:

bei all den Wesen drum verkehrt
wohl keins, 
das nicht dies Dào ehrt
 und schätzt 
der Inneren Kräfte Wert.

 

Das Dào, ewig ehrenhaft,

und wertgeschätzt die Innere Kraft:

denn niemand fordert es zwar ein,
doch 
kann 
es stets von selbst so sein.

 

So folgt nun: Dào  es gebärt sie,

jedoch die Innere Kraft ernährt sie:

sie fördert sie und zieht sie groß,

so als Schutz und Heil gediehen,

und pflegt sie, und auch Schutz gewährt sie.

 

Das Dào erzeugt, besitzt nicht noch,

zwar handelnd, nichts erwartend doch.

 fördert, doch nicht herrscherhaft –

dies nennt man tiefe Innere Kraft.

 

[

 

 Kapitel 51 beschreibt das Wirken des Dào als einen stillen Vorgang des Hervorbringens und Nährens. Das Dào gebiert die zehntausend Wesen, die Tugend trägt sie, die Dinge formen sie, und die Umstände vollenden sie. Niemand beansprucht dabei Besitz; jedes Element erfüllt seine Rolle, ohne sich vorzudrängen. Die Zeilen zeigen eine Welt, in der das Leben aus einer unaufdringlichen Ordnung hervorgeht. Das Dào schafft ohne zu herrschen, nährt ohne zu besitzen, führt ohne zu beanspruchen. Diese Haltung der Nicht-Anmaßung ist das Herz des Kapitels. Die Wesen gedeihen gerade deshalb, weil nichts ihnen den Ursprung entreißt. Das Kapitel lädt dazu ein, das eigene Handeln an dieser stillen Art des Wirkens zu orientieren: Wirken ohne Anspruch, Geben ohne Forderung, Vollenden ohne Zuschreibung.

 Die poetische Fassung bringt diese sanfte Schöpfungskraft mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Die Verse über das Gebären und Nähren sind transparent gesetzt und bewahren die laozianische Leichtigkeit. Besonders gelungen ist die Darstellung der Nicht-Anmaßung: Die poetische Sprache lässt spüren, dass die Dinge stark werden, wenn sie nicht festgehalten werden. Die Umsetzung vermeidet jede Überhöhung und bleibt nahe an der stillen Bewegung des Originals. Die Bilder des Hervorbringens entfalten sich unaufgeregt und behalten ihre schlichte Schönheit. Die Fassung lässt die natürliche Ordnung des Kapitels als innere Musik erscheinen, die ohne Druck wirkt.

 Kapitel 51 zeigt das Dào als eine Quelle, die nährt, ohne zu besitzen, und führt, ohne sich zu zeigen. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Eleganz und erinnert daran, dass das Größte dort wirkt, wo kein Anspruch erhoben wird. Sie lädt ein, ein Handeln zu suchen, das Raum gibt statt zu greifen, und das die Dinge dort belässt, wo sie am stärksten gedeihen können: in der Freiheit des Ursprungs.

 

52 - Sinn und Sinnlichkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

天下有始,以為天下母。

tiān xià yǒu shǐ ,yǐ wéi tiān xià mǔ 。

既得其母,以知其子。

jì dé qí mǔ ,yǐ zhī qí zǐ 。

既知其子,復守其母,沒身不殆。

jì zhī qí zǐ ,fù shǒu qí mǔ ,méi shēn bú dài 。

塞其兌,閉其門,終身不勤。

sāi qí duì ,bì qí mén ,zhōng shēn bú qín 。

開其兌,濟其事,終身不救。

kāi qí duì ,jì qí shì ,zhōng shēn bú jiù 。

見其小曰明,守柔曰強。

jiàn qí xiǎo yuē míng ,shǒu róu yuē qiáng 。

用其光,復歸其明,無遺身殃。

yòng qí guāng ,fù guī qí míng ,wú yí shēn yāng 。

是為習常。

shì wéi xí cháng 。

 

52

Sinn und Sinnlichkeit

 

Die Welt hat einen Urbeginn,

als Mutter so der Welt mithin.

Nachdem man seine Mutter fand,
und seine Kindschaft 
so verstand,

wer einmal sich als Kind erkannt,
neu 
mit der Mutter sich verband 
nie in Gefahr 
sein Leben fand.

 

Den Mund verschließ', dein Tor verriegle:

dein Leben mühelos besiegle.

Den Mund mach auf, Geschäfte sprießen:

wird unerlöst dein Leben schließen.

 

Erleuchtung sagt: auf Kleines achte,

und Stärke sagtbewahr' das Sachte!

Zur Rückkehr von der Einsicht zehren,
und zur Erleuchtung heimzukehren,

verlier' dich nicht, wo Unheil war;

bewirkt durch Üben immerdar.

 

[

 

 Kapitel 52 beschreibt das Dào als Mutter der Welt. Wer den Ursprung erkennt, erkennt auch die Kinder; wer die Kinder erkennt, darf den Ursprung nicht verlieren. Die Zeilen zeigen, dass Klarheit entsteht, wenn man zum Anfang zurückkehrt und die Wurzel nicht aus dem Blick verliert. Verschließt man die Sinne, wird das Innere ruhig; öffnet man sie maßlos, wird man verwirrt. Das Kapitel deutet an, dass Schutz aus Sammlung entsteht, nicht aus Abwehr. Wer das Sanfte bewahrt, bleibt unversehrt; wer das Helle überschätzt, verliert die Mitte. Die Bilder vom Heimkehren zur Mutter legen nahe, dass das Dào nicht fern ist – es ist die innere Quelle, zu der man zurückfindet, wenn man nicht zerstreut bleibt. Das Kapitel lädt dazu ein, die eigene Wurzel zu kennen und im Ursprünglichen Zuflucht zu finden.

 Die poetische Fassung bringt diese Rückkehrbewegung mit ruhiger Zärtlichkeit zur Sprache. Die Verse über Mutter, Kinder und Ursprung sind fein gesetzt und bewahren die laozianische Schlichtheit. Besonders gelungen ist die Darstellung der Sammlung: Die poetische Sprache lässt spüren, dass Ruhe nicht im Verschließen, sondern im Maß entsteht. Die Umsetzung vermeidet jede Symbolschwere und hält die Bilder leicht und durchlässig. Die Zeilen über Schutz und Unversehrtheit bleiben nah am Atem des Originals und entfalten ihre Bedeutung ohne Drängen. Die Fassung trägt die sanfte Wärme des Kapitels und bewahrt dessen leise Anmut.

 Kapitel 52 zeigt, dass der Weg beginnt und endet im Ursprung. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit feiner Weite und erinnert daran, dass Klarheit dort wächst, wo man die Wurzel nicht verliert. Sie lässt spüren, dass das Dào nicht gesucht werden muss – man muss sich nur erinnern, woher man kommt.

 

53 - Wege und Abwege

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

使我介然有知,

shǐ wǒ jiè rán yǒu zhī ,

行於大道,唯施是畏。

háng yú dà dào ,wéi shī shì wèi 。

大道甚夷,而好徑。

dà dào shèn yí ,ér mín hǎo jīng 。

朝甚除,田甚蕪,倉甚虛。

cháo shèn chú ,tián shèn wú ,cāng shèn xū 。

服文綵,帶利劍,

fú wén cǎi ,dài lì jiàn ,

厭飲食,財貨有餘。

yàn yǐn shí ,cái huò yǒu yú 。

是謂盜夸。非道也哉。

shì wèi dào kuā 。fēi dào yě zāi 。

 

53

Wege und Abwege

 

Würd' kaum noch Wissen ich verstehen,

würd' ich im großen Dào gehen,

nur Abkehr wär' mit Furcht zu sehen.

 

Dies große Dào: schnurgerade,

doch liebt das Volk die Nebenpfade:

mag säubert Hofpaläste sehr,

doch Felder voller Unkraut mehr,

Getreidespeicher gänzlich leer.

 

Bunt bestickte Kleider wagen,

scharfe Schwerter dazu tragen,

Speis und Trank zum Überdruss,

Geld und Gut im Überfluss:

Räuberprahlereiso heiß' es,

wahrlich: nie vom Dào weiß es!

 

[

 

 Kapitel 53 beschreibt die Gefahr, den Weg zu kennen und dennoch vom Weg abzuirren. Die Zeilen zeigen, dass das Dào leicht ist zu gehen, doch die Menschen lieben die Nebenwege. Wenn Herrscher prunkvoll leben und Felder veröden, wenn Waffen glänzen und Vorräte fehlen, dann ist der Weg verloren – nicht aus Unwissenheit, sondern aus Gier. Das Kapitel kritisiert keine Politik im engeren Sinn, sondern eine Haltung, die das Einfache verlässt und das Übermaß sucht. Die Bilder von prunkvollen Kleidern, scharfen Schwertern und unersättlichen Begierden zeigen eine Welt, die sich vom Ursprung entfernt hat. Das Kapitel ruft dazu auf, das Maß nicht zu verlieren und den Reichtum des Weges im Einfachen zu erkennen. Wer dem Dào folgt, braucht keine Zierde; er bewahrt das Genügende.

 Die poetische Fassung bringt diese warnende Klarheit mit ruhiger Schlichtheit zur Sprache. Die Verse über die Nebenwege sind fein gesetzt und lassen die laozianische Nüchternheit spürbar werden. Besonders gelungen ist die Darstellung des Übermaßes: Die poetische Sprache zeigt die Leere des Prunks, ohne zu moralisieren. Die Umsetzung bewahrt die stille Strenge des Originals und vermeidet jede Übertreibung. Die Bilder entfalten sich mit leichter Hand und behalten ihre Kraft, weil sie nicht betont werden. Die Fassung hält die Balance zwischen Warnung und Gelassenheit – der Ton bleibt ruhig, doch eindeutig.

 Kapitel 53 zeigt, dass man den Weg verlieren kann, während man ihn kennt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Präzision und erinnert daran, dass das Dào im Einfachen wohnt. Sie lädt dazu ein, das Übermaß zu meiden und die Fülle im Maß zu finden – dort, wo der Weg leicht wird und die Welt sich klärt.

 

54 - Soziale Reifung

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

善建者不拔。

shàn jiàn zhě bú bá 。

善抱者不脫。

shàn bào zhě bú tuō 。

子孫以祭祀不輟。

zǐ sūn yǐ jì sì bú chuò 。

修之於身其德乃真。

xiū zhī yú shēn qí dé nǎi zhēn 。

修之於家其德乃餘。

xiū zhī yú jiā qí dé nǎi yú 。

修之於鄉其德乃長。

xiū zhī yú xiāng qí dé nǎi zhǎng 。

修之於邦其德乃豐。

xiū zhī yú bāng qí dé nǎi fēng 。

修之於天下其德乃普。

xiū zhī yú tiān xià qí dé nǎi pǔ 。

故以身觀身,以家觀家,

gù yǐ shēn guān shēn ,yǐ jiā guān jiā ,

以鄉觀鄉,以邦觀邦,以天下觀天下。

yǐ xiāng guān xiāng ,yǐ bāng guān bāng ,yǐ tiān xià guān tiān xià 。

吾何以知天下然哉﹖以此

wú hé yǐ zhī tiān xià rán zāi ﹖yǐ cǐ 。

 

54

Soziale Reifung

 

Entwurzeln: nicht aus festem Grund,

entnommen: nicht aus festem Bund;

soll so bei Kind und Kindeskindern
das 
Ahnenopfer sie nicht hindern.

 

Lass an dir selbst erst Dào pflegen,
die Innere Kraft wird echt deswegen;

und als Familie wend' es an,
die Innere Kraft wird
 reichlich dann;

auch pfleg' im Dorf es – dauerhaft
wird
 so dann deine Innere Kraft;

und lass' im Lande es nun sprießen,
die Innere Kraft wird überfließen;

es weltweit nun auch pflegen lassend
wird 
dann die Innere Kraft umfassend.

 

Drum: schau gemäß dir selbst auf dich,

Familie sieh' verwandtschaftlich,

das Dorf gemäß dem Dorf an sich,

dem Land gemäß auf's Land geachtet,

die Welt sei weltgemäß betrachtet.

 

Und ich, wodurch erkenne ich
die
 Welt als solche?
 Innerlich!

 

[

 

 Kapitel 54 beschreibt die Beständigkeit des Dào als eine Kraft, die nicht erschüttert werden kann. Was auf dem Dào gegründet ist, bleibt bestehen – im Einzelnen, in der Familie, im Dorf, im Staat und in der Welt. Die Zeilen entfalten diese Ausweitung wie konzentrische Kreise, in denen Stabilität aus der Tiefe kommt, nicht aus Macht. Wer das Dào im eigenen Leben verwurzelt, wirkt über sich hinaus, ohne es zu wollen. Das Kapitel deutet an, dass Erkenntnis im Durchdringen von Nähe zu Ferne entsteht: Was man in sich klärt, klärt die Welt. Die Ordnung beginnt beim Einzelnen und breitet sich aus, weil sie nicht gesucht, sondern gelebt wird. Die Zeilen laden dazu ein, die innere Festigkeit zu pflegen, die jedes äußere Erschüttern überdauert.

 Die poetische Fassung bringt diese ruhige Ausweitung mit klarer Schlichtheit zur Sprache. Die konzentrischen Kreise entfalten sich in den Versen leicht und behalten ihre innere Logik. Besonders gelungen ist die Darstellung des Verwurzelns: Die poetische Sprache lässt spüren, wie das Standhafte aus dem Unaufdringlichen erwächst. Die Umsetzung vermeidet jede Feierlichkeit und bleibt nahe an der gelassenen Bewegung des Originals. Die Bilder von Haus, Dorf und Welt tragen sich mühelos und zeigen, dass Ordnung nicht gemacht wird, sondern entsteht. Die Fassung bewahrt die laozianische Ruhe und lässt die innere Festigkeit als stille Kraft erscheinen.

 Kapitel 54 zeigt, dass das Dào dort wirkt, wo etwas im Ursprung gegründet ist. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Weite und erinnert daran, dass Dauer aus Tiefe entsteht, nicht aus Anstrengung. Sie lädt dazu ein, im Kleinen zu beginnen und das Gegründete wachsen zu lassen – wie ein Samen, der nicht gehoben werden muss, um zu wirken.

 

55 - Kraft der Tugend

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

含德之厚比於赤子。

hán dé zhī hòu bǐ yú chì zǐ 。

毒蟲虺蛇不螫,猛獸不據,攫鳥不摶。

dú chóng huī shé bú shì ,měng shòu bú jù ,jué niǎo bú tuán 。

骨弱筋柔而握固。

gǔ ruò jīn róu ér wò gù 。

未知牝牡之合而全作,精之至也。

wèi zhī pìn mǔ zhī hé ér quán zuò ,jīng zhī zhì yě 。

終日號而不嗄,和之至也。

zhōng rì hào ér bú á ,hé zhī zhì yě 。

知和曰常。知常曰明。

zhī hé yuē cháng 。zhī cháng yuē míng 。

益生曰祥。心使氣曰強。

yì shēng yuē xiáng 。xīn shǐ qì yuē qiáng 。

物壯則老。

wù zhuàng zé lǎo 。

謂之不道,不道早已。

wèi zhī bú dào ,bú dào zǎo yǐ 。

 

55

Kraft der Tugend

 

Bewahr' die Innere Kraft so reich –

dem neugebor'nen Kinde gleich:

Skorpion, HornissenVipern, Schlangen
nicht,
 zu verletzen esgelangen,

kein Biest wird es zu packen wagen,
kein Greifenvogel 
wird es schlagen.

 

Die Sehnen zart, die Knochen weich,
und doch: 
sein Griff ist fest zugleich
.

Noch nicht des Weibes und des Mannes
Vereinigung erkennen 
kann es,

doch 
schon 
wird
 Zeugungskraft sich regen:

und höchste Lebenskraft belegen!

Schreit tagelang, doch heiser nie –

welch Gipfel wohl an Harmonie!

 

Meint Einklang kennen Ewigkeit,

meint Ewigkeit Erleuchtetheit.

Dein Leben steigern  unheilbringend,

wird Ehrgeiz Lebenskraft bedingend,
bedeutet das
:
 Gewalt erzwingend.

 

Geschöpfe: werden reif, dann alt ...

dies heißt: nicht mehr im Dào halt:

und nicht im Dào: früh verklingend!

 

[

 

 Kapitel 55 beschreibt den Menschen, der dem Dào nahe ist, als jemanden, dessen Kraft still und unsichtbar wirkt. Seine Tugend gleicht der eines Neugeborenen: weich, unversehrt, frei von Angst. Die Zeilen zeigen, dass ein solcher Mensch von Gift nicht berührt und von Tieren nicht verletzt wird – nicht im wörtlichen Sinn, sondern als Bild für eine innere Unangreifbarkeit. Wer im Ursprung ruht, wird von der Welt nicht zerschnitten. Das Kapitel entfaltet den Gedanken, dass Fülle nicht laut ist: Wenn die Lebensenergie überströmt, zeigt sie sich nicht in Übermaß, sondern in Ruhe. Doch wenn Kraft sich verhärtet und Ausatmen vergessen wird, beginnt der Verfall. Die Zeilen erinnern daran, dass Dauer nur dort entsteht, wo Weichheit bewahrt bleibt. Das Kapitel lädt dazu ein, die Stärke des Neugeborenen zu erkennen: die Stärke des Ungeformten.

 Die poetische Fassung bringt diese Mischung aus Reinheit und Stärke mit sanfter Klarheit zur Sprache. Die Bilder des Kindes sind leicht gesetzt und behalten ihre ursprüngliche Wärme. Besonders gelungen ist die Darstellung der Unangreifbarkeit: Die poetische Sprache lässt spüren, dass sie aus Durchlässigkeit stammt, nicht aus Widerstand. Die Umsetzung bewahrt die laozianische Schlichtheit und vermeidet jede Überinterpretation der körperlichen Bilder. Die Verse über das Überströmen der Kraft und die Gefahr der Verhärtung sind transparent gestaltet und lassen die innere Logik des Kapitels spürbar werden. Die Fassung hält den ruhigen Atem des Originals und macht die Weichheit als Form der Unerschöpflichkeit erlebbar.

 Kapitel 55 zeigt, dass wahre Stärke im Ungeformten liegt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit feiner Zurückhaltung und erinnert daran, dass das Dào dort wirkt, wo nichts verhärtet. Sie lässt spüren, dass Weichheit nicht Schwäche ist, sondern Ursprungskraft – und dass der Mensch, der im Dào ruht, die Welt berührt, ohne sich an ihr zu verlieren.

 

56 - Stille Erleuchtung

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

知者不言。

zhī zhě bú yán 。

言者不知。

yán zhě bú zhī 。

塞其兑,閉其門, 

sāi qí duì ,bì qí mén , 

挫其銳,解其紛,

cuò qí ruì ,jiě qí fēn ,

和其光,同其塵,是謂玄同。

hé qí guāng ,tóng qí chén ,shì wèi xuán tóng 。

故不可得而親。

gù bú kě dé ér qīn 。

不可得而疏。不可得而利。

bú kě dé ér shū 。bú kě dé ér lì 。

不可得而害。不可得而貴。

bú kě dé ér hài 。bú kě dé ér guì 。

不可得而賤。故為天下貴。

bú kě dé ér jiàn 。gù wéi tiān xià guì 。

 

56

Stille Erleuchtung

 

Ein Wissender: wer nicht viel spricht,
der Redende: er weiß noch nicht.

 

Verschließ' den Mund, verschließ' die Tür;

und glätte deine Schärfe hier,

lös' auf die Wirrungen in dir;

auf dass du dich vom Glanz befreist,

vereint mit deinem Staub nun seist –

im Mystisch Eins sein, wie es heißt!

 

Drum kannst du es nicht nah erlangen,

noch kannst du es entfernt empfangen;

erhälst es nicht durch Nutzen bringen,

noch kannst durch Schaden du's erringen;

kannst nicht durch Ehre es erschwingen,

noch wird es dir durch Schmach zuteil:

gilt drum der Welt als höchstes Heil.

 

[

 

 Kapitel 56 beschreibt das Schweigen als höchste Form des Wissens. Wer weiß, spricht nicht; wer spricht, weiß nicht. Die Zeilen zeigen, dass das Dào sich entzieht, sobald man es festhalten will. Weisheit besteht hier nicht im Erklären, sondern im Verbergen des Glanzes und im Glätten der Ecken. Das Kapitel deutet an, dass der Weise sich nicht abhebt, sondern mischt: Er wird eins mit Staub und Welt, ohne etwas zu verlieren. In dieser Durchlässigkeit liegt seine Freiheit. Die Zeilen erinnern daran, dass Unterscheidungen von Freund und Feind, Ehre und Schmach ihre Macht verlieren, wenn man die eigenen Grenzen löst. Das Kapitel lädt dazu ein, das Schweigen nicht als Rückzug zu sehen, sondern als Raum, in dem sich die Dinge ohne Druck ordnen. Tiefe zeigt sich nicht im Wort, sondern in der Stille, die es trägt.

 Die poetische Fassung bringt diese stille Weisheit mit feiner Zurückhaltung zur Sprache. Die Verse über das Schweigen bewahren die laozianische Klarheit und lassen die Stille selbst wirken. Besonders gelungen ist die Darstellung des Verbergens des Glanzes: Die poetische Sprache hält das Bild leicht und unaufdringlich, sodass seine Bedeutung mehr gespürt als erklärt wird. Die Umsetzung vermeidet jede Härte und folgt dem weichen Fluss des Originals. Die Bilder vom Staub, von Feind und Freund, sind ruhig gesetzt und behalten ihre Offenheit, ohne moralische Schärfe. Die Fassung lässt die innere Bewegung des Kapitels – das Öffnen durch Schweigen – deutlich werden, ohne sie zu benennen. So entsteht eine Form, die nicht spricht und doch alles sagt.

 Kapitel 56 zeigt, dass Weisheit im Verstummen liegt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und erinnert daran, dass das Dào dort wirkt, wo das Herz nicht trennt und der Geist nicht glänzen will. Sie lässt spüren, dass Stille keine Leere ist, sondern ein Raum, in dem alles zur Ruhe kommt – und in dem das Wesentliche ungehindert erscheinen kann.

 

57 - Stille Einfalt, edle Größe!

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

以正治國,以奇用兵,以無事取天下。

yǐ zhèng zhì guó ,yǐ qí yòng bīng ,yǐ wú shì qǔ tiān xià 。

吾何以知其然哉﹖以此

wú hé yǐ zhī qí rán zāi ﹖yǐ cǐ 。

天下多忌諱而民彌貧

tiān xià duō jì huì ér mín mí pín 。

民多利器國家滋昏。

mín duō lì qì guó jiā zī hūn 。

人多伎巧奇物泫起。

rén duō jì qiǎo qí wù xuàn qǐ 。

法令滋彰盜賊多有。

fǎ lìng zī zhāng dào zéi duō yǒu 。

故聖人云我無為而民自化。

gù shèng rén yún wǒ wú wéi ér mín zì huà 。

我好靜而民自正。

wǒ hǎo jìng ér mín zì zhèng 。

我無事而民自富。

wǒ wú shì ér mín zì fù 。

我無欲而民自樸。

wǒ wú yù ér mín zì pǔ 。

 

57

Stille Einfalt, edle Größe!

 

Mt Normen leiten sie das Land,

mit Arglist Waffen schnell zur Hand ...

doch nur durch Nicht-Geschäftigkeit
gelingt Eroberung weltweit.

Woher ich's weiß? Wie folgt allein:

 

Tabus  sie schränken weltweit ein,
wird doch das Volk noch ärmer sein
;

mehr scharfes Werkzeug nutzt man heute,
und umso
 wirrer Land und Leute;

hat man Gerissenes zuhauf,
mehr Seltsames taucht öfter auf;

Gesetz und Ordnung, kundgetan,
zieh'n Räuber mehr 
und Diebe an
.

 

Drum äußern Weise Menschen sich:

ich handle ohne einzugreifen,
und jeder 
wird von 
selbst doch reifen,

bevorzuge die Stille ich,
von selbst 
sind
 sie doch vorbildlich.

Bin frei ich von Geschäftigkeit,
von selbst doch jedermann gedeiht;

begehre ich Begehren nicht,
von selbst 
doch 
werden alle schlicht.

 

[

 

 Kapitel 57 beschreibt die Grenzen politischer Steuerung. Je mehr Verbote, desto ärmer das Volk; je schärfer die Waffen, desto unruhiger das Land; je schlauer die Menschen, desto seltsamer die Geschäfte. Die Zeilen zeigen, dass Ordnung nicht aus Kontrolle entsteht, sondern aus Einfachheit. Das Kapitel deutet an, dass Regieren mit dem Dào bedeutet, nicht zu straffen, sondern zu lockern. Wenn die Menschen sich selbst überlassen sind, finden sie zu ihrer eigenen Mitte zurück. Der Weise regiert, indem er nicht eingreift: Er schafft Raum, statt zu bestimmen. Die Zeilen erinnern daran, dass Übermaß an Einfluss das Gegenteil dessen bewirkt, was es erreichen will. Das Kapitel lädt dazu ein, in der Zurücknahme die wahre Politik zu erkennen – eine, die nicht erzwingt, sondern ermöglicht.

 Die poetische Fassung bringt diese leise politische Weisheit mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Die Verse über Verbote, Waffen und Schlauheit sind knapp, aber tragend und bewahren die nüchterne Schärfe des Originals. Besonders gelungen ist die Darstellung des Regierens durch Nicht-Tun: Die poetische Sprache lässt spüren, dass Ordnung aus Vertrauen entsteht, nicht aus Druck. Die Umsetzung vermeidet moralische Spannung und folgt dem laozianischen Ton, der nicht tadelt, sondern zeigt. Die Bilder entfalten sich ohne Eile und behalten ihre Transparenz, sodass der Gedanke der Lockerung natürlich wirkt. Die Fassung hält die Balance zwischen Weisheit und Einfachheit und gibt dem Kapitel seine stille Autorität.

 Kapitel 57 zeigt, dass das Dào die Welt nicht durch Eingriffe ordnet, sondern durch Raum. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Weite und erinnert daran, dass Politik nicht im Drängen liegt, sondern im Vertrauen auf die Natur der Dinge. Sie lässt spüren, dass wahre Führung jene ist, die nicht führt – und dass Freiheit die Grundlage jeder Ordnung ist.

 

58 - Sanfter Führungsstil

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

其政悶悶,其民淳淳。

qí zhèng mèn mèn ,qí mín chún chún 。

其政察察,其民缺缺。

qí zhèng chá chá ,qí mín quē quē 。

禍尚福之所倚。

huò shàng fú zhī suǒ yǐ 。

福尚禍之所伏。

fú shàng huò zhī suǒ fú 。

孰知其極,其無正。

shú zhī qí jí ,qí wú zhèng 。

正復為奇,善復為妖。

zhèng fù wéi qí ,shàn fù wéi yāo 。

人之迷其日固久。

rén zhī mí qí rì gù jiǔ 。

是以聖人方而不割。

shì yǐ shèng rén fāng ér bú gē 。

廉而不劌。直而不肆。光而不燿

lián ér bú guì 。zhí ér bú sì 。guāng ér bú shuò 。

 

58

Sanfter Führungsstil

 

Wer herrscht, soll unaufdringlich sein:

sein Volk bleibt ursprünglich und rein;

wer herrscht und lässt Kontrolle walten:

sein Volk wird listig und gespalten.

 

Wird Unglück Glück schon untermauern,

wird, ach, im Glück schon Unglück lauern…

 

Wer höchste Herrschaftsformen kennt,

sich wohl von starreNormen trennt!

Verkehren kann sich alle Norm
und 
seltsam 
werden ihre Form,

lässt sich die Güte erst verkehren,
wird Unheilvolles 
sie bescheren;

des Menschen derlei Illusion

währt sicher lange Tage schon!

 

Drum sind die Weisen frei heraus,

doch nie auf zu verletzen aus,

sind spitz, doch stechen nicht, sowie

gezielt, nicht zügellos sind sie,

sie sind brilliant, doch blenden nie!

 

[

 

 Kapitel 58 beschreibt eine Welt, in der die Haltung der Herrschenden das Klima des Reiches prägt. Wenn die Regierung ruhig und zurückhaltend ist, werden die Menschen schlicht und gelassen; wenn sie spitzfindig und streng ist, werden die Menschen listig und unruhig. Die Zeilen zeigen, dass Übermaß an Ordnung zu Unordnung führt und Übermaß an Strenge zu Betrug. Das Kapitel entfaltet die laozianische Einsicht, dass Extreme sich gegenseitig hervorbringen: Unglück ruht im Glück, und Glück verbirgt das Unglück. Diese Umkehrungen sind nicht pessimistisch, sondern Hinweise auf die Beweglichkeit der Welt. Alles wandelt sich, und starres Greifen vergrößert nur das Leiden. Das Kapitel lädt dazu ein, eine Politik der Milde zu üben und im Wechselspiel der Gegensätze jene Mitte zu finden, in der das Leben sich selbst trägt.

 Die poetische Fassung bringt diese sanfte, doch klare Bewegung mit ruhiger Helligkeit zur Sprache. Die Verse über die stille Regierung entfalten sich leicht und bewahren die laozianische Zurückhaltung. Besonders gelungen ist die Darstellung der Gegensätze, die einander hervorbringen: Die poetische Sprache lässt spüren, dass Glück und Unglück keine festen Zustände sind, sondern ineinander übergehen. Die Umsetzung vermeidet jede moralische Härte und bewahrt den weiten Blick des Originals. Die Bilder von Einfachheit und List bleiben transparent und wirken nicht wie Urteile, sondern wie Beobachtungen. Die Fassung hält die Balance zwischen Schlichtheit und Tiefe und lässt die leise Logik des Wandels klar werden.

 Kapitel 58 zeigt, dass Milde Ordnung erzeugt und Strenge Unruhe. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und erinnert daran, dass das Dào nicht trennt, sondern verwandelt. Sie lässt erkennen, dass Weisheit in der Mitte liegt – dort, wo man die Gegensätze zulässt, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen.

 

59 - Mäßigung

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

治人事天莫若嗇。

zhì rén shì tiān mò ruò sè 。

夫唯嗇是謂早服。

fū wéi sè shì wèi zǎo fú 。

早服謂之重積德。

zǎo fú wèi zhī zhòng jī dé 。

重積德則無不克。

zhòng jī dé zé wú bú kè 。

無不克則莫知其極。

wú bú kè zé mò zhī qí jí 。

莫知其極可以有國。

mò zhī qí jí kě yǐ yǒu guó 。

有國之母可以長久。

yǒu guó zhī mǔ kě yǐ zhǎng jiǔ 。

是謂深根固柢,長生久視之道。

shì wèi shēn gēn gù dǐ ,zhǎng shēng jiǔ shì zhī dào 。

 

59

Mäßigung

 

Dem Himmel dienen, Menschen lenken,
nichts 
gleicht dabei dem sich beschränken.

denn nur in der Beschränkung war
beizeiten die Verpflichtung da;

beizeiten die Verpflichtung meint:
dass reichlich Innere Kraft man eint;

die Sammlung Innerer Kraft sodann:
dass 
nichts man nicht mehr meistern kann!

 

Nichts nicht zu meistern dann, gibt preis:
dass „niemand seine Grenzen weiß“;

kann niemand deine Grenzen spüren,
vermagst 
du so das Reich zu
 führen;

besitzt man mütterlich das Land,
so hat es langen Fortbestand.

 

Heißt: tief verwurzelt, fest sich gründe,

verlängert es ins Leben münde,
erweitert Dàos Ausblick 
stünde!

 

[

 

 Kapitel 59 beschreibt das rechte Maß im Führen und im eigenen Leben. Die Zeilen zeigen, dass Vorsicht und Genügsamkeit die Grundlage jeder Wirksamkeit bilden. Wer früh anhält, spart Kraft; wer Maß hält, bleibt verbunden mit dem Ursprung. Das Kapitel deutet an, dass Regieren nicht durch Eingriffe gelingt, sondern durch das Bewahren der Wurzel. Aus der Wurzel entsteht Tiefe, aus Tiefe Dauer, aus Dauer ein Weg, der nicht zerfällt. Der Weise herrscht nicht, sondern dient dem, was wachsen will. Die Bilder von Sparsamkeit und Sammlung wirken nicht asketisch, sondern befreiend: Wer weniger beansprucht, wird stärker getragen. Das Kapitel lädt dazu ein, Übermaß zu meiden und die leise Fülle zu suchen, die aus dem Einfachen strömt. In der Rückkehr zur Wurzel liegt die Kraft des Dào.

 Die poetische Fassung bringt diese ruhige Ethik des Maßes mit klarer Sanftheit zur Sprache. Die Verse über Sparsamkeit und Vorsicht entfalten sich leicht und behalten ihre laozianische Schlichtheit. Besonders gelungen ist die Darstellung der Wurzel als Quelle von Tiefe und Dauer: Die poetische Sprache lässt spüren, dass Standhaftigkeit nicht erzwungen werden muss. Die Umsetzung vermeidet jede moralische Schwere und folgt der stillen Bewegung des Kapitels, in der Führung aus Zurücknahme entsteht. Die Bilder bleiben unaufdringlich, aber tragend, und bewahren die innere Weite des Originals. Die Fassung hält den ruhigen Atem des Textes und lässt die Einfachheit als wahre Form der Stärke erscheinen.

 Kapitel 59 zeigt, dass der Weg des Dào im Maß liegt – im Nicht-Übergreifen, im Bewahren, im frühen Innehalten. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Klarheit und erinnert daran, dass Wirksamkeit aus der Wurzel kommt. Sie lässt erkennen, dass Dauer nicht durch Kontrolle entsteht, sondern durch Tiefe – und dass das Genügende mehr trägt als jedes Übermaß.

 

60 - Herrschen ohne Schädigung

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

治大國若烹小鮮。

zhì dà guó ruò pēng xiǎo xiān 。

以道蒞天下,其鬼不神。

yǐ dào lì tiān xià ,qí guǐ bú shén 。

非其鬼不神,其神不傷人。

fēi qí guǐ bú shén ,qí shén bú shāng rén 。

非其神不傷人,聖人亦不傷人。

fēi qí shén bú shāng rén ,shèng rén yì bú shāng rén 。

夫兩不相傷,故德交歸焉。

fū liǎng bú xiàng shāng ,gù dé jiāo guī yān 。

 

60

Herrschen ohne Schädigung

 

Regieren sei in großen Staaten
so
 sanft wie kleine Fische braten.

Mit Dào ist die Welt zu meistern:

so böse Geister nicht mehr geistern,

nicht nur die bösen Geister werden
fortan nicht geistern mehr auf Erden,

auch Geister auf den guten Pfaden
wi werden 
Menschen 
nicht mehr schaden;

nicht nur die guten Geister, die
den Menschen schaden werden nie,

die weisen Menschen ebenso –
sie schaden 
Menschen nirgendwo.

 

 Da beide nicht in Schaden münden,

drum beide Kräfte sich verbinden,
gemeinsam
 hier zurückzufinden!

 

[

 

 Kapitel 60 vergleicht gutes Regieren mit dem schonenden Garen eines kleinen Fisches. Die Zeilen zeigen, dass die Welt nicht durch heftiges Eingreifen geordnet wird, sondern durch eine sanfte, kaum spürbare Führung. Wird zu viel bewegt, zerfällt das Ganze; wird maßvoll gehandelt, bleibt es heil. Das Kapitel deutet an, dass das Dào durch Nicht-Eingriff wirkt: Wenn der Weise nicht bedrängt, verlieren auch zerstörerische Kräfte ihre Macht. Selbst das Dämonische wird still, wenn man es nicht reizt. Die Zeilen erinnern daran, dass Harmonie nicht durch Stärke entsteht, sondern durch das Vermeiden unnötiger Erschütterung. Die Bewegung des Dào ist leise, aber tragend: Wer ihr folgt, lässt die Dinge sich selbst beruhigen, ohne Kontrolle auszuüben. Das Kapitel lädt dazu ein, in der Zurückhaltung die höchste Form der Fürsorge zu erkennen.

 Die poetische Fassung bringt diese feine Kunst des Nicht-Eingreifens mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Der Vergleich mit dem Fisch ist leicht gesetzt und bewahrt die laozianische Schlichtheit. Besonders gelungen ist die Darstellung der Kräfte, die sich beruhigen, wenn man sie lässt: Die poetische Sprache macht spürbar, dass Gewalt nicht durch Gegenkraft besänftigt wird, sondern durch Gelassenheit. Die Umsetzung vermeidet jede symbolische Schwere und hält die Bilder durchlässig und still. Die Verse zeigen die Art von Führung, die nicht sichtbar sein will und gerade deshalb wirkt. Die Fassung bleibt eng am Ton des Originals und entfaltet seine leise Weisheit ohne Drängen.

 Kapitel 60 zeigt, dass die Welt dort zur Ruhe kommt, wo Führung nicht stört. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Eleganz und erinnert daran, dass das Dào nicht im Eingriff liegt, sondern im Lassen. Sie lässt erkennen, dass Fürsorge nicht im Zugriff besteht, sondern in der Fähigkeit, die Dinge heil zu lassen – so wie ein kleiner Fisch unversehrt bleibt, wenn man ihn behutsam wendet.

 

61 - Erste Diener

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

大國者下流,天下之交。

dà guó zhě xià liú ,tiān xià zhī jiāo 。

天下之牝。

tiān xià zhī pìn 。

牝常以靜勝牡。

pìn cháng yǐ jìng shèng mǔ 。

以靜為下。

yǐ jìng wéi xià 。

故大國以下小國,則取小國。

gù dà guó yǐ xià xiǎo guó ,zé qǔ xiǎo guó 。

小國以下大國,則取大國。

xiǎo guó yǐ xià dà guó ,zé qǔ dà guó 。

故或下以取,或下而取。

gù huò xià yǐ qǔ ,huò xià ér qǔ 。

大國不過欲兼畜人。

dà guó bú guò yù jiān chù rén 。

小國不過欲入事人。

xiǎo guó bú guò yù rù shì rén 。

夫兩者各得所欲,大者宜為下。  

fū liǎng zhě gè dé suǒ yù ,dà zhě yí wéi xià 。  

 

61

Erste Diener

 

Lasst große Staaten abwärts fließen,

als aller Welt Zusammengießen:

als Weiblichkeit der Welt gepriesen.

So stete Ruhe überwiegt,
wo Weiblich über Männlich 
siegt,

da Ruhe wirksam unten liegt.

 

Wo demgemäß die großen Staaten
so unter kleine Staaten 
traten,

man so die kleinen dann gewann;

wo demgemäß die kleinen Staaten
so unter große Staaten 
traten:

gewonnen von den großen dann.

Der eine drum gewinnt da drunten,

der andre wird gewonnen unten!

 

Nichts wünschen große Staaten kleinen,
als sie zu fördern und vereinen,

der kleinen Staaten Wünsche schienen:
 
zu treffen andre, ihnen dienen.

denn beide, sie bekommen eben,
all jenes, was sie sich erstreben,

wenn Große so von unten geben!

 

[

 

 Kapitel 61 beschreibt das Große durch das Bild des tiefen Landes, das alle Wasser aufnimmt. Das Große herrscht, indem es sich unterstellt; es führt, indem es nachgibt. Die Zeilen zeigen, dass Macht nicht im Überragen liegt, sondern im Empfangen. So wie das Weibliche über das Männliche siegt, indem es nachgibt, so gewinnt das Große durch seine Tiefe. Das Kapitel deutet an, dass Staaten und Menschen einander durch Nachgiebigkeit stärken: Der Große wird zum Mittelpunkt, weil er sich nicht erhebt; der Kleine findet Halt, weil er nicht drücken muss. Die Bewegung des Dào zeigt sich in dieser Umkehrung des Üblichen: Wer unten bleibt, empfängt die Welt. Die Zeilen laden dazu ein, Größe nicht im Anspruch zu suchen, sondern in der Fähigkeit, Raum zu geben.

 Die poetische Fassung bringt diese sanfte Macht des Nachgebens mit ruhiger Weite zur Sprache. Die Bilder von Tiefe und Wasser sind klar gesetzt und behalten ihre laozianische Geschmeidigkeit. Besonders gelungen ist die Darstellung des Weiblichen als Kraft des Empfangens: Die poetische Sprache lässt seine Stärke spürbar werden, ohne sie zu betonen. Die Umsetzung vermeidet jede politische Schwere und hält die Bilder leicht und tragend. Die Verse zeigen, wie sich Größe entfaltet, wenn sie nicht drängt. Die Fassung bewahrt den stillen Rhythmus des Originals und lässt die paradoxe Eleganz des Kapitels unaufdringlich entstehen.

 Kapitel 61 zeigt, dass das Große durch Nachgiebigkeit wirkt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Klarheit und erinnert daran, dass Tiefe stärker ist als Höhe. Sie lässt erkennen, dass wahre Macht nicht im Drängen liegt, sondern im Raumgeben – und dass das Dào dort wirkt, wo man sich unterstellt, nicht wo man sich erhebt.

 

62 - Quelle und Zuflucht

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

道者萬物之奧。

dào zhě wàn wù zhī ào 。

善人之寶,不善人之所保。

shàn rén zhī bǎo ,bú shàn rén zhī suǒ bǎo 。

美言可以市尊。美行可以加人。

měi yán kě yǐ shì zūn 。měi háng kě yǐ jiā rén 。

人之不善,何棄之有。

rén zhī bú shàn ,hé qì zhī yǒu 。

故立天子、置三公,

gù lì tiān zǐ 、zhì sān gōng ,

雖有拱璧以先駟馬,不如坐進此道。

suī yǒu gǒng bì yǐ xiān sì mǎ ,bú rú zuò jìn cǐ dào 。

古之所以貴此道者何。

gǔ zhī suǒ yǐ guì cǐ dào zhě hé 。

不曰:求以得,有罪以免邪﹖

bú yuē :qiú yǐ dé ,yǒu zuì yǐ miǎn xié ﹖

故為天下貴。

gù wéi tiān xià guì 。

 

62

Quelle und Zuflucht

 

Fließt Dào allen immerfort:

der guten Menschen edler Hort,

nicht-guter Menschen Zufluchtsort!

 

Wer feilscht, nutzt manches schöne Wort,

doch Ehrentaten wendet man
zum Fördern andrer Menschen an.

Doch Menschen, die nicht gut sein können:

warum ihr Dasein gar missgönnen?

 

Drum: krönte man des Himmels Sohn,

beriefe drei Minister schon,

hätt' respektable Jadescheiben,

ein Viergespann auch anzutreiben:

könnt' nichts doch stillem Sitzen gleichen,
um
 jenes Dào darzureichen!

 

Wie hat das Altertum begründet,
zu schätzen so 
„was Dào kündet?

Wird nicht gesagt: Wer sucht, wird findet ...?

Wer Schuld trägt, wird gerettet werden?

Drum wirkt als Höchstes es auf Erden.

 

[

 

 Kapitel 62 beschreibt das Dào als Zuflucht aller Wesen – der Guten wie der Nicht-Guten. Es ist der Ursprung, zu dem alles zurückkehrt, und der Schatz, auf den die Menschen unbewusst bauen. Die Zeilen betonen, dass das Dào nicht wählt: Es trägt auch jene, die sich verirren. Für Herrscher ist es Grundlage des Handelns; für das Volk ein Ort des Schutzes. Das Kapitel stellt äußere Gaben – Streitwagen, Rituale, glänzende Ehren – der inneren Kraft des Dào gegenüber. Nichts ist wertvoller als die Fähigkeit, zum Ursprung zurückzukehren. Selbst wer Schuld auf sich lädt, findet durch das Dào einen Weg zur Heilung. Diese Offenheit ist keine Nachsicht, sondern Ausdruck der unerschöpflichen Tiefe des Ursprungs. Das Kapitel lädt dazu ein, im Dào nicht eine Belohnung zu sehen, sondern eine Heimat.

 Die poetische Fassung bringt diese weite Gnade des Dào mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Die Gegenüberstellung von äußerer Pracht und innerem Wert ist fein gezeichnet und bewahrt die laozianische Schlichtheit. Besonders gelungen ist die Darstellung der Aufnahme des Fehlgehenden: Die poetische Sprache lässt spüren, dass diese Offenheit nicht Schwäche ist, sondern Stärke. Die Umsetzung vermeidet jede moralische Belehrung und bleibt nahe an der sanften Bewegung des Originals. Die Bilder von Schatz, Rückkehr und Schutz wirken leicht und tragend zugleich. Die Fassung hält den weiten Atem des Kapitels und lässt das Dào als unerschöpfliche Heimat erscheinen.

 Kapitel 62 zeigt, dass das Dào niemanden ausschließt und dass sein größter Wert in seiner Offenheit liegt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und erinnert daran, dass der Ursprung nicht fragt, wer würdig ist. Sie lässt erkennen, dass das Dào ein Ort ist, zu dem jeder zurückkehren kann – nicht als Belohnung, sondern weil die Welt ohne diesen Ursprung nicht bestehen könnte.

 

63 - Leichtigkeit des Seins

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

為無為,事無事,味無味。

wéi wú wéi ,shì wú shì ,wèi wú wèi 。

大小多少,報怨以德。

dà xiǎo duō shǎo ,bào yuàn yǐ dé 。

圖難於其易,為大於其細。

tú nán yú qí yì ,wéi dà yú qí xì 。

天下難事必作於易。

tiān xià nán shì bì zuò yú yì 。

天下大事必作於細。

tiān xià dà shì bì zuò yú xì 。

是以聖人終不為大,故能成其大。

shì yǐ shèng rén zhōng bú wéi dà ,gù néng chéng qí dà 。

夫輕諾必寡信。多易必多難。

fū qīng nuò bì guǎ xìn 。duō yì bì duō nán 。

是以聖人猶難之,故終無難矣。

shì yǐ shèng rén yóu nán zhī ,gù zhōng wú nán yǐ 。

 

63

Leichtigkeit des Seins

 

Man handelt, doch man greift nicht ein,

Geschäft, das nicht geschäftig schafft,

geschmacklos lass noch schmackhaft sein,

in Wenig Viel, und Groß in Klein,

behandle Groll mit Innerer Kraft.

 

Plan' Schwieriges, das klein noch ist,

tu' Großes, das sich klein bemisst.

das Schwierige im Weltgeschehen

konnt' sicher einfach erst entstehen,

die Welt in ihren großen Dingen

kam sicherlich aus dem Geringen.

 

Nichts Großes Weise drum bewenden,

so ihre Größe zu vollenden.

Wer leicht verspricht, dem traut man selten,

muss allzu leicht als schwierig gelten.

Da Weise leicht als schwer behandeln,

so letztlich unbeschwert wohl wandeln!

 

[

 

 Kapitel 63 ruft dazu auf, im Nicht-Handeln zu handeln, im Einfachen das Schwierige zu lösen und im Kleinen das Große zu beginnen. Die Zeilen zeigen, dass jedes schwere Werk aus leichten Schritten erwächst und jede große Aufgabe einmal klein war. Das Kapitel deutet an, dass Hast das Schwierige vergrößert und dass Ruhe die Dinge glättet, bevor sie verhärten. Wer dem Dào folgt, beantwortet Groll mit Güte, begegnet Kompliziertem mit Schlichtheit und gleicht Ungleiches ohne Zwang aus. Die Zeilen warnen davor, zu viel zu versprechen, zu hoch zu greifen, zu stolz zu handeln: Im Übermaß verliert man die Mitte. Das Kapitel lädt dazu ein, die eigene Haltung zu entlasten und das Große nicht zu fürchten, sondern sanft zu beginnen. So wird das Schwierige leicht, weil es nicht erzwungen wird.

 Die poetische Fassung bringt diese Ethik der Leichtigkeit mit ruhiger Klarheit zur Geltung. Die Verse über das Tun im Nicht-Tun sind fein gesetzt und bewahren die laozianische Gelassenheit. Besonders gelungen ist die Darstellung des Kleinen als Ursprung des Großen: Die poetische Sprache lässt spüren, wie viel Kraft im unscheinbaren Beginn liegt. Die Umsetzung vermeidet jede moralische Schärfe und folgt dem schlichten Ton des Originals. Die Bilder von Groll und Güte, von Versprechen und Maß, entfalten sich transparent und tragen den Gedanken der Entlastung. Die Fassung hält den weiten Atem des Kapitels und bewahrt seine leise Weisheit.

 Kapitel 63 zeigt, dass das Große aus dem Kleinen wächst und dass der Weg zum Dào im sanften Beginn liegt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und erinnert daran, dass Wirksamkeit nicht im Drängen entsteht, sondern im Maß. Sie lässt erkennen, dass das Schwierige leicht wird, wenn man ihm ohne Ehrgeiz begegnet – und dass das Dào im Unaufgeregten wirkt.

 

64 - Erste Schritte zur Vollendung

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

其安易持,其未兆易謀。

qí ān yì chí ,qí wèi zhào yì móu 。

其脆易泮,其微易散。

qí cuì yì pàn ,qí wēi yì sàn 。

為之於未有,治之於未亂。

wéi zhī yú wèi yǒu ,zhì zhī yú wèi luàn 。

合抱之木生於毫末。

hé bào zhī mù shēng yú háo mò 。

九層之台起於累土。

jiǔ céng zhī tái qǐ yú lèi tǔ 。

千里之行始於足下。

qiān lǐ zhī háng shǐ yú zú xià 。

為者敗之,執者失之。

wéi zhě bài zhī ,zhí zhě shī zhī 。

是以聖人無為故無敗,無執故無失。

shì yǐ shèng rén wú wéi gù wú bài ,wú zhí gù wú shī 。

民之從事常於幾成而敗之。

mín zhī cóng shì cháng yú jǐ chéng ér bài zhī 。

慎終如始則無敗事。

shèn zhōng rú shǐ zé wú bài shì 。

是以聖人欲不欲,不貴難得之貨。

shì yǐ shèng rén yù bú yù ,bú guì nán dé zhī huò 。

學不學,復眾人之所過,

xué bú xué ,fù zhòng rén zhī suǒ guò ,

以輔萬物之自然而不敢為。

yǐ fǔ wàn wù zhī zì rán ér bú gǎn wéi 。

 

64

Erste Schritte zur Vollendung

 

Was ruhig ist, lässt sich leicht noch leiten,

nicht Festgelegtes leicht bereiten;

wie leicht zerbricht, was spröd und fein ist,

so leicht verstreut, was winzig klein ist,

eh' etwas da ist noch, behandeln,

und eh' verwirrt, zur Ordnung wandeln.

 

Ein Baum, vereint nur zu umgreifen,

mag aus dem feinsten Sprössling reifen;

ein Turm mit neun Etagen werde

erstehn aus einem Häufchen Erde;

selbst tausend Meilen lange Fahrten:

zu Füßen unten musst du starten!

 

Wird Eingriff zur Zerstörung führen,

heißt festzuhalten es verlieren.

Drum greifen Weise niemals ein,
wird somit kein Zerstören sein.

Kein Eingriff, kein Verlust zu spüren.

 

Die Leute folgen ihren Dingen:
bis oft 
sie kurz vor Ende ringen,
doch 
wird es ihnen nicht gelingen.

Wer sorgsam Start wie Ziel besann,

verdirbt nicht mehr die Dinge dann.

 

Von daher Weise nun begehren,
nicht zu begehren, 
auch nicht ehren,
das schwer Erreichbare 
zu mehren;

sie lernen nicht, was andre lernen:
gehn hin, wo andre sich entfernen.

so fördernd ihr Von-selbst-so-reifen,
doch wagen 
sie 
nicht einzugreifen.

 

[

 

 Kapitel 64 beschreibt den Wert des frühen Handelns: Das Schwierige ist leicht, solange es noch nicht entstanden ist, und das Große ist klein, solange es noch nicht gewachsen ist. Die Zeilen zeigen, dass der Weise eingreift, bevor die Dinge sich verfestigen, und ordnet, bevor Unruhe Form gewinnt. Was still ist, lässt sich leicht halten; was zart ist, leicht brechen; was unscheinbar beginnt, lässt sich leicht wenden. Das Kapitel entfaltet die laozianische Kunst des Vorbeugens: Wer zu spät handelt, kämpft gegen das Verhärtete; wer früh ansetzt, begleitet das Entstehen. Die Zeilen warnen vor Besitzdenken und Anhaftung: Wer zu sehr festhält, verliert; wer zu viel erwartet, wird enttäuscht. Das Kapitel lädt dazu ein, im Übergang zu wirken, nicht im Widerstand – dort, wo die Welt noch weich ist.

 Die poetische Fassung bringt diese Weisheit des frühen Ansatzes mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Die Bilder von Zartheit, Stille, Unsichtbarkeit sind fein gesetzt und bewahren die leichte Geschmeidigkeit des Originals. Besonders gelungen ist die Darstellung der paradoxen Einsicht, dass Nicht-Halten mehr bewahrt als Festhalten: Die poetische Sprache lässt die Durchlässigkeit der Dinge spürbar werden. Die Umsetzung vermeidet jede Belehrung und folgt dem transparenten Rhythmus des Kapitels. Die Verse über Vorsicht, Maß und den rechten Moment entfalten sich ohne Schwere und tragen den Gedanken des sanften Wirkens. Die Fassung hält den leisen Atem des Textes und lässt die Bewegung des Werdens sichtbar werden.

 Kapitel 64 zeigt, dass Weisheit im frühen Erkennen liegt und Wirksamkeit im sanften Beginnen. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und erinnert daran, dass die Welt leichter zu führen ist, solange sie weich ist. Sie lässt erkennen, dass das Dào dort wirkt, wo man mit dem Entstehen geht – nicht gegen das, was sich bereits verhärtet hat.

 

65 Schlichte Natürlichkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

古之善為道者,非以明民,將以愚之。

gǔ zhī shàn wéi dào zhě ,fēi yǐ míng mín ,jiāng yǐ yú zhī 。

民之難治,以其智多。

mín zhī nán zhì ,yǐ qí zhì duō 。

故以智治國,國之賊。

gù yǐ zhì zhì guó ,guó zhī zéi 。

不以智治國,國之福。

bú yǐ zhì zhì guó ,guó zhī fú 。

知此兩者,亦稽式。

zhī cǐ liǎng zhě ,yì jī shì 。

常知稽式,是謂玄德。

cháng zhī jī shì ,shì wèi xuán dé 。

玄德深矣、遠矣!與物反矣。

xuán dé shēn yǐ 、yuǎn yǐ !yǔ wù fǎn yǐ 。

然後乃至大順。

rán hòu nǎi zhì dà shùn 。

 

65

Schlichte Natürlichkeit

 

Wie gut war man im Altertum,
und setzte Dào praktisch um,

nicht Leute aufzuklären, oh,

sie wollten schlicht sie halten so!

Ein Volk zu leiten ist doch schwer,

nutzt seine Schläue es zu sehr ...

 

Ein Land gerissen zu regieren,

heißt dieses Reich zu ruinieren,

das Land nicht bloß mit Schläue leiten 

wird Segen diesem Reich bereiten.

 

Die beiden gilt es zu verstehen,

als Vorbild auch bewährt zu sehen,

bewährtes Vorbild zeitlos kennen

ist Mystisch Innere Kraft zu nennen.

 

Die Mystisch Innere Kraft ist da ...
mit Tiefe und mit Weite, ja,

den Wesen Rückkehr stets verlieh:

letztendlich, so erlangen sie
dann 
jene große Harmonie!

 

[

 

 Kapitel 65 beschreibt eine Regierungsweise, die nicht auf Belehrung, sondern auf Einfachheit gründet. Die Zeilen zeigen, dass die Alten die Menschen nicht klüger machen wollten, sondern schlichter – nicht aus Geringschätzung, sondern weil Klugheit oft List erzeugt und List die Ordnung schwächt. Das Kapitel deutet an, dass wahre Weisheit nicht Wissen anhäuft, sondern Verwirrung verhindert. Wo Menschen zu viel wissen wollen, verlieren sie die Mitte; wo sie der Schlichtheit folgen, bleibt das Gemeinwesen leicht zu führen. Die Zeilen rufen dazu auf, die natürliche Ordnung nicht zu überformen: Wer dem Dào dient, vereinfacht, statt zu verkomplizieren. In der Rückkehr zur Schlichtheit liegt Klarheit, und in der Klarheit liegt Ruhe. Die Bewegung des Kapitels zeigt, dass gute Führung nicht von oben drückt, sondern Raum schafft.

 Die poetische Fassung bringt diese leise, doch entschiedene Einsicht mit ruhiger Helligkeit zur Sprache. Die Darstellung der Schlichtheit vermeidet jede Belehrung und bewahrt die laozianische Leichtigkeit. Besonders gelungen ist die Entfaltung des Gedankens, dass Wissen, wenn es Selbstzweck wird, die Ordnung trübt: Die poetische Sprache hält diesen Gedanken offen, ohne ihn zu gewichten. Die Umsetzung zeigt die Balance zwischen Einfachheit und Tiefe, die das Kapitel trägt. Die Bilder wirken transparent und sanft, und die Sprache bleibt nahe am stillen Atem des Originals. Die Fassung lässt die paradoxe Eleganz des Kapitels sichtbar werden: dass das Weniger mehr trägt als das Mehr.

 Kapitel 65 zeigt, dass das Dào im Vereinfachen wirkt und dass Klarheit aus Schlichtheit entsteht. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und erinnert daran, dass Führung dort am stärksten ist, wo sie nicht kompliziert. Sie lässt erkennen, dass Weisheit nicht im Übermaß von Wissen liegt, sondern in der Fähigkeit, den Weg frei zu halten.

 

66 - Führen von unten

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

江海之所以能為百谷王者,

jiāng hǎi zhī suǒ yǐ néng wéi bǎi gǔ wáng zhě ,

以其善下之,故能為百谷王。

yǐ qí shàn xià zhī ,gù néng wéi bǎi gǔ wáng 。

是以聖人欲上民,必以言下之。

shì yǐ shèng rén yù shàng mín ,bì yǐ yán xià zhī 。

欲先民,必以身後之。

yù xiān mín ,bì yǐ shēn hòu zhī 。

是以聖人處上而民不重,處前而民不害。

shì yǐ shèng rén chù shàng ér mín bú zhòng ,chù qián ér mín bú hài 。

是以天下樂推而不厭。

shì yǐ tiān xià lè tuī ér bú yàn 。

以其不爭,故天下莫能與之爭。

yǐ qí bú zhēng ,gù tiān xià mò néng yǔ zhī zhēng 。

 

66

Führen von unten

 

Wie können Strom und Meer agieren,
als Hundert Täler Herr fungieren
?

Weil trefflich sie von unten wandeln,

als Hundert Täler Herr sie handeln.

 

So Weise überm Volk sich sehen,
sie sicher klar darunte
r stehen.

und streben sie dem Volk voran,
stehn
 selbst sie sicher hinten an.

 

Drum Weise: oben weilen sie,
dem Volk 
beschwerlich aber nie,

sie stehen ihnen vor, und doch
wird keiner ihnen schaden noch.

So fördert jeder fröhlich sie,
doch ihrer überdrüssig nie.

For no competing, ist weltweit
mit ihnen niemand streitbereit.

 

[

 

 Kapitel 66 erklärt Größe durch das Bild der Flüsse, die dem Meer zufließen, weil es unter ihnen liegt. Das Niedrige empfängt das Hohe, und gerade dadurch wird es zum Sammelort aller Wasser. Die Zeilen zeigen, dass der Weise über den Menschen steht, indem er sich unter sie stellt; er führt, indem er nicht drängt; er wird geehrt, weil er nicht beansprucht. Das Kapitel entfaltet die paradoxe Macht des Nachgebens: Wer nicht wetteifert, wird nicht bedroht; wer nicht prahlt, bleibt unangefochten. Die Zeilen laden dazu ein, Größe nicht im Anspruch zu suchen, sondern in der Fähigkeit, unten zu bleiben. Das Niedrige wirkt hier nicht als Schwäche, sondern als Punkt größter Aufnahmefähigkeit, in dem sich die Kräfte der Welt sammeln.

 Die poetische Fassung bringt diese leise Stärke des Unteren mit klarer Sanftheit zur Sprache. Die Bilder von Fluss und Meer sind weit gesetzt und bewahren die laozianische Beweglichkeit. Besonders gelungen ist die Darstellung des herrschaftslosen Führens: Die poetische Sprache lässt spüren, dass der Weise nicht durch Position wirkt, sondern durch Haltung. Die Umsetzung vermeidet jede moralische Strenge und folgt dem gelassenen Rhythmus des Kapitels. Die Verse zeigen, wie das Untere zum Größeren wird, ohne es anzustreben. Die Bilder bleiben durchlässig und weiten den Blick für die umkehrende Logik des Dào. Die Fassung hält die leichte Tiefe des Originals und bewahrt die stille Eleganz dieser Einsicht.

 Kapitel 66 zeigt, dass wahre Führung im Nachgeben liegt und Größe im Verzicht auf Höhe. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit ruhiger Klarheit und erinnert daran, dass das Dào dort wirkt, wo man empfängt statt beansprucht. Sie lässt erkennen, dass das Niedrige nicht klein ist, sondern weit – und dass aus dieser Weite eine Kraft entsteht, die ohne Kampf trägt.

 

67 - Die drei Schätze

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

天下皆謂我道大似不肖。

tiān xià jiē wèi wǒ dào dà sì bú xiāo 。

夫唯大故似不肖。

fū wéi dà gù sì bú xiāo 。

若肖,久矣!其細也夫。

ruò xiāo ,jiǔ yǐ !qí xì yě fū 。

我有三寶持而保之:

wǒ yǒu sān bǎo chí ér bǎo zhī :

一曰慈, 二曰儉,三曰不敢為天下先。

yī yuē cí , èr yuē jiǎn ,sān yuē bú gǎn wéi tiān xià xiān 。

慈故能勇,儉故能廣,

cí gù néng yǒng ,jiǎn gù néng guǎng ,

不敢為天下先故能成器長。

bú gǎn wéi tiān xià xiān gù néng chéng qì zhǎng 。

今舍慈且勇,舍儉且廣,舍後且先,

jīn shě cí qiě yǒng ,shě jiǎn qiě guǎng ,shě hòu qiě xiān ,

死矣!夫慈以戰則勝,以守則固。

sǐ yǐ !fū cí yǐ zhàn zé shèng ,yǐ shǒu zé gù 。

天將救之以慈衛之。

tiān jiāng jiù zhī yǐ cí wèi zhī 。

 

67

Die drei Schätze

 

Mein Dào: weltweit nennt man's groß,

doch unvergleichlich scheint es bloß –

ist wahrlich nur als groß gemeint,

weil es so unvergleichlich scheint;

wär' es vergleichbarlängst schon dann

wärunbedeutend es, wohlan!

 

Drei Schätze als Besitz mir galten:

zu wahren und in Ehren halten:

Zuerst der Nächstenliebe Geist,

Genügsamkeit der zweite heißt,

„Nicht dreist voran tun allen meist“:
{Bescheidenheit... 
der dritte preist
.}

 

Die Nächstenliebe lässt voll Mut sein,

Genügsamkeit lässt groß und gut sein,

Nicht dreist tun aller Welt voran –
von daher 
kann vollenden man
die Mittelanzuführen dann.

 

Nun sagt man gern zur Liebe nein,
und möchte doch beherzt noch sein,

sagt zur Genügsamkeit zwar nein,
und möchte doch voll Großmut sein,

verschmäht man zwar zurückzustehen,
und 
möchte doch voraus noch gehen ...

all dies ist tödlich wohl zu sehen!

Wem Nächstenliebe wohl obliegt
im Kampfgeschehen, der folglich siegt,

bloß zur Verteidigung verwandt 
hilft folglich sie im Widerstand.

 

Doch wem der Himmel Rettung weist,
den schützt er durch der 
Liebe Geist.

 

[

 

 Kapitel 67 beschreibt die drei SchätzeBarmherzigkeit, Genügsamkeit und Nicht-Voranstehen – als Kern jeder Weisheit und Grundlage der Führung. Diese drei bilden eine Haltung, die schützt, stärkt und im rechten Maß hält. Der Text beginnt mit der Reflexion über die Unsichtbarkeit als Form der Wirksamkeit. Laozi beschreibt die höchste Art der Führung als kaum wahrnehmbar, gefolgt von Formen, die respektiert, gefürchtet oder verachtet werden. Diese Abfolge ist keine moralische Rangordnung, sondern eine Beobachtung über die Distanz. Die Zeilen zeigen, dass Barmherzigkeit Mut, Genügsamkeit Großmut und das Zurücktreten die Fähigkeit zum Führen ohne Herrschen hervorbringt. Wo Führung leise ist, bleiben die Menschen ihrer eigenen Aktivität nah. Die effektivste Lenkung hinterlässt daher wenig Spuren; das Leben läuft ohne Unterbrechung weiter. Das Kapitel entfaltet, dass wahre Stärke nicht aus Kraft, sondern aus Milde erwächst. Harmonie hängt weniger von Anweisung als von Vertrauen in den bereits laufenden Prozess ab. Das Dào wirkt durch Abwesenheit von Druck statt durch die Präsenz von Befehl, indem es Bedingungen statt Ergebnisse schafft. Der Erfolg wird erst im Nachhinein erkannt, wenn die Menschen spüren, dass die Ereignisse auf natürliche Weise abgelaufen sind. Wer die drei Schätze bewahrt, bleibt mit dem Dào verbunden. Die Zeilen warnen davor, Mut ohne Barmherzigkeit oder Führung ohne Demut zu suchen: Jede dieser Abkürzungen zerstört den Weg, da die Schätze als Einheit wirken.

 Die zweite Bewegung wendet sich der Ökonomie der Sprache und der Zurückhaltung zu. Die poetische Fassung bringt diese leise Dreifaltigkeit des Dào mit ruhiger Wärme zur Sprache. Laozi betont die Ökonomie der Wörter, nicht als stilistische Präferenz, sondern als eine Form der Sorgfalt, um den Rhythmus des Handelns nicht zu stören. Die Darstellung der drei Schätze ist klar gefasst und bewahrt ihre laozianische Weichheit. Besonders gelungen ist die Entfaltung des Gedankens, dass Mut und Milde kein Widerspruch sind, sondern einander hervorbringen, was die poetische Sprache spürbar macht. Die Verse zeigen, wie Genügsamkeit ordnet und wie Nicht-Voranstehen die wahre Fähigkeit zum Leiten schenkt. Wenn Worte wenige sind, fühlt sich die Vollendung kollektiv statt auferlegt an – die Umsetzung vermeidet jede moralische Schwere und hält die Bilder leicht und tragend. Dies ist Respekt vor der Autonomie. Der Weise spricht nur, wenn die Rede klärt, ohne zu dominieren. Versprechen werden vermieden, da sie die Aufmerksamkeit an die Zukunft binden. Was eine Gemeinschaft zusammenhält, ist Zuverlässigkeit, nicht Zusicherung. Stabilität entsteht, wenn das Handeln konsequent ist und die Sprache dem Notwendigen angemessen bleibt. Die Fassung bleibt entspannt und doch präzise, nah am stillen Atem des Originals.

 Kapitel 67 zeigt, dass das Dào durch Barmherzigkeit, Genügsamkeit und Demut wirkt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Klarheit und erinnert daran, dass die drei Schätze keine Tugenden im üblichen Sinn sind, sondern eine Lebensweise. Hier legt die Wiedergabe den Schwerpunkt auf Vertrauen als eine aufkommende Qualität statt als ein erklärtes Ziel. Der Ton bleibt bewusst zurückhaltend, wodurch die Einsicht ohne Verstärkung ruhen kann. Führung erscheint als eine Hintergrundbedingung, nicht als eine Vordergrund-Performance. Es lässt erkennen, dass der Weg dort stark wird, wo das Herz weich bleibt – und dass das Dào in der Sanftmut seine tiefste Kraft entfaltet. Durch das Vermeiden von Zurschaustellung und Erklärung wird die Autorität fast ununterscheidbar von dem Leben, das sie unterstützt. Das Kapitel schließt mit dieser subtilen Umkehrung: Je weniger die Führung auf sich selbst beharrt, desto vollständiger erfüllt sie ihre Rolle.

 

Segment a: Die Konformität des Dào ist die scheinbare Einfachheit des Alltags. Dies steht im Gegensatz zu den komplexen Strategien und der Raffinesse der Regierenden. Es ist die einfache Wahrheit der Bescheidenheit.

Segment b: Nur die drei Schätze erlauben dem Dào-Anhänger, sich von der komplexen Welt abzugrenzen. Die Güte (Barmherzigkeit) ist die Grundlage dafür, nicht hochmütig zu sein und keine unnötigen Grenzen zu schaffen.

Segment c: Die Dào-Strategie ist keine Strategie im menschlichen Sinne, sondern eine Nicht-Handlung (Wú Wèi), die auf den inneren Prinzipien (Schätze) basiert. Dies ermöglicht es, die Welt zu führen, ohne gegen ihre Gesetze zu handeln.

 

 

68 - Wahre Führerschaft

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

善為士者不武。

shàn wéi shì zhě bú wǔ 。

善戰者不怒。

shàn zhàn zhě bú nù 。

善勝敵者不與。

shàn shèng dí zhě bú yǔ 。

善用人者為之下。

shàn yòng rén zhě wéi zhī xià 。

是謂不爭之德。

shì wèi bú zhēng zhī dé 。

是謂用人之力。

shì wèi yòng rén zhī lì 。

是謂配天古之極。

shì wèi pèi tiān gǔ zhī jí 。

 

68

Wahre Führerschaft

 

Kein Offizier sei provokant,

kein guter Kämpfer wutentbrannt,

wer Feinde gut erobern kann,
wie teilnahmslos erscheint er dann,

ein guter Vorgesetzter eben,
dient
 anderen wie untergeben.

 

 Es heißt: Nicht-Streitens Innere Kraft,

dies gilt als starke Führerschaft.

Dem Himmel ähnlich heißt es drum:

das Höchste so im Altertum!

 

[

 

 Kapitel 68 beschreibt die höchste Form des Handelns als ein Tun ohne Kampf. Die Zeilen zeigen, dass der beste Krieger nicht wütet, dass der beste Kämpfer nicht angreift, dass der beste Sieger nicht triumphiert und dass der beste Führer sich nicht vordrängt. Stärke zeigt sich darin, nicht hart zu werden; Sieg darin, nicht zu verletzen; Führung darin, nicht zu beherrschen. Das Kapitel entfaltet die laozianische Einsicht, dass alle wahre Wirksamkeit aus dem Nicht-Erzwingen entsteht. Wer dem Dào folgt, kämpft nicht gegen die Welt, sondern bewegt sich mit ihr. Die Zeilen laden dazu ein, Macht nicht als Durchsetzung zu verstehen, sondern als Fähigkeit, das Ganze unversehrt zu lassen. In der Weichheit liegt die Kraft, die dem Vielen Raum gibt und das Harte wandelt.

 Die poetische Fassung bringt diese paradoxe Stärke mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Die Bilder des sanften Kriegers und des nicht-triumphierenden Siegers sind fein gesetzt und bewahren die laozianische Leichtigkeit. Besonders gelungen ist die Darstellung des Führens ohne Anspruch: Die poetische Sprache lässt spüren, dass Autorität aus Zurückhaltung entsteht. Die Umsetzung vermeidet jede heroische Färbung und bleibt nahe am stillen Ton des Originals. Die Verse entfalten die Idee des Nicht-Kampfes, ohne sie zu erklären, und lassen ihre stille Kraft wirken. Die Bilder von Nachgeben, Wandeln und Bewahren bleiben durchsichtig und tragen die gelassene Tiefe des Kapitels.

 Kapitel 68 zeigt, dass die höchste Kunst des Handelns im Nicht-Kämpfen liegt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Eleganz und erinnert daran, dass wahre Stärke nicht im Sieg, sondern im Verzicht auf Verletzung besteht. Sie lässt erkennen, dass das Dào dort wirkt, wo man Raum lässt – und dass Macht am größten ist, wenn sie nicht hart wird.

 

69 - Siegreicher Rückzug

 

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

用兵有言:吾不敢為主而為客。

yòng bīng yǒu yán :wú bú gǎn wéi zhǔ ér wéi kè 。

不敢進寸而退尺。

bú gǎn jìn cùn ér tuì chǐ 。

是謂行無行。

shì wèi háng wú háng 。

攘無臂。扔無敵。執無兵。

rǎng wú bì 。rēng wú dí 。zhí wú bīng 。

禍莫大於輕敵。

huò mò dà yú qīng dí 。

輕敵幾喪吾寶。

qīng dí jǐ sàng wú bǎo 。

故抗兵相加哀者勝矣。

gù kàng bīng xiàng jiā āi zhě shèng yǐ 。

 

69

Siegreicher Rückzug

 

Die Waffennutzer hört man sagen:

„Als Hausherr tun will ich nicht wagen,

doch eher mich als Gast betragen“.

Nicht wag' ich, vorzugehn ein Stück,

doch weich' ich einen Fuß zurück.

 

Voran, doch ohne Marsch!, meint harmlos,

die Ärmel krempelt auf! selbst armlos,

zum kampflos niederwerfen reifen

und ohne Waffen sie ergreifen.

 

Kein Unheil größer anzusetzen,
als Gegner
 erst zu unterschätzen;

die Gegner unterschätzt, in Hast,
verliert 
man meine Schätze 
fast!

Wenn Krieger, die im Kampfgeschehen
einander gegenüberstehen,

lässt Mitleid wohl als Sieger sehen!

 

[

 

 Kapitel 69 behandelt die Kunst des vorsichtigen Handelns und warnt davor, den Gegner zu unterschätzen oder übereilt voranzugehen. Die Zeilen greifen den alten Spruch auf: „Ich wage nicht voranzugehen, sondern trete einen halben Schritt zurück.“ Dieser Rückzug ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Einsicht. Das Kapitel zeigt, dass siegen bedeutet, nicht zu triumphieren, und dass angreifen bedeutet, nicht zu erzwingen. Wer vorsichtig bleibt, bewahrt seine Kraft; wer sich selbst nicht überschätzt, bleibt unversehrt. Die Zeilen erinnern daran, dass der größte Verlust darin liegt, den Gegner zu unterschätzen und den Sieg zu leicht zu nehmen. In der Zurückhaltung liegt jene Art von Stärke, die nicht verletzt und deshalb bestehen bleibt. Das Kapitel lädt zu einem Handeln ein, das nicht vom Ehrgeiz getrieben wird.

 Die poetische Fassung bringt diese feine Ethik des Rückschritts mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Die Verse über den halben Schritt zurück sind leicht gesetzt und bewahren die laozianische Gelassenheit. Besonders gelungen ist die Darstellung des Sieges ohne Triumph: Die poetische Sprache lässt seine paradoxe Tiefe spürbar werden. Die Umsetzung vermeidet jede martialische Färbung und bleibt nahe am stillen Ton des Originals. Die Bilder über Vorsicht, Maß und Selbstbegrenzung entfalten sich transparent, ohne Schwere. Die Fassung hält den weiten Atem des Kapitels und macht sichtbar, dass Einsicht nicht im Voranstürmen liegt, sondern im Vermeiden des Übermaßes.

 Kapitel 69 zeigt, dass die wahre Kunst des Kampfes im Nicht-Kampf liegt und dass Vorsicht mehr schützt als Stärke. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und erinnert daran, dass Weisheit darin besteht, nicht zu leicht zu siegen. Sie lässt erkennen, dass der halbe Schritt zurück oft der Raum ist, in dem das Dào am deutlichsten wirkt.

 

70 - Nur Wenige sind auserwählt

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

吾言甚易知、甚易行。

wú yán shèn yì zhī 、shèn yì háng 。

天下莫能知、莫能行。

tiān xià mò néng zhī 、mò néng háng 。

言有宗、事有君。

yán yǒu zōng 、shì yǒu jūn 。

夫唯無知,是以我不知。

fū wéi wú zhī ,shì yǐ wǒ bú zhī 。

知我者希,則我者貴。

zhī wǒ zhě xī ,zé wǒ zhě guì 。

是以聖人被褐懷玉。

shì yǐ shèng rén bèi hè huái yù 。

 

70

Nur Wenige sind auserwählt

 

Sind meine Worte leicht verständlich,

leicht zu befolgen auch letztendlich,

kann niemand weltweit sie verstehen,

kann keiner sie befolgen gehen.

 

Es haben meine Worte Väter,

und meine Taten haben Täter ...

Doch nur aus dessen Unverständnis

hat deshalb man von mir nicht Kenntnis.

Versteht man selten mich - zuletzt

werd' gerade darum ich geschätzt.

 

So Weise grobe Kleidung tragen,

im Herzen stets Juwelen lagen.

 

[

 

 Kapitel 70 beschreibt die Lehre des Dào als etwas Einfaches, das dennoch schwer verstanden wird. Die Zeilen zeigen, dass die Worte des Weisen leicht zu erfassen wären, wenn die Menschen nicht so fern von sich selbst stünden. Die Lehre ist schlicht, doch die Welt liebt das Komplizierte; sie ist offen, doch die Menschen suchen das Versteckte. Das Kapitel deutet an, dass der Weise nicht prahlt, weil er weiß, dass seine Einsichten nicht durch äußeren Glanz wirken. Seine Kleidung ist unscheinbar, doch im Inneren trägt er einen unerschöpflichen Schatz. Die Zeilen laden dazu ein, die Wahrheit nicht im Abstrakten zu suchen, sondern in der Einfachheit, die man oft übersieht. Wer sich dem Dào nähert, erkennt, dass die Tiefe nicht in der Ferne liegt, sondern im Alltäglichen.

 Die poetische Fassung bringt diese stille Spannung zwischen Einfachheit und Unzugänglichkeit mit klarer Gelassenheit zur Sprache. Die Verse über die schlichte Lehre sind fein gesetzt und bewahren die laozianische Zurückhaltung. Besonders gelungen ist die Darstellung des verborgenen Schatzes, der nicht als Geheimnis erscheint, sondern als inneres Leuchten. Die Umsetzung vermeidet jede Belehrung und folgt dem transparenten Atem des Kapitels. Die Bilder von Kleidung und Innerem, von Schlichtheit und Tiefe, entfalten sich ohne Pathos und tragen die leise Weisheit des Textes. Die Fassung hält die Öffnung des Originals und lässt die Unscheinbarkeit als Form des Reichtums erscheinen.

 Kapitel 70 zeigt, dass das Dào leicht wäre, wenn die Menschen nicht so weit von sich selbst entfernt wären. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Eleganz und erinnert daran, dass die tiefste Wahrheit nicht verborgen ist, sondern übersehen wird. Sie lässt erkennen, dass die Lehre des Dào deshalb schwer wirkt, weil sie so einfach ist – und dass gerade in dieser Einfachheit ihre Kraft liegt.

 

71 - Illusion und Weisheit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

知不知上,不知知病。

zhī bú zhī shàng ,bú zhī zhī bìng 。

夫唯病病,是以不病。

fū wéi bìng bìng ,shì yǐ bú bìng 。

聖人不病,以其病病。

shèng rén bú bìng ,yǐ qí bìng bìng 。

夫唯病病,是以不病。

fū wéi bìng bìng ,shì yǐ bú bìng 。

 

71

Illusion und Weisheit

 

Ich weiß: ich weiß nicht  – Höchstes schon,

„... weiß nichtich weiß nicht – Illusion:

denn nur, wenn fehlt, was Fehler schafft ...

ist darum nichts mehr fehlerhaft.

 

So fehlerhaft sind Weise nicht:

weil ihnen Fehler fehlen schlicht –

an Fehlern ihnen es gebricht.

 

[

 

 Kapitel 71 beschreibt die höchste Form des Wissens als das Wissen um das Nicht-Wissen. Die Zeilen zeigen, dass wahrhaft verstehen heißt, die Grenzen des eigenen Erkennens zu erkennen. Wer glaubt, schon zu wissen, verschließt sich dem Lernen; wer sein Nicht-Wissen erkennt, bleibt offen für die Wirklichkeit. Das Kapitel entfaltet die laozianische Einsicht, dass Überheblichkeit Krankheit ist und Bescheidenheit Heilung. Die Zeilen verbinden Erkenntnis mit Demut: Der Weise findet Ruhe, weil er sich nicht an Gewissheiten klammert. Indem er das Nicht-Wissen annimmt, wird sein Geist klar und durchlässig. Das Kapitel lädt dazu ein, Gewissheiten zu lösen und die Beweglichkeit des Denkens zu bewahren, denn nur so bleibt man dem Dào nahe.

 Die poetische Fassung bringt diese leise Philosophie des Nicht-Wissens mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Die Verse über Erkenntnis und Bescheidenheit sind fein gesetzt und bewahren die laozianische Weichheit. Besonders gelungen ist die Darstellung des Nicht-Wissens als Gesundheit: Die poetische Sprache lässt spüren, dass hier keine Schwäche gemeint ist, sondern die Offenheit eines beweglichen Geistes. Die Umsetzung vermeidet jede dogmatische Färbung und folgt dem stillen Ton des Originals. Die Bilder wirken leicht und tragen den Gedanken, dass Erkenntnis im Lassen entsteht, nicht im Greifen. Die Fassung hält den transparenten Atem des Kapitels und macht die Weite des Denkens erfahrbar.

 Kapitel 71 zeigt, dass wahre Weisheit im Wissen um das Nicht-Wissen liegt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Eleganz und erinnert daran, dass Klarheit dort entsteht, wo man seine eigenen Grenzen anerkennt. Sie lässt erkennen, dass der Weg des Dào nicht im Anspruch liegt, alles zu verstehen, sondern in der Fähigkeit, offen zu bleiben – und dass diese Offenheit die tiefste Form des Wissens ist.

 

72 - Wahre Autorität

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

民不畏威,則大威至。

mín bú wèi wēi ,zé dà wēi zhì 。

無狎其所居,無厭其所生。

wú xiá qí suǒ jū ,wú yàn qí suǒ shēng 。

夫唯不厭,是以不厭。

fū wéi bú yàn ,shì yǐ bú yàn 。

是以聖人自知不自見。

shì yǐ shèng rén zì zhī bú zì jiàn 。

自愛不自貴。

zì ài bú zì guì 。

故去彼取此。

gù qù bǐ qǔ cǐ 。

 

72

Wahre Autorität

 

Autorität nicht fürchten mehr 

kommt deren Höchste hinterher.

kommt bald auf sie herab, fortan.

Sei unbeengt ihr Wohnraum eben,

nicht unterdrückt ihr Raum zum Leben:

denn nur, wenn unterdrückt nicht mehr,

sind sie dann nicht bedrückt daher!

 

So Weise zwar sich selbst erkennen,

doch nicht sich selbst-beachtend nennen.

Sich schätzend, überschätzend nie:

dies lassen, jenes wählen sie.

 

[

 

 Kapitel 72 beschreibt die feine Grenze zwischen Furcht und Achtung. Die Zeilen zeigen, dass ein Volk, das nicht mehr vor der eigenen Überheblichkeit zurückscheut, den Halt verliert; und dass eine Herrschaft, die die Menschen bedrängt, ihren eigenen Boden untergräbt. Das Kapitel entfaltet die laozianische Einsicht, dass Demut das Fundament jeder Ordnung ist. Wer die Menschen nicht erdrückt, wird nicht gehasst; wer sich selbst nicht erhöht, bleibt unversehrt. Die Zeilen rufen dazu auf, in sich zu schauen, ehe man nach außen greift: Die wahre Gefahr entsteht nicht im Außen, sondern im Verlust des Maßes. Das Kapitel lädt dazu ein, die Grenzen des eigenen Bereichs zu achten und nicht in das Leben anderer einzudringen. Durch diese Zurückhaltung entsteht Raum für Ruhe.

 Die poetische Fassung bringt diese innere Ethik des Nicht-Erdrückens mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Die Verse über Nähe und Distanz sind fein gesetzt und bewahren die laozianische Gelassenheit. Besonders gelungen ist die Darstellung der Rückkehr zu sich selbst als Form der Befreiung: Die poetische Sprache lässt spüren, dass echte Sicherheit aus der Selbstbegrenzung entsteht. Die Umsetzung vermeidet moralische Schwere und folgt dem transparenten Atem des Kapitels. Die Bilder von Maß, Achtung und stiller Wahrnehmung entfalten sich leicht und tragen die innere Weite des Textes. Die Fassung hält die Beweglichkeit des Originals und macht verständlich, warum Überheblichkeit als Verlust und Demut als Schutz erscheint.

 Kapitel 72 zeigt, dass die Welt dort ruhig bleibt, wo niemand den anderen bedrängt und jeder seinen eigenen Bereich wahrt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Eleganz und erinnert daran, dass Freiheit nicht im Anspruch liegt, sondern in der Achtung. Sie lässt erkennen, dass das Dào in der Zurückhaltung wirkt – und dass Demut nicht klein macht, sondern weit.

 

73 - Stille Siege

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

勇於敢則殺。

yǒng yú gǎn zé shā 。

勇於不敢則活。

yǒng yú bú gǎn zé huó 。

此兩者或利或害。

cǐ liǎng zhě huò lì huò hài 。

天之所惡孰知其故。

tiān zhī suǒ è shú zhī qí gù 。

是以聖人猶 難之  天之道不爭而善勝。

shì yǐ shèng rén yóu nán zhī   tiān zhī dào bú zhēng ér shàn shèng 。

不言而善應。

bú yán ér shàn yīng 。

不召而自來。

bú zhào ér zì lái 。

繟然而善謀。

chán rán ér shàn móu 。

天網恢恢疏而不失。

tiān wǎng huī huī shū ér bú shī 。

 

73

Stille Siege

 

Lässt Wagemut nach Töten streben,

Mut, nicht zu wagen, lässt uns leben:

eins davon nutzt, eins schadet eben.

 

Der Himmel – was verabscheut er,

wer wüsste seine Gründe, wer?

So finden Weise das noch schwer.

 

Des Himmels Dào: nicht zu streiten –
und gute 
doch Siege bereiten,

nicht reden – doch die Antwort passend,

von selbst  nicht rufend kommen lassend,

gelassen – doch gut Pläne fassend.

 

Des Himmels Netz  sehr breit geknüpft:

die Maschen weit – doch nichts entschlüpft!

 

[

 

 Kapitel 73 zeigt das Spannungsfeld zwischen Mut zum Handeln und Mut zum Nicht-Handeln. Die Zeilen vergleichen jene, die kühn voranschreiten, mit jenen, die still abwarten – und zeigen, dass das Dào auf Seiten der zweiten Haltung steht. Wer vorschnell handelt, erzeugt Widerstand; wer still bleibt, überlässt der Welt die Möglichkeit, sich selbst zu ordnen. Das Kapitel entfaltet die laozianische Einsicht, dass der Himmel ohne Eile wirkt und dennoch unfehlbar ist. Seine Netze sind weit, doch nichts entkommt ihnen; seine Gerechtigkeit ist nicht sichtbar, doch allumfassend. Die Zeilen laden dazu ein, dem unsichtbaren Wirken zu vertrauen und nicht zu meinen, alles selbst erzwingen zu müssen. In der Geduld liegt jene Kraft, die nicht kämpft und doch nicht scheitert.

 Die poetische Fassung bringt diese paradoxe Spannung zwischen Tun und Nicht-Tun mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Die Verse über den mutigen Zurückhaltenden bewahren die laozianische Leichtigkeit und lösen die Gegensätze nicht auf, sondern halten sie im Schweben. Besonders gelungen ist die Darstellung des himmlischen Netzes, das nichts erzwingt und dennoch alles umfasst: Die poetische Sprache lässt seine stille Unausweichlichkeit spürbar werden. Die Umsetzung verzichtet auf moralische Schärfe und folgt dem weiten Atem des Kapitels. Die Bilder von Himmel, Netz und unbeirrbarer Ordnung entfalten sich ohne Gewicht und tragen die Gelassenheit des Textes. Die Fassung lässt das Geheimnis wirken, ohne es zu erklären.

 Kapitel 73 zeigt, dass das Dào dort wirkt, wo man nicht drängt – und dass Vertrauen stärker ist als Eile. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Eleganz und erinnert daran, dass das Unscheinbare oft das Wirksamste ist. Sie lässt erkennen, dass die Kraft des Dào nicht im Zugriff liegt, sondern im großen, stillen Netz, das unfehlbar ist, ohne zu fassen.

 

74 - Tod und Tödlichkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

民不畏死,奈何以死懼之。

mín bú wèi sǐ ,nài hé yǐ sǐ jù zhī 。

若使民常畏死,而為奇者,

ruò shǐ mín cháng wèi sǐ ,ér wéi qí zhě ,

吾得執而殺之,孰敢。

wú dé zhí ér shā zhī ,shú gǎn 。

常有司殺者殺。

cháng yǒu sī shā zhě shā 。

夫代司殺者殺,是謂代大匠斲。

fū dài sī shā zhě shā ,shì wèi dài dà jiàng zhuó 。

夫代大匠斲者,希有不傷其手矣。

fū dài dà jiàng zhuó zhě ,xī yǒu bú shāng qí shǒu yǐ 。

 

74

Tod und Tödlichkeit

 

Doch fürchten sie zu sterben nie,

wozu durch Tod noch schrecken sie?

Und könnte man das Volk bewegen,
noch ständig Todesangst zu hegen,

doch jene Übeltäter  wie,
mal unterstellt, ich 
fände sie

und packte ich sie so am Kragen,
doch töten sie ... wer würd' es wagen?

 

Zum Hinrichten stehn allezeit
als Henker Amtliche bereit.

Ersetzbar, wahrlich, zu entdecken,
aktive Henker, 
zum
 Vollstrecken,

heißt, man ersetzt als Schnitter dann
auch jenen Großen Zimmermann;

ersetzen, ja, als Schnitter kann
man diesen Großen Zimmermann
 

... die Hand verletzt nicht selten dann!

 

[

 

 Kapitel 74 beschäftigt sich mit der Frage der Strafe und der Grenze menschlicher Eingriffe. Die Zeilen zeigen, dass Menschen den Tod nicht fürchten, wenn das Leben selbst bedrückend geworden ist; und dass eine Herrschaft, die zu hart straft, ihre Wirkung verliert. Das Kapitel erinnert daran, dass es eine höhere Ordnung gibt, die über menschlichem Urteilen steht: den „Großen Schnitter“, dessen Werk kein Mensch übernehmen sollte. Wer dennoch an seiner Stelle handeln will, verletzt das Gleichmaß der Welt. Die Zeilen entfalten die laozianische Einsicht, dass Übermaß an Bestrafung weder Ordnung schafft noch Leben schützt. Das Kapitel lädt dazu ein, Respekt vor den Grenzen des Menschlichen zu bewahren und nicht in Bereiche vorzudringen, die nur das Dào tragen kann.

 Die poetische Fassung bringt diese stille Warnung vor Übergriff und Strenge mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Die Verse über den Großen Schnitter sind sanft gesetzt und bewahren die laozianische Tiefe ohne Schwere. Besonders gelungen ist die Darstellung der Grenze, an der menschliches Tun enden muss: Die poetische Sprache lässt spüren, dass nicht alles menschlicher Entscheidung unterliegt. Die Umsetzung vermeidet jede moralische Schärfe und folgt dem weiten, gelassenen Atem des Originals. Die Bilder von Tod, Maß und kosmischer Ordnung entfalten sich transparent und tragen die stille Würde des Kapitels. Die Fassung hält die Balance zwischen Ernst und Sanftheit.

 Kapitel 74 zeigt, dass Strenge ohne Maß das Leben nicht schützt, sondern verhärtet. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und erinnert daran, dass Weisheit im Erkennen der eigenen Grenzen liegt. Sie lässt erkennen, dass das Dào dort wirkt, wo man nicht eingreift – und dass der Respekt vor dem Unverfügbaren die Grundlage jeder Ordnung ist.

 

75 - Steuerrevolten

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

民之饑以其上食稅之多,是以饑。

mín zhī qí yǐ qí shàng shí shuì zhī duō ,shì yǐ qí 。

民之難治以其上之有為,是以難治。

mín zhī nán zhì yǐ qí shàng zhī yǒu wéi ,shì yǐ nán zhì 。

民之輕死以其求生之厚,是以輕死。

mín zhī qīng sǐ yǐ qí qiú shēng zhī hòu ,shì yǐ qīng sǐ 。

夫唯無以生為者,是賢於貴生。

fū wéi wú yǐ shēng wéi zhě ,shì xián yú guì shēng 。

 

75

Steuerrevolten

 

Es darbt das Volk, da seine Herrn
verschlingen viele Steuern gern ...

drum darbt das Volk, so schwer zu leiten,

derweil nun seine Obrigkeiten
behandeln 
es und greifen ein 

so wird es schwer zu leiten sein.

 

Es nimmt den Tod das Volk zu leicht:

da ihr Bestreben nur gereicht
nach Überfülle 
für ihr Leben 

den Tod zu leicht zu nehmen eben.

denn jene nur, die nicht erstreben,
zu überschätzen bloß ihr
 Leben,

sind würdiger als jene eben,
die preisen überspitzt da
s Leben.

 

[

 

 Kapitel 75 beschreibt, warum das Volk leidet, und führt die Ursache nicht auf das Leben selbst, sondern auf das Übermaß der Herrschenden zurück. Die Zeilen zeigen, dass hohe Abgaben das Volk schwächen, dass Überregulierung es erschöpft und dass diejenigen, die das Leben zu sehr festhalten wollen, es gerade dadurch zerstören. Das Kapitel entfaltet die laozianische Einsicht, dass die Menschen von Natur aus nicht aufbegehren – sie tun es erst, wenn ihnen die Last unerträglich wird. Die Zeilen laden dazu ein, Führung als Dienst und nicht als Zugriff zu verstehen. Wer im Maß bleibt, ermöglicht dem Volk, frei zu leben; wer es bedrängt, verliert es. Das Kapitel schließt mit der Warnung, dass übermäßige Lebensgier die Wurzel des Todes ist.

 Die poetische Fassung bringt diese ruhige politische Klarheit mit feiner Sanftheit zur Sprache. Die Verse über Last und Maß sind transparent gesetzt und bewahren den laozianischen Ton. Besonders gelungen ist die Darstellung der Übergriffigkeit als Ursache des Aufruhrs: Die poetische Sprache macht spürbar, dass das Volk nicht aus Trotz, sondern aus Not handelt. Die Umsetzung vermeidet jede Anklage und folgt dem gelassenen Atem des Originals. Die Bilder von Gier, Erschöpfung und frei fließendem Leben entfalten sich leicht und tragen die stille Weisheit des Kapitels. Die Fassung zeigt, wie eng Leben und Maß miteinander verbunden sind.

 Kapitel 75 zeigt, dass das Dào dort wirkt, wo Führung nicht bedrückt und das Leben nicht ergriffen wird. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit ruhiger Eleganz und erinnert daran, dass Leichtigkeit nur entsteht, wenn man nicht festhält. Sie lässt erkennen, dass die wahre Kunst des Regierens im Lassen liegt – und dass das Übermaß, selbst im Namen des Lebens, das Leben zerstört.

 

76 - Zarte Kräfte

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

人之生也柔弱,其死也堅強。

rén zhī shēng yě róu ruò qí sǐ yě jiān qiáng 

草木之生也柔脆,其死也枯槁。

cǎo mù zhī shēng yě róu cuì qí sǐ yě kū gǎo 

故堅強者死之徒,柔弱者生之徒。

gù jiān qiáng zhě sǐ zhī tú róu ruò zhě shēng zhī tú 

是以兵強則滅,木強則折。

shì yǐ bīng qiáng zé miè mù qiáng zé shé 

強大處下,柔弱處上。

qiáng dà chù xià ,róu ruò chù shàng 。

 

76

Zarte Kräfte

 

Der Mensch: geboren weich und zart,

sein Sterben aber starr und hart.

Sind alle Wesen, Gras und Baum,
einst
 weich und zart geboren kaum,

stirbt welk-verdorrt schon jener Flaum.

Drum: HärteStarrheit sie bewährten
sich als des Todes Weggefährten,

gilt Weichheit und gilt Schwäche weiter
als allen Lebens Wegbegleiter.

 

Drum wissen unbeugsame Waffen
dann keine Siege zu verschaffen,

Der starre Baum zerbricht zu Teilen ...

wie Starr und Groß nach unten eilen,

so oben Weich und Schwach verweilen.

 

[

 

 Kapitel 76 stellt die Weichheit des Lebens der Härte des Todes gegenüber. Die Zeilen zeigen, dass der Mensch bei der Geburt zart und biegsam ist, im Tod jedoch hart und starr. Was lebt, bleibt flexibel; was stirbt, erstarrt. Das Kapitel entfaltet die laozianische Einsicht, dass Weichheit nicht Schwäche bedeutet, sondern die eigentliche Kraft des Lebendigen. Bäume und Pflanzen sind im Wachstum weich, im Vergehen trocken – ebenso der Mensch. Die Zeilen laden dazu ein, das Starre zu meiden und dem Beweglichen zu vertrauen. Wer hart wird, bricht; wer weich bleibt, hält stand. Das Kapitel weist darauf hin, dass Herrscher, die sich verhärten, untergehen, und dass Heere, die starr sind, verlieren. Das Dào ist die Kraft der Biegsamkeit, nicht des Widerstands.

 Die poetische Fassung bringt diese leise Anthropologie des Weichen mit klarer Sanftheit zur Sprache. Die Verse über Geburt und Tod sind fein gesetzt und bewahren die geschmeidige Logik des Originals. Besonders gelungen ist die Darstellung der Weichheit als Form von Stärke: Die poetische Sprache lässt spüren, dass das Leben sich durch Nachgeben erhält. Die Umsetzung vermeidet jede schwere Symbolik und folgt dem transparenten Rhythmus des Kapitels. Die Bilder von Pflanze, Mensch und Herrschaft entfalten sich ohne Gewicht und tragen die ruhige Einsicht, dass das Bewegliche bleibt. Die Fassung hält die laozianische Weite und zeigt, wie die Welt sich im Wandel trägt.

 Kapitel 76 zeigt, dass Leben in der Biegsamkeit liegt und Tod in der Starrheit. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und erinnert daran, dass das Dào im Weichen wirkt. Sie lässt erkennen, dass Stärke nicht im Härterwerden liegt, sondern im Offenbleiben – und dass die Welt demjenigen Raum gibt, der sich nicht verhärtet.

 

77 - Der Weg der Natur

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

天之道其猶張弓與。

tiān zhī dào qí yóu zhāng gōng yǔ 。

高者抑之,下者舉之。

gāo zhě yì zhī ,xià zhě jǔ zhī 。

有餘者損之,不足者補之。

yǒu yú zhě sǔn zhī ,bú zú zhě bǔ zhī 。

天之道,損有餘而補不足。

tiān zhī dào ,sǔn yǒu yú ér bǔ bú zú 。

人之道,則不然,損不足以奉有餘。

rén zhī dào ,zé bú rán ,sǔn bú zú yǐ fèng yǒu yú 。

孰能有餘以奉天下,唯有道者。

shú néng yǒu yú yǐ fèng tiān xià ,wéi yǒu dào zhě 。

是以聖人為而不恃,功成而不處。

shì yǐ shèng rén wéi ér bú shì ,gōng chéng ér bú chù 。

其不欲見賢邪!

qí bú yù jiàn xián xié !

 

77

Der Weg der Natur

 

Des Himmels Weg  ist wie bezogen,
nicht wahr? ...
auf den gespannten Bogen:

Denn alles Hohe drückt er nieder,

das Niedrige erhebt er wieder;

was Überfluss hat, das begrenzt er,

das Ungenügende ergänzt er.

 

Des Himmels Weg – zu viel begrenzt er,

doch Ungenügendes ergänzt er.

 

Nicht so des Menschen Weg hingegen:

er mindert, was schon unterlegen,
hat Überfluss zu bieten doch.

Wer Überfluss wohl haben kann,
der Welt ihn
 darzubieten dann?

Doch nur, besitzt man Dào noch.

 

Von daher wirken Weise eben,
ganz ohne Anspruch
 zu erheben,

die Werke, die vollenden sie –
doch 
sie verweilen dabei
 nie,

sie möchten keinesfalls vermeinen,
selbst überlegen zu erscheinen.

 

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 Kapitel 77 beschreibt das Wirken des Himmels durch das Bild eines Bogens: Das Hohe wird gesenkt, das Niedrige gehoben; das Übermaß wird gemindert, das Fehlende ergänzt. Die Zeilen zeigen, dass die himmlische Ordnung von Ausgleich lebt, nicht von Anhäufung. Der Mensch jedoch handelt oft entgegengesetzt: Er nimmt den Bedürftigen und gibt den Reichen, er fördert das Vollere und vernachlässigt das Leere. Das Kapitel entfaltet die laozianische Einsicht, dass das Dào das Gleichgewicht sucht, während der Ehrgeiz es zerstört. Der Weise greift nicht zu viel, prahlt nicht mit dem, was er tut, und überlässt die Frucht des Werkes der Welt. Die Zeilen laden dazu ein, den Ausgleich des Himmels nachzuahmen und nicht das Unmaß der Menschen.

 Die poetische Fassung bringt diese ruhige Lehre des Ausgleichs mit klarer Gelassenheit zur Sprache. Die Bilder des Bogens und der himmlischen Bewegung sind transparent gesetzt und bewahren die laozianische Weite. Besonders gelungen ist die Darstellung des Verzichts auf Anspruch: Die poetische Sprache lässt spüren, dass der Weise durch Nicht-Besitzen wirkt. Die Umsetzung vermeidet jede moralische Strenge und hält die Bilder leicht und tragend. Die Verse zeigen, wie der Ausgleich ohne Zwang geschieht, und bewahren den stillen Rhythmus des Originals. Die Fassung lässt die feine Harmonie dieses Kapitels unaufdringlich sichtbar werden.

 Kapitel 77 zeigt, dass das Dào durch Ausgleich wirkt und dass wahre Wirksamkeit im Verzicht auf Anspruch liegt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit sanfter Eleganz und erinnert daran, dass das Gleichgewicht der Welt nicht durch Anhäufung entsteht, sondern durch das Geben. Sie lässt erkennen, dass der Weise nicht nimmt, um zu haben, sondern lässt, damit die Welt sich selbst ordnen kann.

 

78 - Die Weisheit des Wassers

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

天下莫柔弱於水。

tiān xià mò róu ruò yú shuǐ 。

而攻堅強者,莫之能勝,以其無以易之。

ér gōng jiān qiáng zhě ,mò zhī néng shèng ,yǐ qí wú yǐ yì zhī 。

弱之勝強。柔之勝剛。

ruò zhī shèng qiáng 。róu zhī shèng gāng 。

天下莫不知莫能行。

tiān xià mò bú zhī mò néng háng 。

是以聖人云,受國之垢是謂社稷主。

shì yǐ shèng rén yún ,shòu guó zhī gòu shì wèi shè jì zhǔ 。

受國不祥是為天下王。

shòu guó bú xiáng shì wéi tiān xià wáng 。

正言若反。

zhèng yán ruò fǎn 。

 

78

Die Weisheit des Wassers

 

Wohl nichts ist auf der Welt so weich
wie Wasser, 
und so schwach zugleich,

greift Härte doch und Starrheit an,

nichts kann es übertreffen dann,

nichts, das ihm so entsprechen kann.

 

Wie Schwaches gegen Starkes siegt,

so Starres Weichem unterliegt.

Zwar niemand weiß das nicht weltweit –

doch keiner kann es tun derzeit.

 

Des Weisen Sprichwort so erwägt:

Wer diees Reiches Schande trägt,

er heiße 'Land-und-Kornes Herrn' ...;

So Trag' des Reiches Unglück gern:

und sei als Herr der Welt verehrt.

 

Wer Wahrheit lehrt, spricht wie verkehrt.“

 

[

 

 Kapitel 78 preist das Wasser als das weichste und zugleich stärkste aller Dinge. Die Zeilen zeigen, dass nichts nachgiebiger ist und dennoch nichts das Feste so unablässig überwindet. Das Kapitel entfaltet die laozianische Einsicht, dass das Schwache das Starke besiegt und das Weiche das Harte durchdringt – nicht durch Angriff, sondern durch Ausdauer. Wasser streitet nicht, aber es triumphiert; es sucht das Tiefe und Niedrige, wird dadurch aber zur Quelle des Lebens. Die Zeilen laden dazu ein, Härte nicht mit Stärke zu verwechseln und Nachgiebigkeit nicht mit Schwäche. Wer sich dem Wasser angleicht, wirkt, ohne zu kämpfen, und bleibt offen, ohne sich zu verlieren. Das Kapitel zeigt, dass das Dào im Untadeligen liegt, im Unscheinbaren, das dennoch alles wandelt.

 Die poetische Fassung bringt diese leise Majestät des Wassers mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Die Bilder von Weichheit und Kraft sind weit gesetzt und bewahren die laozianische Geschmeidigkeit. Besonders gelungen ist die Darstellung des Nachgebens als Form der Überlegenheit: Die poetische Sprache lässt spüren, wie das Wasser durch Beharrlichkeit gewinnt, nicht durch Stoß. Die Umsetzung vermeidet jede romantisierende Schwere und folgt dem transparenten Atem des Originals. Die Verse zeigen die paradoxe Stärke des Niedrigen und das stille Wirken des Unscheinbaren. Die Fassung hält die weite Sanftheit des Kapitels und lässt das Wasser selbst zum Lehrer werden.

 Kapitel 78 zeigt, dass das Dào in der Weichheit wohnt und dass wahre Macht im Nachgeben liegt. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und erinnert daran, dass das Weiche das Harte nicht bekämpft, sondern verwandelt. Sie lässt erkennen, dass die größte Stärke darin liegt, nicht zu widerstehen – so wie das Wasser, das alles trägt und doch von nichts zurückgehalten wird.

 

79 - Segen der Verträglichkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

和大怨必有餘怨。

hé dà yuàn bì yǒu yú yuàn 。

安可以為善。

ān kě yǐ wéi shàn 。

是以聖人執左契,而不責於人。

shì yǐ shèng rén zhí zuǒ qì ,ér bú zé yú rén 。

有德司契,無德司徹。

yǒu dé sī qì ,wú dé sī chè 。

天道無親常與善人。

tiān dào wú qīn cháng yǔ shàn rén 。

 

79

Segen der Verträglichkeit 

 

Ein großer Groll, besänftigt zwar –

ein Rest von Groll bleibt sicher da;

wie kann entsprechend jemand nun
betrachten es
 als Gutes tun?

 

Der Weise Mensch drum halten mag
die linke Seite im Vertrag,

doch einzufordern ihm nie lag.

Man hält mit Innerer Kraft Verträge,

wo ohne Kraft nur Fordern läge.

 

„Des Himmels Dào: zwar neutral,

geht mit den Guten allzumal.

 

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 Kapitel 79 betrachtet die schwierige Kunst der Versöhnung. Die Zeilen zeigen, dass selbst nach Beilegung eines Streits ein Rest von Groll zurückbleibt – und dass dieser Rest nicht durch Strafe verschwindet. Das Kapitel entfaltet die laozianische Einsicht, dass Harmonie nicht entsteht, wenn man Forderungen durchsetzt, sondern wenn man auf Ausgleich verzichtet. Wer das Dào achtet, verlangt nicht zurück, was ihm zusteht; er sammelt nicht an, was andere schulden. Himmel und Erde bevorzugen niemanden, und doch bleibt das Gute bei denen, die nicht streiten. Die Zeilen laden dazu ein, den Groll nicht zu nähren, sondern ihn durch Nachsicht zu lösen. Wahre Ausgeglichenheit entsteht dort, wo man nicht aufrechnet.

 Die poetische Fassung bringt diese leise Ethik der Versöhnung mit klarer Zurückhaltung zur Sprache. Die Verse über den bleibenden Groll sind fein gesetzt und bewahren die laozianische Gelassenheit. Besonders gelungen ist die Darstellung des Verzichts auf Forderungen als Form innerer Freiheit: Die poetische Sprache lässt spüren, dass Frieden nicht aus Gleichstand, sondern aus Großmut entsteht. Die Umsetzung vermeidet jedes moralische Gewicht und folgt dem sanften Atem des Kapitels. Die Bilder von Streit, Maß und stiller Güte entfalten sich transparent und tragen die ruhige Tiefe des Textes. Die Fassung bewahrt die Einsicht, dass Ausgleich kein Rechnen ist, sondern ein Lassen.

 Kapitel 79 zeigt, dass Versöhnung nicht im Nachtrag, sondern im Verzicht liegt. Die poetische Fassung hält diese Einsicht mit sanfter Eleganz und erinnert daran, dass das Dào nicht bevorzugt und nicht vergilt. Sie lässt erkennen, dass wahre Ruhe dort beginnt, wo man aufhört, Ansprüche zu sammeln – und dass in dieser Nachsicht die eigentliche Stärke liegt.

 

80 - Vereinfache Dein Leben!

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

小國寡民。

xiǎo guó guǎ mín 。

使有什伯之器而不用。

shǐ yǒu shí bó zhī qì ér bú yòng 。

使民重死而不遠徙。

shǐ mín zhòng sǐ ér bú yuǎn xǐ 。

雖有舟輿無所乘之。

suī yǒu zhōu yú wú suǒ chéng zhī 。

雖有甲兵無所陳之。

suī yǒu jiǎ bīng wú suǒ chén zhī 。

使民復結繩而用之。

shǐ mín fù jié shéng ér yòng zhī 。

甘其食、美其服、

gān qí shí 、měi qí fú 、

安其居、樂其俗。

ān qí jū 、lè qí sú 。

鄰國相望,雞犬之聲相聞。

lín guó xiàng wàng ,jī quǎn zhī shēng xiàng wén 。

民至老死不相往來。

mín zhì lǎo sǐ bú xiàng wǎng lái 。

 

80

Vereinfache Dein Leben!

 

Das Land sei klein, das Volk auch klein:

lasst zehn, gar hundert Rüstzeug sein,

doch nicht verwenden obendrein.

Lasst Leute ernst den Tod begreifen,

und nicht weit in die Ferne schweifen.

Ob Boot und Wagen auch zu eigen,

kein Grund sei da, sie zu besteigen,

nach Rüstung zwar und Waffen schauen,

kein Grund jedoch, sie aufzubauen.

Bringt sie zurück zu altem Brauch:
knüpft Schnüre und benutzt sie auch.

 

Die Speisen süß, hübsch kleidsam auch,

ihr Wohnen friedlich, froh ihr Brauch.

 

Jeweils den Nachbarort erschaut man,

hört jeweils Hund- und Hahnenlaut man,

zu Alter hin und Tod ergraut man,

doch auf Kontakt vermeiden baut man.

 

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 Kapitel 80 entwirft das Bild eines kleinen, genügsamen Gemeinwesens, das im Einklang mit sich selbst lebt. Die Zeilen zeigen, dass Wohlstand nicht aus Größe entsteht und Zufriedenheit nicht aus Ferne. Ein Volk braucht wenige Geräte, wenig Reiselust, wenig Ehrgeiz – nicht aus Armut, sondern aus Einfachheit. Die Menschen sollen Speere und Bögen besitzen, sie aber kaum benutzen; Schiffe und Wagen besitzen, sie aber selten besteigen. Das Kapitel entfaltet die laozianische Vision einer Welt, in der Nähe genügt und das Ferne nicht lockt. Die Menschen könnten die Rufe der Nachbarn hören und doch niemals das Bedürfnis haben, hinüberzugehen. Das Ideal liegt nicht in Isolation, sondern in innerem Frieden: Das Dào zeigt, dass Fülle dort entsteht, wo das Herz nicht streut.

 Die poetische Fassung bringt diese leise Utopie der Genügsamkeit mit ruhiger Klarheit zur Sprache. Die Verse über das kleine Reich bewahren die laozianische Sanftheit und vermeiden jede idyllische Schwere. Besonders gelungen ist die Darstellung des Besitzens ohne Gebrauch: Die poetische Sprache lässt spüren, dass es hier nicht um Verzicht geht, sondern um Freiheit von Reiz und Drang. Die Umsetzung bleibt nahe am Atem des Originals, hält die Bilder leicht und transparent und bewahrt die stille Logik des Genug-Seins. Die Vision wirkt weder weltfremd noch dogmatisch, sondern wie eine zarte Skizze dessen, was möglich wäre, wenn Menschen nicht fortwährend nach mehr greifen würden.

 Kapitel 80 zeigt, dass Frieden aus Einfachheit entsteht und dass Nähe genügt, wenn das Herz ruhig ist. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und erinnert daran, dass das Dào nicht im Großen wirkt, sondern im Maß. Sie lässt erkennen, dass wahre Fülle dort liegt, wo nichts drängt – und dass ein kleines Reich weit wird, wenn seine Menschen in sich ruhen.

 

81 - Wahre Worte

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

信言不美。美言不信。

xìn yán bú měi 。měi yán bú xìn 。

善者不辯。辯者不善。

shàn zhě bú biàn 。biàn zhě bú shàn 。

知者不博。博者不知。

zhī zhě bú bó 。bó zhě bú zhī 。

聖人不積。既以為人己愈有。

shèng rén bú jī 。jì yǐ wéi rén jǐ yù yǒu 。

既以與人己愈多。

jì yǐ yǔ rén jǐ yù duō 。

天之道利而不害。

tiān zhī dào lì ér bú hài 。

聖人之道為而不爭。

shèng rén zhī dào wéi ér bú zhēng 。

 

81

Wahre Worte

 

Wahre Worte sind nicht schön,

schöne nicht als wahr zu sehn.

 

Die Guten, sie zerreden nie,

Zerredende  nicht gut sind sie;

wer weiß, braucht nicht Gelehrtsein missen,

ein Hochgelehrter muss nicht wissen.

 

Die Weisen häufen auch nichts an:

sower für andre wirkt, alsdann
selbst umso mehr 
noch haben kann.

denn gibt man andren etwas her,
erhält man selbst dann umso mehr.

 

Des Himmels Weg nutzt schadlos weit 

des Weisen Weg wirkt ohne Streit.

 

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 Kapitel 81 beschreibt die Sprache und die Wirksamkeit des Dào als ein Spiel aus Gegensätzen, die sich gegenseitig wandeln. Die Zeilen zeigen, dass wahre Worte nicht schön sein müssen und schöne Worte nicht wahr sein müssen; dass der Weise nicht streitet und doch gewinnt; dass er gibt und doch reicher wird. Das Kapitel entfaltet die laozianische Einsicht, dass das Dào jenseits von Zierde und Berechnung wirkt. Echtheit braucht keinen Schmuck, und Fürsorge sucht keinen Lohn. Die Zeilen laden dazu ein, Güte ohne Erwartung zu üben und das Handeln vom Anspruch zu lösen. Der Himmel begünstigt, ohne zu besitzen; der Weise wirkt, ohne festzuhalten. In dieser Haltung wird das Leben weit: Es bindet nicht und wird doch gebunden; es gibt nicht nach und bleibt doch weich.

 Die poetische Fassung bringt diese stille Lehre der Gegensätze mit klarer Sanftheit zur Sprache. Die Verse über wahre und schöne Worte entfalten den Gedanken ohne Gewicht und bewahren die laozianische Schlichtheit. Besonders gelungen ist die Darstellung des Gebens, das nicht ärmer macht, und des Wirkens, das nicht festhält: Die poetische Sprache lässt spüren, wie sich das Paradox mühelos trägt. Die Umsetzung vermeidet jede moralische Härte und folgt dem transparenten Atem des Originals. Die Bilder von Himmel, Güte und stiller Wirksamkeit bleiben offen und durchlässig und bewahren die leichte Tiefe des Kapitels. Die Fassung zeigt, dass Weisheit nicht trennt, sondern wandelt.

 Kapitel 81 zeigt, dass das Dào dort wirkt, wo Worte wahr, nicht schön sein wollen, und Taten geben, ohne zu rechnen. Die poetische Fassung bewahrt diese Einsicht mit stiller Eleganz und erinnert daran, dass das sanfte Handeln das wirksamste ist. Sie lässt erkennen, dass die Welt von jenen getragen wird, die nicht beanspruchen – und dass das Dào im Uneigennützigen seine hellste Form findet.

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Quellen & Zugänge / Sources & Access:

 

# 836: Poetic Dao!

Das Daodejing von Laozi als Trilinguale Poesie:

a) Chinesisch, Deutsch.

hilmar-alquiros.de/836PoeticDao!.htm

XII 2025

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Links zu Werken des Verfassers:

File:道-order.gifPoem 3.0 Eng[

File:道-order.gifPoem 3.0 Ger[

File:道-order.gifPoetic Dao[

File:道-order.gifDao pubs[

# 837: Poetic Tao!

The Daodejing by Laozi as Trilingual Poem:

b) Chinese, English.

hilmar-alquiros.de/837PoeticTao!.htm

XII 2025

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Links to works of the author:

File:道-order.giftao-te-king.org[

File:道-order.gifCommentary[

File:道-order.gifKommentar[

File:道-order.gifTao Dao Net[

 

 

# 836:  Poem3.0Ger

The Daodejing by Laozi as Trilingual Poem: a) Chinese, German.

With perfect Rhymes, Meters and bold words corresponding to the Chinese characters (!)

XII 2025

 

# 837: Poem3.0Eng

The Daodejing by Laozi as Trilingual Poem: b) Chinese, English.

Mit perfekten Reimen, Metren und fettgedruckten Wörtern, die den chinesischen Schriftzeichen entsprechen (!)

XII 2025

 

 

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