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Hilmar Alquiros
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1.Auflage: 1992/X by Hilmar Alquiros ( h.e.)
Menschen-Mögliches
Gedichte 1965 ff.
heimlich
heimlich um die ecke kam das schweigen,
wunden brennen, mit und ohne jod -
blütenträume fallen von den zweigen,
bäume sterben sinnlos ihren tod
heimlich um die ecke kam die sehnsucht,
schmerzen, gegen die man sich nicht wehrt -
worte, die man hört und zu verstehn sucht,
alles wird erbarmungslos verkehrt
heimlich um die ecke kam das alter,
kinderaugen blicken still hinaus -
mühevoll erreicht die hand den schalter,
löscht sich so den letzten lichtblick aus ...
Simultanspiel
Man fordert mich auf sämtlichen Kanälen,
Erfahrungsräume tanzen auf und ab -
nicht zwischen Tod und Leben darf ich wählen:
nur zwischen Kurzgalopp und Dauertrab …
Man quetscht mich aus wie eine Pampelmuse,
halb spiel' ich Simultanschach, halb Roulett -
und über allem lächelt die Meduse
der Unersättlichkeit .. das nächste Brett!
menschenmögliches
menschen mögen kleine pillen,
gegen einsamkeit und kopfdruck,
marionetten wider willen -
mit gefühlen nur auf knopfdruck
menschen mögen plastikdinge
und kultur-makulatur,
angesichts der jahresringe -
viel zu spät dann auch natur
lebenslauf
kinderschreien, wiegeschaukeln
ringelreihen, märchengaukeln
schülerranzen, ballgeschick
walzertanzen, liebesglück
sommerregen, prüfungszeiten
kindersegen, ehestreiten
länderweiten, blickereigen
zeitlichkeiten, zähnezeigen
weltgedanken, weisheitstruhe
todesschranken, grabesruhe ...
ihr
ach wie stabil sind all die andern,
ich bin verwundbar und allein -
ihr seid zuhause, ich muss wandern
und euer wegbegleiter sein
mich darf ein gipfelsturm ermüden,
ihr seid so munter und so wach -
ich nur ein nordlicht, ihr der süden,
ihr seid so stark, ich bin so schwach
ihr seid so teuflisch unverfroren,
ich bin so zart und so naiv -
ihr seid zum höchsten auserkoren,
meine bestimmung liegt ganz tief
ihr schwingt den kelch und feiert feste
und habt das leben in der hand -
ihr nehmt das fleisch, ich nur die reste
und bleibe still und unerkannt
ihr tut von außen so gemeinsam,
auch wenn ihr keine einheit schafft -
ich bin im innersten so einsam
und doch voll liebe und voll kraft ...
september
nur die autoreifen
ziehen reifenstreifen
auf den spiegelwässrigen asphalt
nur die gelben lampen
und die bordsteinschlampen
glotzen stur und schwanken kalt
manche leute hoffen,
andre sind besoffen,
schniefen und krepieren bald
regenschirme triefen,
und die reflexiven
träumer träumen ihren wald ...
november
gruftig ziehen schwaden hin
voller nebelangst,
während du um deinen sinn
und dein leben bangst
ästen gleich verdorrt die hand,
mahlt das mehl der zeiten -
uferschwer in jenes land
wird es dich begleiten ...
urteil
lebenslänglich
hieß
das urteil
seit
meiner
zeugung ...
dämmerwärts
die stunde naht und schwingt mit ihren hüften,
minuten perlen mir durch mund und hand -
verführerisch in gesten und in düften,
lockt sie mich tanzend in ein fremdes land
so raubt sie mir buchstäblich meine sinne,
den atem, den verstand und auch den schmerz -
und gebe ich mich hin - als letzte zinne
begleitet mich die sehnsucht dämmerwärts ...
endzeit
erloschen dämmert der tag,
fahl ruht das licht -
die schlanken und vollen wipfel,
sie rühren sich nicht
schwer sinkt der stiefelschritt
in den morast der zeit,
bläulich-verloren schimmert am ende
die endlosigkeit ...
lebenslänglich
ich liebe, was mich hasst,
bin einsam durch zusammensein,
ein narr durch klugheit,
verbrecher aus liebe
ich höre mein urteil
mit gefesseltem herzen,
und schaue den gedankenspielen zu
sammle schuld und leid,
bitternis ohne ausweg ...
grimm
du hast die mordlust im gepäck
und eine flasche gin,
bekamst am spiegel einen schreck
und sahst keinerlei sinn
zwischen empfängern und sendern,
da schreibt so mancher mit -
du wolltest die welt verändern
und erhielst einen tritt ...
nach-ruf
du hattest dir immer das gleiche gesagt,
vom weg warst du niemals gewichen -
du hattest dich lebenslang abgeplagt,
und bist doch nur ungern verblichen
mit leidenschaften und nonchalance,
du hattest doch alles gegeben -
und hattest von anfang an keinerlei chance,
verdammt noch mal! was für ein leben ...
bleibe
du fühlst dich wieder mal als echte niete,
du bist nicht richtig krank, auch nicht gesund,
du vegetierst - und schaffst doch kaum die miete,
dein leben ... leben, gut und schön, na und?
du hattest früher mancherlei ideale,
du warst als junger mensch noch so verliebt,
du reifst heran - und siehst mit einem male:
du hast das ganze fürchterlich versiebt
und merkst: du selbst bist deine höchste hürde
und blickst dir tapfer mitten ins gesicht -
du ahnst: eins bleibt dir noch, die menschenwürde:
dein leben ist dein leben - oder nicht?
blickwinkel
außerhalb der innenwelt
existiert ganz unverkennbar
etwas, das zum leben hält,
einheitlich und unzertrennbar
innerhalb der außenwelt
wundern sich nun die subjekte,
wem wohl dieses spiel gefällt,
daß ihr geist das licht entdeckte
denn von außen wie von innen
formt der mensch sich sein gesicht -
muß sich immer neu besinnen,
was sein weg ist und was nicht ...
bodennebel
die wünsche schleichen wie durch hohle spalten,
der tag liegt zur verdunkelung bereit -
die rieselfelder voller spukgestalten,
sekunden tropfen durch das öhr der zeit
du krallst dich voller abscheu in die kissen,
die nackte existenzangst im gebein -
den schein der kerze möchtest du nicht missen,
der bodennebel hüllt die gräber ein
du siehst dich über kalte dächer wandern,
der tod hat dir ein rauhes kleid gehäkelt -
du fällst von einem abgrund in den andern,
vom schleim des daseins ewig angeekelt ...
entscheidung
malerei, gesang und dichtung
weichen sorgsam der verpflichtung,
denn ich will das gar nicht anders,
und ich muss das und ich kann das
die empfindung, dünn und leicht,
ahnt nicht, was an ihr entweicht -
oder doch? ich weiß nicht recht ...
beides wär' wohl auch nicht schlecht
leben oder rollentrance,
kind! jetzt kommt die letzte chance -
eine phase geht zuende,
menschenleben füllen bände ...
domgespenster
meine finstere innere macht,
hast du mir nicht verziehen?
auch die schatten versuchten zu fliehen
aus den fängen der nacht
all die ruchlosen morde von einst
in gestalt einer nonne,
da du schreckliche nachtschwarze sonne
mir auch tagsüber scheinst
welche flüche auch immer ich schrie,
die jahrhunderte nagen -
all den spuk muss ein mauerwerk tragen:
Notre-Dame de Paris ...
frage-zeichen
ich reiße meine augen auf
und bin doch blind -
laß meinen tränen freien lauf,
wie einst als kind
ich spüre meine lippen beben
und bin doch stumm -
ich wollte etwas weitergeben,
die zeit ist um ...
bestimmt
die dächer atmen wieder schwer und schwächlich,
nichts an den schloten deutet auf belebung -
die straßenschluchten bitten um vergebung,
doch wirkt der zeitgeist seltsam unbestechlich
das männlich-weibliche wird wieder sächlich,
sterilität als letzte große strebung -
wie zeilensprünge ohne jede hebung,
verfällt kultur stupide und gemächlich
alternativen purzeln über'nander,
weil wir längst ausweglos am ende sind -
die glut der götterdämmerung verglimmt
es schlängelt sich die zeit wie ein mäander
und findet nicht mehr aus dem labyrinth -
macht nichts! - der nächste urknall kommt bestimmt ...
alternativen
zu sein
wie der kreis,
wie das meer der stille,
wie das rötliche ufer der nacht
zu wirken
wie ein tal,
wie ein rat ohne worte,
wie die silberne hand der zeit
zu nichten
wie das fenster,
wie die sehnsucht der sprachlosen,
wie die unsichtbare spur meines weges ...
bistro
aus den ritzen steigt klebrig musik,
der garcon serviert rotwein zum zander -
wie die möbel, halb neu, halb antik,
sitzen fassungslos menschen bei'nander
aus den augen fällt einsames warten,
und sie scheinen die welt zu verdammen -
denn mit längst schon verlorenen karten,
hocken fassungslos menschen beisammen
aus den mündern quillt sabbernd die angst,
sie umströmt uns als stiller mäander -
da du schaudernd die rechnung verlangst,
kauern fassungslos menschen beinander ...
recht-sprechung
du lerntest die anpassung schätzen,
mit all ihrem schweißdrüsenmief -
und doch spürst du nun mit entetzen:
es geht alles schief
du fühlst dich so jämmerlich schlecht nun
und willst doch mit all deinen tricks
es immer und allen nur recht tun:
drum klappt ja auch nix
du magst es mit keinem verderben
und grinst wie der letzte idiot -
ein leben lang kannst du nicht sterben
und bist doch längst tot ...
spät-wehen
draußen fiel der allererste schnee,
und erinnerungen tanzen,
manchmal tun sie auch ein bißchen weh,
und dann zieht man seine schlüsse und bilanzen -
und dann hockt man da, allein,
und bestellt noch einen wein,
und die sehnsucht geht durch allerlei instanzen
draußen, durch novembernacht,
stapfen fröstelnde naturen,
hinterlassen merklich unbedacht
eine kurze zeit lang ihre spuren -
und dann blickt man seltsam drein,
sperrt sich in sich selber ein
und verspürt in keiner miene resonanzen
draußen bäumt ein tieferschrock'nes jahr
sich zu letzten stürmen auf,
türmt auf das, was einmal wahrheit war,
schneeverwehend letzte illusionen drauf -
endlich sinkt man, wie ein stein,
tief in seine wehmut ein
und verliert sich, im detail und auch im ganzen ...
oktober
zwischen ähren versteckt
und aus hälsen entrungen:
ein insekt und zwei zungen
wie von wehmut bedeckt
und von farben umschlungen,
wie perfekt und verklungen ...
suchwege
auf den straßen, in den gassen
huschen menschen zeitgeplagt -
unerkenntlich, wer zu hassen
oder wer zu lieben wagt
augen, die den blick verhüten,
wesen voller gegenwehr -
aktentaschen, einkaufstüten,
denn das schicksal lastet schwer
linke schritte, rechte schritte
spiegeln so jahrzehntelang
auf der suche nach der mitte
gleichsam den gedanken-gang
menschen, einsam und in massen,
niemand, der sich laut beklagt -
unerkenntlich, wer zu hassen
oder wer zu lieben wagt ...
umschläge
wolltest haben, hast geschwindelt,
sein genügte nicht -
erst gezögert, dann gezündelt,
schlug die existenz gebündelt
mitten ins gesicht
magst nun sein, ganz ungelogen,
ohne drogenrausch -
und verdammst in bausch und bogen
deinen alten werbeslogan
vom bewußtseinstausch
vorsicht: handeln bringt oft händel,
sein ist nie bequem -
denn noch manche last am bändel
zieht, nach dem gesetz vom pendel -
neu in ein extrem ...
warte-manöver
der tod hat so viele gesichter
und hält dich zeitlebens in trab,
dann macht er sich plötzlich zum richter,
verlöscht deine inneren lichter
und nabelt dich ab
der tod ist dem leben verderblich
und hat doch die besseren karten,
die neigung zu sterben scheint erblich,
der tod aber selbst ist unsterblich -
und du kannst nur warten ...
irr-lichter
menschen, die mehr liebe bräuchten,
als sie jemals hatten -
lichter, die von innen leuchten
in der welt der schatten
sterbende, die nicht verzagen,
machen uns betroffen,
wesen, die nach wesen fragen -
und verzweifelt hoffen ...
wenn-und-aber-song
wenn man nein sagt,
und doch ja meint
und besonders in der nacht -
sich allein plagt
und dann da weint,
wo ein andrer lieber lacht
wenn man zweifelt,
ob man ruh'n soll
und den ganzen langen tag
das verteufelt,
was man tun soll -
und es lieber lassen mag
wenn man stirbt,
statt zu begreifen
und man hat die nase voll -
und verdirbt,
anstatt zu reifen,
findet das wohl keiner toll
wenn man wartet
auf ein leben,
das mit wundern übersät ist -
und erst startet,
wenn's halt eben
für ein wunder viel zu spät ist ...
und dann zieht man,
wenn man kann dann,
endlich seine konsequenzen -
und dann liebt man
und verschiebt dann
seine festgefahr'nen grenzen ...
empfindungsbrei
von weitem schau ich meinem
entsetzen zu,
ich fühl mich ausgeliefert,
genau wie du
das messer der verzweiflung,
wie du es nennst -
erstach mein letztes hoffen
wie ein gespenst
unwiederbringlichkeiten
zerstäuben sacht,
in meinem ohr verfängt sich
das lied der nacht
ein letzter tropfen wehmut
verrinnt im nu -
von innen schnürt sich langsam
die sehnsucht zu
als letzten halt versäum ich
den todesschrei -
mein fühlen starb in schalem
empfindungsbrei
ein leben voller qualen
lag endlos brach -
mein eignes auge grinst mir
noch lange nach ...
engelszungen
und redete mit engelszungen
ein jemand, der nicht weniger
aus sich heraus ein ich war als
ich selbst und zwar von jener nacht
mit der geduld umnachteter
gestalten ohne laut und blick,
die aus sich selbst heraus die nacht
wahrnehmen als ein schwarz in schwarz
ohne den matten fall der zeit
in ungewisses warten zieh'n,
aus sich heraus als helle nacht,
als ich im innern der kontur
den stillen abgesang der nacht
mit schwarzen lippen als ein ich,
das aus sich selbst heraus und nicht
aus mir den todesschrei erfährt ...
reifen-panne
man reift dahin,
solang man lebt
und macht sich seine gedanken -
so mancher sinn,
den man erstrebt,
gerät dann später ins wanken
man reift daher,
solange man
enttäuscht das leben durchwandelt -
und nimmt's erst schwer,
so gut man kann,
bevor man dann wieder verhandelt
man reift und reift,
bevor man starb,
und wußte nie, was man wollte -
bis man begreift,
daß man verdarb,
was man doch genießen sollte ...
lülle
was man für menschlich hält,
für logisch und gewiss -
ist nicht das schlechteste
ein gähnen für die welt,
dein lächeln im gebiss -
ist nicht das echteste
pupillenunterkühlt,
dämonisch angezettelt -
halb geist, halb fisch
traumsüßlich eingelüllt,
dem schlaf noch abgebettelt -
ich ...
tiefen-wirkung
unergründlich, unbegreiflich
braust das meer in mein gemüt,
und ich spüre, wie es teuflisch
mich in seine tiefen zieht
hüllt mich schweigend-unerfindlich
ein in seinen dunklen bann -
unbegreiflich, unergründlich
rührt mich sein geheimnis an ...
maß-nahme
gleich nach dem erwachen der seltsame drang
nach ganz erhabenen dingen -
doch abends schien alles ganz ohne belang,
nichts wollte richtig gelingen
gleich nach der kritik das tiefe gespür
für alles, was da scheitert -
ein dankbarer blick durch jene tür,
die unser bewusstsein erweitert ...
nach-frage
hast du die schatten lieb genug,
den griff der nacht?
das schicksal, das dich weitertrug,
geliebt hat und mit leiden schlug,
genau bedacht?
hast du die worte wohl gewählt,
die du so liebst?
auch jene tage mitgezählt,
da dich die existenz so quält,
dass du .. vergibst?
hast du dein mütchen nun gekühlt,
wirst du nun klug?
all das vergangene aufgewühlt,
den tod lebendig nachgefühlt,
hast du - genug?
menscheinwärts
ich krampfe in mich ein
und stürze ab und unter,
ich segle sturm-seel-ein,
schnapphoffnung auf ein wunder
die zeitspirale 'ich'
raumgeifert irritiert,
ein ich, das über sich
hohnlächelnd reflektiert
ein ego strebt zu seinen
ichspieglen, stück um stück,
aus dem unendlich-meinen
da führt kein weg zurück ...
hemm-schwelle
tauben schrittes stapft die nacht,
schleppend ihren gang -
viel zu viele stunden schon
hemmten ihren drang
achtlos starb die leidenschaft
nach dem licht dahin -
dumpf verklang ein grauer ton,
der so farbig schien ...
frei-zeichen
der himmel giert
und darf auch endlich
farbe bekennen
früh-rot verziert
und unabwendlich
vorzeichen nennen
doch wie man's dreht,
die eigenen weichen
locken erheblich
der tag vergeht
und all die zeichen
waren vergeblich ...
subtil
nicht greifbar,
doch erhaben
wie nordlichter
nicht überspitzt,
doch treffend
wie gedankenblitze
nicht von sinnen,
doch sinnlich
wie mein schmerz ...
spielraum
auch nach kritischster enthüllung
knirscht die sucht nach sinnerfüllung
im getriebe
jenseits aller argumentchen
schnappt das leben sich sein quäntchen
lust und liebe ...
folter
horch wie die stille
leidet,
sich immerfort so
krümmt
jeglichen schrei
beneidet,
der nie
verstummt
entsetzen trinkt und
friert,
in ungeahnter
weise
horch wie sie
implodiert,
jenseits von
leise ...
wechsel-schritt
Du gehst nicht rückwärts und nicht vor
magst tanzen - doch Du tanzst nicht!
stehst jahrelang vor einem tor
und willst hindurch und kannst nicht ...
Du tatst so manche gute pflicht
und oft zuviel des guten,
ein zweites leben hast Du nicht,
drum solltest Du Dich sputen ...
und gleich die ersten schritte tun:
durch manches tor da drinnen -
und reifend in Dir selber ruh'n
und mit dem tanz beginnen ...
Fehlschlag-Song
Niederlagen sind das Salz
in der Suppe des Lebens -
ohne sie wär’ allenfalls
auch Erfolg vergebens ...
Misserfolge ohne Zahl,
stets die selbe Leier -
über allem kreist fatal
schon der Pleitegeier ...
Einmal sagt das Leben: Stopp!
Selbst in der Erkenntnis
für den allerletzten Flop
fehlt uns das Verständnis ...
herbst
widersprüchlich
beugen sich die äste
hin und her,
peitscht der regenwind,
reißt er das welke blatt
der berg liegt still
die lehmige fußspur sammelt
das wasser,
trüb und unklar erst
lichtet sich im nebel
mein weg ...
tunnelfahrt
landschaften ziehen leise
im schienentakt vorbei -
mir scheint, der fahrtwind reiße
die gegenwart entzwei
finstere tunnelwände
verharren ohne licht -
den weg am andren ende
erfahren wir wohl nicht
die zukunft lässt uns warten
mit zeigern ohne ziel -
am ende aller fahrten:
ein stummes rollenspiel
verfehltes hoffnungspochen,
wo urverzweiflung droht -
die gegenwart zerbrochen,
die zukunft leer und tot
wie man den weg auch wende
der schleim der zeit erstarrt -
wenn immer schon am ende
ein weiterer tunnel harrt ...
hingabe
so lass den tanz der wellen zu
und gib Dich einfach hin -
und tiefberührt erfährst auch Du
die sinnlichkeit als sinn
ein leben lang und ganz zum schluss
ein liebeslied für Dich -
gevatter tod den letzten kuss
als höhepunkt an sich ...
ohnmacht
zwischen grab und daumennuckeln
eine handvoll ehre -
arrogantes katzebuckeln,
grad, als ob nichts wäre
wird so manches nie genug,
bleibt nur die bedrängnis -
bis zum letzten atemzug
schon ab der empfängnis
selbst das zentrum des gewindes
krümmt sich nach dem sinn
und die weisheit eines kindes
dümpelt vor sich hin ...
Fragen
Die Seele zittert, bebend stellt sie Fragen
Nach Lust und Liebe und nach andren Dingen,
Zum Himmel flehen und um Antwort ringen
In Träume fliehend, sterbend an den Tagen
Ist Liebe Mut, die Schmerzen auszuhalten,
Meint Liebe Kraft, ein Wesen zu begreifen?
Distanz und Nähe leben, leidvoll reifen,
Am Ende doch noch Zweisamkeit entfalten?
Die dunklen Mächte kämpfen mit den hellen,
Der Schrei der Nacht erstirbt im Tau der Tränen
Der See der Zeit, bewacht von schwarzen Schwänen
Soll Mensch ein Urteil über Menschen fällen?
Wo Weg auch Wagnis heißt und Glück Verzicht -
Der tiefste Tunnel endet doch im Licht ...
spät-folgen
noch ist es hangeln, griff für griff,
zum meer der alternativen -
dann ist es springen, hoch vom riff:
in todesmutige tiefen
noch ist es warten, voll geduld,
die bindung einer reise -
dann ist es lösen, ohne schuld:
ganz einsam, reif und leise
noch ist es lieben, jener hauch,
den niemand ganz errät -
dann ist es sterben, tief im bauch:
und alles ist zu spät ...
trampelpfade
jedes wenn verbirgt ein aber,
aus vertrauen wird verdruss -
aus der liebe wird gelaber,
jedem anfang folgt ein schluss
doch kein aber hat allein recht,
auch verdrossenheit macht sinn -
denn besitztum ist nur scheinrecht,
jeder schluss auch neubeginn
und so trampeln wir die pfade
unsrer ungewissen zeit -
finden sterben-müssen schade,
sind zum leben nicht bereit ...
mit-leid
ohne linkes auch kein rechtes,
ohne mitte auch kein rand -
ohne gutes auch kein schlechtes,
ohne sinn auch kein verstand
mit dem anfang schon das ende,
mit den brüchen schon der kitt -
mit dem starrsinn schon die wende,
mit dem ohne schon das mit ...
heim-zahlung
le gare du nord, la salle d'attente,
fast trostloser noch: das bistro -
thé noir? ou infusion du menthe?
zum wucherpreis - so oder so ...
geräusche, die wie stimmen klangen,
zur resignation angestachelt -
das grundgesetz heißt: warteschlangen,
die mienen gefugt und gekachelt
und doch: spät abends bis zum morgen,
hockt bahnhofswelt tief in mir drin:
ich fühl' mich nirgends so geborgen -
so heimatlos, wie ich nun bin ...
vereint
ein teil ist nie ganz wahr,
auch das gegenteil ist nicht das wahre -
teil und gegenteil
sind zusammen
erst der anfang ...
eine liebe ist nie ganz selbstlos,
auch die gegenliebe nicht -
liebe und gegenliebe
sind miteinander
erst der beginn ...
eine strömung ist nie ganz ungetrübt,
auch die gegenströmung sieht nicht auf den grund -
strömung und gegenströmung
sind gemeinsam
erste die quelle ...
helltraum
ich träume manchmal wundersame träume,
so eigenartig hell und mächtig klar -
bewege mich durch zeiten und durch räume
so leicht, als ob es immer schon so war
es ist, als ob der grund von allem bricht,
das reine nichts schwebt da in schönheit hin -
vergangenheit und zukunft gibt es nicht,
nur noch die antwort auf die frage nach dem sinn ...
untergrund
rumpf an rumpf, mal holz-, mal steinkopf,
uferlos und bange,
und im großstadt-u-bahn-eintopf,
menschen von der stange
mienen, moden, marktgenesung,
prunk und pink und punk,
kommunikationsverwesung,
schweigender gestank ...
zukunftspläne
man spricht von zukunft und schon hat man angst
um rentenpläne und um mutter erde -
man warnt dich vor: damit du nicht verlangst,
dass alles wieder so wie früher werde
man spricht von zukunft und ist voller sorgen
um arbeitsplätze - oder um exporte,
die hohen tiere reden heut' schon gern von morgen,
doch ihre mimik übertüncht bloß leere worte
man spricht von zukunft wie von einer krankheit,
die's auszurotten gilt - und zu sezieren,
und fastet, um in makelloser schlankheit
zwar sinnlos, doch ästhetische zu krepieren ...
genugtuung
wann war uns der mensch noch mensch genug,
wir sind nach dem kriege geboren -
als die luft noch kz-geruch in sich trug,
er ließ uns nicht ungeschoren
wann gab uns die liebe noch liebe genug
in friedlichen zeiten und räumen -
am brunnen der sehnsucht zerbrach ein krug,
gefüllt mit den menschheitsträumen
wann lässt uns das leben zum leben genug,
warum müssen wertachsen schief sein -
gekünstelte ziele sind selbstbetrug,
das wachstum muss qualitativ sein
wann erzielt uns der weg als weg genug
warum straucheln wir, weiche für weiche -
wir sitzen doch alle im selben zug,
die endstation ist die gleiche ...
Liebesgeist
Denn die Klugheit kommt von innen,
schließt auch Reife ein, tief drinnen,
und - Vergeben ...
muss sich täglich neu besinnen,
um sich selber zu gewinnen
und - das Leben ...
Denn mit Umsicht, sanft und leise,
glückt es, dass man auf der langen Reise
heil verbliebe ...
gleich der Quadratur der Kreise,
so vereinigt man dann weise
Geist und - Liebe ...
lichtung
aus der stille
tritt ins nun:
hier dein wille,
dort dein tun
deinem handeln,
'weg des lichts',
folgt verwandeln
hin zum nichts
wegbegleitung
in der not -
vorbereitung
auf den tod
welche fülle!
überleg:
dort die stille,
hier dein weg ...
Abgesang
Welch ein Geheimnis doch das Leben ist,
Es quillt und ruft und welkt und fragt -
Und endlich ahnt man hoch betagt,
Was Geben ist ...
Welch wundersames Weltgetriebe ist
Da zwischen Dächern, Zwang und Lust -
Und nah dem Abgesang, da wird bewusst
Was Liebe ist ...
Skizze
Der Raum ist voller Wortmagie
Von edelstem Geblüt -
Hier gehe ich und irgendwie
Verwandelt sich die Welt, und sie
Greift tief in mein Gemüt ...
Die Zeit geht so seltsame Wege ...
Sie krempelt die Wirklichkeit um -
Hier sitz’ ich nun und überlege
Und komm’ mit mir selbst ins Gehege
Und werd’, statt zu schreiben, ganz stumm ...
nachtlied
wenn man liebt
und doch allein ist -
und das mitten
in der nacht
sich vergibt,
was zu verzeihn ist,
doch kein bitten
sinn noch macht
wenn man hört,
das ganze leben
sei von grund auf
illusion
ganz verstört
ahnt: macht es eben
seinen mund auf,
lügt es schon!
wenn man gerne
neu verspürte,
daß der hohn
verwunden ist
in die ferne
neu entführte,
was längst schon
verschwunden ist
wenn man segnet,
statt verteufelt,
die romanze
ehrt und schont
wege ebnet
und doch zweifelt,
ob die ganze
mühe lohnt
wunden kühlt,
wo höllenpein ist,
viel gestritten ...,
viel gelacht ...
liebe fühlt
und doch allein ist -
und das mitten
in der nacht ...
Verinnerlichung
Die Außenseele treibt und zieht
Und weiß nicht, was sie will
Doch tief im innersten Gemüt
Wär sie gern rein und still
Tief im Gebälk, da knarrt die Schuld
Als Weg mit Hindernissen
Denn fehlt der Einsamkeit Geduld
Verliert sie an Gewissen
So ungewiss seit Jahr und Tag!
Das Seelchen wird vermessen:
Möcht endlich wissen, was es mag -
Und wen! Nicht zu vergessen
Da hilft ein Ziel nur, eine Richtung
Je mehr man überlege
Verdichtung ist das Ziel der Dichtung
Und aller Lebenswege
Tief innen leuchtet still das Licht
Aus dem der Geist sich schuf
Das letzte Rätsel löst man nicht
Doch folgt man seinem Ruf ...
abgang
gib mir
eine nadel her
und noch
einen kuss
weil ich das
sekundenmeer
endlich
töten muss ...
verklärung
wie milde der kontrast!
so sanft alle ränder,
dein lächeln grau schon fast,
die farbengewänder
verschwimmen tonlos mit,
niemanden hörst du mehr
für einen herzschlag nur:
die wege sind eins,
der zauber der kontur
wirkt unglück, auch dein's -
nun würge schritt für schritt
die welt wieder her ...
ratten
ich streife durch wälder in städten
und atme ihr kunstrasengrün,
ich lausche dem sound von manhattan
und rieche die ratten verblühn
ich wache am grab der rendite
und weine am mahnmal der zeit,
ich suizidiere zur mitte -
ich bin die extreme so leid ...
winter
grau träumt der wald -
nur die berghänge atmen schwer
und der see spiegelt das nichts
fahl wartet der mond
warm und froh
schlägt mein herz
bis zuletzt noch
im takt ...
gangart
den weg gehen,
die gedanken stillen,
die gefühle entsichern,
die sehnsüchte ausklingen lassen -
den tod ernstnehmen,
das leben schlichten,
die gegensätze vereinen ...
uferlos
stimmen, die nach innen dringen,
uferloser streit -
abwehrkräfte, die gelingen,
einzeln statt zu zweit ...
blicke, die ins abseits weisen,
uferlos beschwert -
bindungskräfte, die entgleisen,
kraftlos und verzehrt ...
tasten ohne feingefühle,
uferlos entzweit -
kraftverluste im gewühle
der besessenheit ...
ahnungsvolles abschied nehmen,
uferlos entpaart -
lebenskräfte endlich zähmen
auf der letzten fahrt ...
glut-asche
wer zur lebenslüge neigt,
kann die welt nicht stützen -
wo die innre stimme schweigt,
kann kein himmel schützen
wer nicht vorher tiefer wägt,
reist auf unglücksrouten -
wo der Hass die liebe schlägt,
muss die sehnsucht bluten
wer es wie die andern macht,
wird sich selbst verlieren -
wo kein ziel mehr glut entfacht,
muss der weg erfrieren ...
Malta ...
Malta ist das jüngste Land,
das an die EU sich band:
von allen auch das südlichste,
das kleinste und ... Gemütlichste!
Die ältesten Gebäude standen
auf Malta, wie die Forscher fanden:
friedlicher Priesterinnen Brauch ...
vor (!) Stonehenge, vor Ägypten auch!
Als Handelszentrum hochgeschätzt,
war es Jahrtausende besetzt:
Phönizier schon und Römerheer
beherrschten hier das Mittelmeer.
Die Sprache klingt arabisch noch,
geschrieben wird's lateinisch doch:
den Staufern folgten die Normannen -
Kulturreichtum aus vollen Kannen!
Aragonien, Spanien - allen
schien das Juwel nun zu gefallen:
von König Alfons so genannt,
und wie auch Karl V. fand ...
Des Abendlandes Schutz verbürgen
vor den Piraten und den Türken -
das konnten dann die Johanniter
als segensreiche Ordensritter.
Napoleons Horden raubten Gold,
drum war man bald den Briten hold:
sogar im Weltkrieg, stolz und leidend,
half Maltas Widerstand entscheidend!
Schlussendlich frei an allen Küsten,
begehrt von immer mehr Touristen:
ein Tauch- und Wanderparadies -
Kultur, die man natürlich ließ ...!
rast
nicht wahr, wie verrückt sind doch jene minuten,
wo alles, was klein ist, uns seltsam erfaßt -
und wunderlich, nicht? jene wendung zum guten,
so abseits von zweck und von alltag und hast
wie mühsam der griff nach den äußeren sternen,
wie peinlich die einsicht in all den ballast -
bewusstsein, du magst wieder inhalte lernen
voll griffigkeit - und ergriffenheit fast
aus kurzen minuten erwachsen die längsten
gedanken, du reifst und du ahnst irgendwo,
dass jegliches wesen begabt ist zu ängsten,
und all die geschöpfe, sie sehnen sich so ...
winterfreude
außen nahm das leben kräfte,
innen gab es reich zurück -
alltag forderte geschäfte,
einkehr lieferte das glück
kriege ließen menschen darben,
frieden blieb ein schmaler steg -
kinder kamen, alte starben,
jeder suchte seinen weg
jahre, die wie stunden klettern,
erst im winter wird uns klar -
dass die tanne in den blättern
immer schon unsterblich war ...
patt
ginstergetüpfelt: molluskeln
inneneis
tod
leise weht
außenfrost
schmiegende muskeln
seelenkorpuskelverdreht
schmerzvoller irrklang
am werken
tod setzt uns patt
und zu spät
leben flussaufwärts zu merken
wo der
flickenmantelmann
flicken näht ...
Achtziger-Jahre ...
Wer achtzig wird, der weiß ein Lied zu singen ...
Von dem Geheimnis, das ein jeder kennt
Und doch nicht ganz begreift - vor allen Dingen,
Man kann es rein gedanklich nicht bezwingen:
Das, was man lapidar das Leben nennt ...
Wer achtzig wird, ist auch mal jung gewesen
Und hat jahrzehntelang dazu gelernt -
Die Reise zahlt man selbst, mitsamt den Spesen,
Doch kann man in Erinnerungen lesen,
Was sich als nah erwies und als entfernt ...
Wer achtzig wird, hat mancherlei ertragen,
Was dann im Rückblick unerträglich scheint -
Da wäre noch so viel dazu zu sagen,
Nun ja, man möchte sich ja nicht beklagen:
Das Schicksal hat auch vieles gut gemeint ...
Wer achtzig wird, mag noch so manche Jahre
Am Baum des Lebens pflücken - ganz getrost!
Denn in der Blütenpracht der weißen Haare
Gibt man noch gerne seine Kommentare,
Nicht wahr?! - Und nun viel Glück und ... Prost!
Lichtung
Es ist ein sanftes Licht:
Das sehend macht,
Den Schleier der Erscheinung
Mild durchbricht,
Voll Anmut und so sacht
In der Vereinung
Der Gegensätzlichkeiten
Das Wesen klärt,
Es ist ein sanftes Licht
Zum Wegbereiten,
Wenn Leben still verjährt -
Mehr weiß man nicht ...
Tao
Nur im Leid erwächst gesunde
Einsicht in das stille Glück -
Nur im Schoße einer Stunde
Überrascht ein Augenblick
Mitten zwischen Ernst und Spiel
Geht das Leben seinen Gang -
Mitten zwischen Weg und Ziel
Eint das Tao Yin und Yang ...
Flügeltüren
Die Zukünfte öffnen die Flügeltüren:
Sie laden zu tausendfachem Gang,
Lauthälsiger Hoffnung und stillem Spüren -
In planvollem Zielen und blindem Drang ...
Unendlich müssen sich Sehnsüchte gabeln
Verzweigend in endlosem Labyrinth -
Wenn irdische Nöte und himmlische Fabeln
Erstreiten, wo sinnvolle Wege sind ...
Als mysteriöse Spurenerheller
Der niemals zuvor betretenen Bahn
Beleuchten die inneren Weichensteller
Die Gratwanderung zwischen Wunsch und Wahn ...
Wie schön es doch wär', wenn halb außen, halb innen
Der Pfad der Erkenntnis einen Wegweiser hätt' -
Als Logikkalkül oder Stimme tief-drinnen
Im menschlichen Zerrspiegel-Kabinett ...
Man weiß nicht ein Quäntchen, wohin sie führen,
Und niemand, der nicht an der Unkenntnis litt!
Die Zukünfte öffnen die Flügeltüren -
Und schließen sie blitzschnell nach jedem Schritt ...
Sonett der Zeit
Ein Band, das alle Dimensionen bindet,
Ein leiser Pfeil, der jede Botschaft trägt -
Am Ende bloß den eigenen Ast zersägt
Und nebulös im Rätselhaften schwindet
Dem Weg obschon ein würdevoller Rahmen,
Den jeder Liebende stets mehr ersehnt -
Der Schwermut schaurig doch und wie gedehnt,
Schlussendlich doch das Drama aller Dramen
Ein Leben lang ein Mahnmal allen Handelns,
Genussvoll nah und unerbittlich weit,
Mal Druck und Zwang, mal voller Seligkeit -
Das Los des äußren wie des innren Wandelns,
Ein rechtes Unrecht, das zum Himmel schreit -
Ein Ozean an Unbegreiflichkeit ...
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