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Hilmar Alquiros
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1.Auflage: 1992/X by Hilmar Alquiros ( h.e.)
Achilles-Verse
Gedichte 1965 ff.
wochen
am montag fängt die woche an,
die arbeit und die sorgen -
am dienstag abend stell' ich dann
die uhr für mittwoch morgen
der donnerstag, er schleicht dahin,
ganz paradox und leise -
der freitag untergräbt den sinn
des worts in gleicher weise
der samstag kompensiert en gros,
der sonntag gilt als schontag -
entsetzt spürst du dann irgendwo
das ewige am montag ...
feedback
der mensch, der sicher auch schon dachte,
bevor er sich gedanken machte,
ließ sich vom denken nur beschenken
und dachte, ohne nachzudenken
doch ließen der gedanken mächte,
ihn überlegen, wie er dächte,
so trieben ihn des denkens grillen
zum denken um des denkens willen
bald denkt er viel und grübelt lang,
und mitten im gedankengang
dünkt ihn, daß er sich übernehme -
wozu denn solche denkprobleme?!
drum denkt er nunmehr mit bedacht
gedanken, die ihm zugedacht -
so lebt und stirbt er zweckgerichtet:
das denken hat sich selbst vernichtet ...
frauen
frauen sind vernunftbegabte wesen,
denn sie handeln nach intuition -
frauen können auch gedanken lesen,
und der vollmond ist ihr schutzpatron
frauen tragen schürzen, rühren töpfe
und erfahren mancherlei tortur -
frauen sind die weiblichsten geschöpfe
weit und breit in unserer natur
frauen sind ganz ohne parallele,
ziehen kinder groß und sterben dann -
frauen lieben geist in form von seele
und gelegentlich auch einen mann ...
mutter
da liegt sie nun wehmütig-stumm
und kümmert sich 'nen kehrricht drum,
was man ihr gab und was man nahm,
und wie die katastrophe kam,
sie dreht sich langsam und verletzt
und übergibt sich grau-entsetzt,
sie hustet, stinkt und glimmt gefährlich
und siecht dahin und leidet ehrlich,
neutronisiert sind alle werte -
laß dich begraben, mutter erde ...
umzug
kisten schleppen, hämmern, dübeln,
voll im streß und halb bedeppert -
möbelpackern nicht verübeln,
wenn auch mal geschirr zerscheppert
und am ende tausend ecken,
wo was fehlt noch - nur geduld!
umzieh'n ist kein honigschlecken,
wer was sucht, ist selber schuld
streichst du dennoch unabwendlich
letzte pünktchen von der liste -
denke dran, du kommst schlußendlich
selbst in eine umzugskiste ...
schmuddelkinder
unter der lippe
von frau dings -
trennt eine kippe
rechts von links
unter der zunge
quillt rotes blau -
ein schmuddeljunge
schmuddelt es grau
unter der lunge
brodelt galle -
unter der zunge
schmuddeln wir alle ...
Diagnose
Ich bin Deine Tante
und bin kugelrund,
ich bin immer kränklich
und nie ganz gesund
Ich hab’s an der Leber,
ich hab’s an der Gall’,
hab’s hier, hab’s da,
hab’s überall …!
1962 (!)
waldfrauenmord
eine waldfrau weint leise,
und ein hochofen schweigt -
und es schrecken die preise,
und das mordfieber steigt
und die bluthunde hecheln,
und sadismus tut gut -
und politiker lächeln,
und die erde spuckt blut
und der tod bleibt am leben,
und die welt wird ein loch -
und du willst dich übergeben,
aber mord bleibt es doch ...
regel-fall
circa achtungzwanzig tage
sind ein zyklus, geht die sage,
aber eine schöne reise
änderte die abzählweise,
ach - die regel kunterbuntert!
selbst der mond schaut ganz verwundert -
doch so mancher mensch verdankte
sich dem rhythmus, der so schwankte ...
zyklus
und immerwieder geht
der mond auf und ab
und dein auge auf und zu
und mein gedanke hin und her
und der anwalt vor gericht
und der sargdeckel zu
und das elend
von vorn los ...
tagung
auf die röcke, auf die hosen:
servietten für die saucen -
dame wartet auf ein wunder,
herr auf braten mit burgunder
thema eins, kollege zwei,
jeder schlabbert seinen brei -
wie gesagt, und obendrein,
schaun'se mal, wie hundsgemein
flattermänner, flitterdamen,
bilder ohne bild und rahmen,
wie's so geht? es läuft ... igitt -
und die zeiger laufen mit ...
arbeit
arbeit ist das glück der armen,
reichen bleibt es oft versagt -
denn sie wichen in den warmen
süden, zur safarijagd
kommen abgekämpft nach hause,
einsam schmückt ein fell die wand -
„harte arbeit!“, sagt herr krause,
vorstandsmitglied „Kies und Sand“ ...
advent
advent, advent,
ein christbaum brennt,
dann zwei, dann drei, dann vier, dann bald
ein ganzer christbaumwald
das dorf, das land, die ganze welt,
die feuerwehr kommt angeschellt,
doch - viel zu spät, der globus brennt,
der schöpfer flennt - advent, advent ...
funkverkehr
liebes ohr! wo bleibt das tönchen
kurz nach der synkopenbindung?
viele grüße, dein neurönchen,
furche berta, dritte windung
an zentrale drei strich b:
hier das linke ohr von ritschert
ton zum optischen relais
synästhetisch abgezwitschert!
übermensch
man gibt sich heut' gern clever und athletisch,
was wärst du, wenn du nicht auch trinkfest wärst?
gebrechlichkeit ist einfach unästhetisch!
der brave mann denkt an sich selbst zuerst
verletzlichkeit gilt nun als große schande,
gewissenlosigkeit als ruhmesblatt -
die weisheit der natur verläuft im sande,
der übermensch setzt nun den menschen matt ...
zeitig
heute ist heute, nur soviel steht fest,
denn morgen ist heute der gestrige rest,
noch gestern war heute als morgen zu lesen,
und morgen ist gestern was anderes gewesen
da wurde ist übermorgen betitelt,
und übermorgen als fehler bekrittelt,
weil vorgestern man es als heut' überklebte,
so gleicht, was ich gestern als gestern erlebte
dem gestern, von morgen betrachtet, genau:
bald wird mir der zeitsinn vernebelt und grau,
und gestern und heute und morgen zur plage -
die schuld trifft die relativierung der tage!
mundraub
nur, weil niemand mein verbluten kennt,
bin ich so auf portemonnaies versessen -
denn, was man so neue armut nennt,
hat schon manches loch ins herz gefressen
jäger jagen - und gejagtes fällt,
und bergrunter geht es steil und stetig -
das war immer das gesetzt der welt:
erst das überleben, dann die ethik ...
selbstkritik
ein punkt
sprang um sich selbst
und sagte: dies ist kunst
eine gerade
eierte vor vergnügen
und sagte: kunst punkt punkt
da zog der punkt
die fühler ein und übte
selbstkritik ...
juist
Joghurtbecher hinter dünen
Und die wellen duften weit,
Insel voller urlaubsmienen,
Straßen ohne autos schienen,
Traurig-schön - im meer der zeit ...
welt-bild
die zeit ist unser aller traum,
doch man versteht sie schlecht,
das gegenstück dazu - den raum -
begreift man auch nicht recht
der urknall und das fernste ende
sind uns ein schwarzes loch -
der sinn des ganzen bleibt legende,
und doch ...
lieder
liebevoll entbergen meine lieder
dein gefangensein in fragenlosigkeit -
und sie sagen dir das für und auch das wider,
daß du alles hast, nur ewig keine zeit
liebevoll entschlüsseln meine lieder
den geheimcode deiner rollensicherheit -
vor dem risiko, erkannt zu werden, flieht er,
und dann sieht der mensch so stark aus und gescheit
liebevoll entsagen meine lieder
deiner hoffnung, die belohnung steht bereit -
bleib' auch weiterhin so tüchtig und so bieder,
und erfrier' nicht an der unverfrorenheit ...
grauen
ein regime hatte ein territorium
inklusive 'nem laboratorium,
was da so geschah,
hielt niemand für wahr -
das ende hieß meist: krematorium ...
konsequenz
es schrieb ein bekannter erzähler
zuviel über irrenspitäler,
man zeigte sie ihm
ganz genau, das regime
dort, das brauchte ja niemand als wähler ...
krampf
in allen adern
ist ruh',
nach all den martern
spürest du
keinerlei kampf -
dein leben füllt bände,
da zuckt es zuende,
alles nur krampf ...
Schlusswort-Song
ob du gerne lebst oder auch nicht,
ganz allein oder lieber zu zwot -
ob du luxus magst oder verzicht:
steht am ende doch immer der tod
ob du kränklich bist oder gesund,
lieber fleisch essen magst oder brot -
ob du schlank schöner nennst oder rund:
steht am ende doch immer der tod
ob du stille liebst oder mal zoff,
oft mal außer dir bist, ob im lot -
ob du höflich bist oder mal schroff:
steht am ende doch immer der tod
ob du hosen bevorzugst, ob rock,
eher schlicht oder stets à la mode -
ob du tanzen gehst oder am stock:
steht am ende doch immer der tod
ob du weichherzig bist oder hart,
eher sanftmütig oder verroht -
lieber leidenschaftlich oder zart:
steht am ende doch immer der tod
ob du sinn für verrücktheiten zeigst,
du vernunft schätzt als höchstes gebot -
ob du schwatzsüchtig bist oder schweigst:
steht am ende doch immer der tod
ob du ehrgeizig bist oder faul,
dir erfolg oder kündigung droht -
ob du rassepferd bist oder gaul:
steht am ende doch immer der tod
ob du hitzig sein kannst oder cool,
eher blautöne magst oder rot -
ob du hetero bist oder schwul:
steht am ende doch immer der tod
ob du alkohol brauchst oder saft,
meditierst oder rauchst wie ein schlot -
ob dich stress oder müßiggang schafft:
steht am ende doch immer der tod
ob du höh'n oder tiefen durchlebst,
lieber bergmann bist oder pilot -
ob du weinst, ob auf wolken du schwebst:
steht am ende doch immer der tod
ob du edel bist, ob primitiv,
höchst genial oder mehr ein idiot -
ob konsumfreudig, ob kreativ:
steht am ende doch immer - der tod!
restauranziges
schritte dampfen durch die münder,
schlucke klirren, keim um keim -
ober, zahlen! - ungesünder,
doch bequemer als daheim
zweimal mit und einmal ohne,
inbegriffen reingewinn -
und das sado-monotone
„hat's geschmeckt?“ im rachen drin
flüchtig glattgestrich'ne seelen
gabeln sich verzweifelt hin -
fühlen magensäfte schwelen,
nur die fragen bleiben drin ...
bahnfahrt
so hock' ich als gespenst in der maschine
und stelle antiformen des gedichts her -
bewahre innen haltung, außen miene,
und wund're mich so langsam über nichts mehr
die feder in der hand, sie malt und zittert,
als ob's das alter wär' und nicht etwa die bahn -
wie schön, daß mich der vers hier nur verbittert
statt autobiographisch ein roman ...
glaubensbekenntnis
ich glaube nicht (!)
an die vernunft,
an naturgesetze,
an einen freien willen,
an die abstammungslehre,
an die liebe,
an meinen hausarzt,
an die lichter der großstadt,
an erfolg,
an buddha,
an psychoanalyse,
an mich,
an gerechtigkeit,
an einen sinn des lebens -
nur noch an
werbung ...
angebote
wußten Sie schon, es gibt jetzt
gräber mit musik,
doppelsärge auf tuchfühlung,
leichen in aspik,
mit telefon und zugspülung ...
wußten Sie schon, es gibt jetzt
menschen ohne gräber,
berührungen ohne glück,
vergiftete schweineleber -
und keinen weg zurück ...
s-o-s
die galaxien dreh'n erhaben ihre kreise,
unmerklich schwillt das weltall an und ab -
nur auf der erde produziert man ständig scheiße
und nicht zu knapp
das universum schaut dem treiben auf der erde
unendlich unbeteiligt und gelassen nach -
die aber funkte schnell noch „shit“ und „merde“,
eh' sie zerbrach ...
verkohlt
schon wieder eine achsenzeit,
schon wieder millionenheere -
ein roter knopf, einen daumen breit,
unserm globus zur letzten ehre
nur mut, ihr geister, die erde verglimmt,
keine zeit mehr, kein ernst mehr, kein scherzen,
dieser knopfdruck, er war wohl vorherbestimmt -
fünf milliarden verkohlte herzen ...
bekehrung
der mond, des mondseins überdrüssig,
juristisch wortgewandt und flüssig,
bezeugte und belehrte
dass man in paragraphen fand,
die erde sei ein mond-trabant,
kurzum: er sei die erde!
so war der erde plötzlich klar,
wie relativ ihr dasein war,
bevor man sie bekehrte ...
ungetüm
ein ungetüm, das eines tags befand,
es sei allein, und dies sei allerhand
ging auf die suche nach verlor'nen größen -
und fand sich selbst, als widerpart des bösen
der namenswechsel war recht ungestüm:
es nennt sich nun getüm statt ungetüm ...
zeitverluste
blankgeputzte seelenstiefel
stolzieren fall um fall
in ein grab
gedankengips
blättert ab
im sarg
fehlt
die
uhr
fortpflanzung
aus einem ei
pellte sich ein gleiches,
außen kalk,
innen ein ganz weiches
einerlei!
auch ein eiweißreiches
geht (ei schalk!)
den weg allen fleisches ...
wahrheit
geben sei seliger,
flüstert die intrige
der vernunft
waffen schaffen frieden,
tönt blechern
die unvernunft
jenseits von beiden
lächelt vereinsamt
die wahrheit ...
straßencafé
Rue St. Martin, à Paris,
soixante-et-un, vis-à-vis
thé, eine stunde lang -
straßenmusik mit gesang
klänge lateinamerikanisch,
text halb erotisch, halb spanisch,
stimmung lokalkolorit -
auch ein chlochard schmunzelt mit
gendarmerie zeigt verständnis,
publikum schätzt die erkenntnis,
vive la musique! c'est la vie -
Rue St. Martin, à Paris ...
bittermandeln
ein roter hals hat oft verkündet:
die mandeln haben sich entzündet -
wenn sich das elend noch erweitert,
dann sind sie obendrein vereitert
zunächst wird sich der arzt beeilen,
mit antibiotika zu heilen -
doch wiederholt sich jahr für jahr,
was anfangs ganz vereinzelt war
dann wird die sache anatomisch
zum dauerzustand, also chronisch -
besonders schlimm, nicht zu vergessen,
erlebt man mandeln mit abszessen
dann darf man sich nicht mehr genieren,
da hilft nur eines: operieren!
und sind die störenfriede draußen,
dann sind die schmerzen erst zum grausen
doch finden mittel sich und wege,
dank liebevoller krankenpflege -
am ende wirkt dann allzumalen
doch noch erlösung von den qualen
gesundheit ist ein fundament
des handelns, das man menschlich nennt -
doch kann man mit und ohne mandeln
durch höhen und durch tiefen wandeln ...
du-da
ein gott könnt' uns in seinem dasein
als kosmos schon unendlich nah sein
doch fügt die halbe menschheit zu,
er sei auch personales du
die erste lesart übernehm' ich
die zweite schein mir arg ... blasphemisch!
hinter-lassung
ewig juckt es, ewig kratzt man,
hält nicht inne und verpatzt dann
nach so manchem schönen anfang noch den rest
glaubt, dass es doch gehen müsste,
so, als ob man nicht längst wüsste,
dass das wesentliche sich nicht zwingen lässt
ewig spürt man, ist man ehrlich,
viele ziele als entbehrlich
und erkennt sich als das dümmste aller kälber
ist die mache unterlegen,
wirkt das lassen oft als segen,
all das merkt man hinterher dann ganz von selber ...
frieden
hackebeilchen kontra neuronen,
sagte der fleischer, dann schlug er zu,
schlackebäuche unter ikonen
hacken die friedensapostel im nu
geiferglocken kontra den frieden,
der apostel weiß es genau -
denn wie die gleichheit sind sie verschieden,
und darum schweigen die menschen so grau
und auch die kinder hacken die enkel,
keinerlei zukunft, die noch beseelt -
abstraktionen zwischen die schenkel,
besser, die letzte zeile hier fehlt ...
resignation
aus der sprachlichen retorte
quillt es schaurig-eminent,
denn ein dichter hustet worte,
traurig, doch auf wunsch dezent
schwarzer sinn mit weißem flitter,
dass Dein auge es erträgt -
wenn er wie ein schneegewitter
tasten der empfindung schlägt
ängstlich hüllst Du Dich in kalte
stöber des erwachens ein -
demonstrierst erneut das alte
kindische erwachsensein ...
Pipapo-Song
ich liebe und ich bin verliebt,
ich leide und bin froh,
weil's halt kein glück auf dauer gibt -
das war schon immer so
ich geistere und bin begeistert
und brenne lichterloh,
das leben hab ich nicht gemeistert -
das war schon immer so
ich schreie und ich bin verschrien
in diesem menschenzoo,
mein leben ist nur ausgeliehen -
das war schon immer so
ich trete und ich bin betreten:
die welt des tae-kwan-do ...
so mancher schlag kam ungebeten -
das war schon immer so
ich nehme und ich bin benommen,
bald zärtlich und bald roh,
die weisheit wird im alter kommen -
das war schon immer so
ich gebe und ich bin vergeben
und wohne nirgendwo,
ich stehe hautnah knapp daneben -
das war schon immer so
ich treffe und ich bin betroffen,
das ist mein status quo,
doch bin ich für die zukunft offen -
das war schon immer so
ich suche und ich bin versucht,
mal kontra und mal pro,
ich bin gesegnet und verflucht -
das war schon immer so
ich rufe und ich bin berufen,
seit ich der angst entfloh,
mein weg hat viele kleine stufen -
das war schon immer so
ich liebe und ich bin verliebt
mit allem pipapo,
weil es nichts heiligeres gibt -
das war schon immer so ...
plurale
man rühmte stets die speisen omas,
vor allem wegen der aromas
war es doch stets ein gutes omen,
rühmt man an ihnen die aromen
bewusst bis in die komata -
sind oft noch die aromata ...!
mülltonnen-ode
nur unrat bildet dein geschick,
dein wert bleibt unermeßlich -
du bist zwar plump und bist zwar dick
und obendrein noch häßlich
doch schluckst du den gemeinsten dreck
in deinen grauen bauch
und steckst es ohne klage weg -
ach, könnt' ich das doch auch ...!
wohngemeinschaft
oberhalb der unterlippe
wohnt der geist in dem gerippe
unterhalb der zahnprothesen
haust der körper, nicht das wesen
geist und körper spür'n gemeinsam:
leben ist doch schrecklich peinsam ...
tier-liebe
es waren einmal zwei giraffen,
die schleckten aus einem topf -
die gelegenheit war wie geschaffen,
sie verliebten sich: hals über kopf!
es legten einmal zwei kamele
sich schüchtern so rücken an rücken -
doch wollt' die platonische seele
von wegen der höcker nicht glücken!
es führten einmal zwei garnelen
ein leben in ehestands-dramen,
bis sie endlich, nach langen querelen,
ins gericht (eines feinschmeckers) kamen!
es waren auch einmal zwei tiger,
die kämpften um jeden preis
um 'ne tigerin: einer blieb sieger -
ob's die sache nun wert war, wer weiß!
es schien mal zwei munteren igeln
ein grundloses sticheln nicht nett -
das sollte ihr schicksal besiegeln:
sie pieksten sich lieber im bett!
es gab da zwei schmetterlinge,
die war'n ineinander verliebt -
im fluge vollbrachten sie dinge,
die's anderswo so gar nicht gibt!
es waren einmal zwei schakale
von allzuviel liebe ganz matt,
da hatten sie mit einem male -
das nächtliche 'rumstreunen satt!
es waren einmal zwei schimpansen,
die waren die einsamkeit leid -
und fingen sie wild an zu tanzen,
erblasste der wärter vor neid!
es mischten mal zwei orang-utans
ein affrodisiakum ins essen,
da war'n sie am ende des futterns
auf allerlei nachtisch versessen!
es waren einmal zwei gorillas,
die war'n ihre unschuld ganz leid -
sie lasen das werk henry millers,
da wußten sie endlich bescheid!
es lebten gemeinsam zwei ratten,
bis jeder vom andern sich trennte -
der eine verkroch sich im schatten,
schon allein wegen der alimente!
es hatten einmal zwei chinchillas
klavier zu vier händen versucht,
doch übten am ende des trillers -
sie lieber die pelztierzucht!
es waren einmal zwei kaninchen
schon lang überhaupt nicht vital mehr,
da legten sie sich vor's kaminchen -
und froren kein einziges mal mehr!
es war'n mal zwei teddybären,
die liebten sich innig und heiß,
da begannen sie sich zu vermehren -
und zwar kräftig, wie jedermann weiß!
es war'n mal zwei meerschweinchenjunge,
die wussten schon früh, wie es klappt -
drum küssten sie gern und mit zunge,
sie hatten echt (meer-)schwein gehabt!
es gönnten sich mal zwei flamingos
schlicht alles - das konnt' allerhand sein,
doch eines nicht: nur keinen ring bloß -
dazu fehlte den beiden das standbein!
es waren einmal zwei lemuren,
die kannten im lieben kein maß mehr -
und kamen sie richtig auf touren,
dann wuchs an der stelle kein gras mehr!
es waren einmal zwei gazellen,
die führten das küssen ganz schlicht aus -
auch liebten sie ungern im hellen,
drum knipsten sie immer das licht aus!
es wollten einmal zwei bazillen
klammheimlich das fremdgehen verstärken
und hofften vergeblich im stillen -
der andere würde nix merken!
es wollten einmal zwei amöben
zwecks fortpflanzung mehr nur als teilung,
doch erwies sich ihr liebesbestreben -
als evolutions-übereilung!
es wollten zwei muske-tiere(!)
nicht ewig nur fechten und hauen,
da nahmen sie ihre papiere -
und küssten von nun an die frauen!
und zwei aus der gattung der menschen,
die hatten einander sooo lieb -
sie hielten sich oft an den händchen,
wobei es dann aber nie blieb!
es waren einmal zwei delphine,
die hatten im wasser kein futter -
sie nährten sich von margarine
und fanden das völlig in butter!
es waren einmal zwei schimpansen,
denen war kaum ein haarschnitt zu schwierig -
sie trugen die strin voller fransen
und fanden das absolut tierisch!
es waren einmal zwei hyänen,
die schienen im jammern ganz groß -
sie hielten nix von langen plänen
und heulten am liebsten gleich los!
es waren mal zwei bernhardiner
von der bergwacht, so riesiger kälber -
das waren zwei alte schlawiner,
die tranken den rettungs-rum selber!
es war'n mal zwei jung-elefanten,
die klauten des zoowärters schlüssel -
da kamen zwei schimpfende tanten
und zogen sie kräftig am rüssel!
es waren einmal zwei hornissen,
die merkten: die liebe verblich -
da gaben sie sich kunstbeflissen
zum abschied noch schnell einen stich!
es waren einmal zwei moskitos,
die fanden, ein stich-kampf sei mist -
man opfere sich einem mythos ...
da wurden sie halt pazifist!
es waren einmal zwei reptilien,
die lagen gekrümmt hinterm strauch -
denn sie hatten zwei frau'n aus sizilien
samt krokodilledermantel im bauch!
schneid
die bäume zeigen vielfach das gepräge
noch jener stillen unterwürfigkeit -
fatal, weil irgendwie gedankenträge,
verkennen sie die zeichen ihrer zeit
dann kommt der forstwirt eines tages mit der säge
und metzelt sie danieder, weit und breit -
da sieht man's wieder: was sind schon verträge,
nicht demut braucht man heute, sondern ... schneid!
zwiegespräch
kennen Sie lore?
nee!
lore ist mein frau.
was macht sie?
sie liebt ihn.
wen?
na, koko.
und der genügt ihr?
ja, alles kokolores ...
selbstschuss
hinter stacheln und verhau
geistert noch ein stumpf -
ohne glieder, tonlos, grau,
ohne kopf und rumpf
ohne individuelle
freude am detailchen
fällt die letzte zitadelle -
warte nur ein weilchen ...
pauschal-reisen
reisende mit schwergepäck
schnaufen in den gängen -
schnappen sich die plätze weg,
schubsen sich und drängen
schwatzende und solche, die
in abteilen schlafen -
wie im leben gleichen sie
wölfen oder schafen
vor verschiedenen zielen schon
bangen arm und reich -
doch die letzte endstation
ist für alle gleich ...
Einklang
Am Himmel scheint ein Silberstreifen-Mond:
Wer nichts erwartet, der wird reich belohnt ...
Die Sterne leuchten über der Natur
Ganz ohne Grund: sie funkeln einfach nur!
Die Sonne strahlt uns selbstlos ins Gesicht:
Und spendet Wärme - doch sie plant es nicht ...
Die Erde schöpft die Kräfte aus dem Vollen,
Sie dreht und dreht sich - ohne es zu wollen!
Enough
Please, go on and let me rest
And I wish you all the best
Mark my words: enjoy your laughter
Ere the scythe will cut it after
Live and let live, that’s enough
And your life be full of love
Heilig-Abend-Sonett
Festtagsstimmung! Oder nicht?
Ruht die alte Sehnsucht -
Oder klärt sich, wer da wen sucht
Heut im Kerzenlicht?
Eingeschliffne Rituale
Wundern sich und hoffen -
Eben drum schlurft man betroffen
In die Abendmahle ...
Heut müsst alles anders werden:
Nicht bloß „Stille Nacht“!
Alle Jahre weint und lacht
Christus selbst auf Erden -
Heute möcht ich mit verwegnen
Tiefen Blicken Dir begegnen ...
suchmeldung
mensch sucht menschen, er sucht sie,
weiß warum, doch weiß nicht, wie -
mensch sucht menschen, sie sucht ihn,
aussichtslos, so wie es schien
beide sehn als letzte chance
suchaktionen par annonce -
hoffnungsschimmer brief auf brief,
stimmungen mal hoch, mal tief
fotos, die zuviel versprachen,
trümpfe, die dann doch nicht stachen -
knopflochnelken im café,
doch mit fistelstimme - nee!
manchmal ganz intime proben,
tag nicht vor dem abend loben -
schließlich war man lang enthaltsam,
doch die tests sind zu gewaltsam
und die illusionen schwinden:
unter chiffre nichts zu finden -
sie sucht ihn und er sucht sie,
mensch sucht menschen - aber wie ...?
Bald
Leise
rieselt der Kalk,
still der einstige Schalk,
weihnachtlich einsam und kalt:
Freu' dich, das Sterben kommt bald!
Leise
rieselt und warm
unaufhaltsam der Harn,
Knochengeklapper erschallt:
Freu' dich, das Sterben kommt bald!
Bald ist
ewige Nacht,
Lebenslust völlig verflacht,
hört nur wie hohl es schon hallt:
Freu' dich, das Sterben kommt bald!
wissbegierde
manche wissen über alles ganz genau bescheid:
könnten es beschwören, wenn es sein muss, unter eid,
denn sie respektieren die gesetze des gerichts -
wissen alles ganz genau und fühlen dabei nichts
manche wissen ständig, was für andere ganz gut wär'
nehmen nichts von ungefähr, doch irgendwo den mut her,
zeigen stets den andren den vorteil des verzichts -
wissen alles ganz genau und fühlen dabei nichts
manche wissen von natur aus besser, wo es lang geht,
gehen über leichen, wenn's um einen höh'ren rang geht,
lieben nur die schattenseiten ihres lebenslichts -
wissen alles ganz genau und fühlen dabei nichts
manche wissen sich alleine und beziehungsblind,
sichern sich die nähe derer, die genauso sind,
kapseln ihre botschaft in die maske des gesichts -
wissen alles ganz genau und wissen dennoch nichts ...
reisefieber
sommerschwüle, kofferschieben,
die gesichter leicht zerknüllt -
menschen, die das reisen lieben,
zweiter klasse, überfüllt
off'ne fenster in den gängen,
eine dicke, die gern schwätzt -
schonungsloses schubsen, drängen,
selbst der schaffner scheint verletzt
reisefieber, hitzewellen,
hosenträger ohne stil -
die aus den abteilen quellen,
manchmal ohne rechtes ziel
lesen, schlafen, schwitzen, stieren,
da man so gelangweilt ist -
menschen, die nach ferne gieren,
wo die nähe tödlich ist ...
distanz
kommunikationsprobleme
genialisch überwinden -
daß man sich nicht übernehme,
besser wohl doch gleich verschwinden!
fallen lassen, neu genießen,
freiheit heißt der trennungslohn -
schluss mit partnerschaftsverdrießen,
denn der nächste flirtet schon!
eher zur verführung beten,
als zu liebendem verzeih'n -
sehnsucht mit den füßen treten,
um nicht abhängig zu sein!
weil vertrauen nur zu trögen
symbiosenkrisen führt -
treue überwinden mögen:
schonungslos und distanziert!
haifisch-kinder
denn das leben ist ein sterben,
und es endet mit dem tod -
und dann freu'n sich all die erben,
denen bald dasselbe droht ...
denn der raum stellt niemals fragen,
weil die zeit sich selber frißt -
und so musst du es ertragen,
daß dein zeitraum sinnlos ist ...
denn das gück gibt's nur auf raten,
von den zinsen rasch ergraut -
bis der steinmetz unsre daten
auf den kalten marmor haut ...
denn die hoffnung ist das leben,
und verzweiflung ist der tod -
und so mußt du weiterstreben,
bis man dir was bessres bot ...
und der haifisch schmiedet pläne,
und er fordert dich heraus -
und auch du zeigst ihm die zähne,
doch du beißt sie dir nur aus ...
denn die duldung der misere
ist nicht folge, sondern grund -
und das recht auf etwas ehre
ist doch menschlich und gesund ...
denn ein geber wurde nehmer,
und er nahm, was er bekam -
immer nach dem gleichen schema
und das ohne jede scham ...
und der nehmer wurde geber
und er gab, was er erhielt -
und hat so - frei von der leber!
die balance neu erzielt ...
denn der krieg dient nicht dem frieden,
wer das wirklich meint, der spinnt -
doch bis heut' steht's unentschieden,
wer von beiden je gewinnt ...
und die blumen auf den wiesen
sind der liebreiz der natur -
ach, wir möchten uns genießen,
doch zerpflücken wir uns nur ...
denn wir alle suchen ständig
in der praxis harmonie -
und wir wissen tausendbändig
nur das was und nicht das wie ...
denn das herz möcht' längst verzeihen,
nur der kopf ist noch voll wut -
lässt du dich davon befreien,
tut das beiden teilen gut ...
denn wer nicht liebt, der ist einsam,
und wer liebt, ist nicht mehr frei -
und so lebt sich's doch recht peinsam,
was für'n mensch man da auch sei ...
denn die einen woll'n es zwingen,
andre dulden viel zu viel -
mit 'ner spur von beiden dingen
bleibt der mitte mehr vom spiel ...
denn wer hasst, kennt wenig liebe,
und wer liebt, kennt kaum noch hass -
daß der menschheit beides bliebe,
darauf aber ist verlass ...
und aus tagen werden nächte,
und die nächte werden tag -
und viel schöner, als man dächte,
wird die zeit, wenn man sich mag ...
denn aus nächten werden tage,
und den tagen folgt die nacht -
und die zeit wird schnell zur plage,
wenn man nichts zusammen macht ...
und die sehnsucht nach dem leben
ist das leben in person -
möchte für die liebe werben,
aber wer versteht das schon ...
Neuland
Tiefer Inhalt, edle Formen ...
manch ein Neuland will gewagt sein -
Geist und Schönheit sind die Normen,
Unsagbares will gesagt sein
Menschenleben möcht’ verweilen,
doch der Zeiger drängt und treibt -
bleibt doch zwischen allen Zeilen
nur die Wahrheit, die man schreibt ...
Déja-vu!
Dreihundertsechzig mal gepennt,
schon wieder heißt es nun „Advent“!
Da kommt auch bald – und ungelogen
Knecht Rupprecht um das Eck gebogen.
Und Nikolaus und Weihnachtsmann
schau'n sich so manches Englein an:
Hoho! Ach, all das Wunderbare,
es wiederholt sich alle Jahre …
Die Weihnachtsgammelgänse schmoren.
„… uns ist heut’ Nacht ein Kind geboren!“
Die Engel rauschen ungeheuer:
bald drei Prozent mehr Mehrwertsteuer!
Geburtstag
Wie schön, nein: wunderbar! (was red’ ich)
Wirkt eine Woche in Venedig:
Zu Land’ und Wasser stets auf Trab,
und Brücken geht’s treppauf, treppab …
Mediterran (und gar nicht schwedisch)
Wirkt eine Woche in Venedig:
Schon geht die nächste Gondel ab
(und MONEY bitte nicht zu knapp!!)
Aller Gedankenschwere ledig
Wirkt eine Woche in Venedig:
„Ob ich noch manchen Geburtstag hab’?!“
-Papperlapapp!!
Inselfreuden
Die Luft so rein, die Bronchien froh:
Genuss mit allem Pipapo -
Wie jeder auf den Dünen taumelt!
Der Körper schwingt, die Seele baumelt …
Aus ferner Heimat weht Gewinsel:
„Auch ich bin reif nun für die Insel!“
Voll Schadenfreude, unverhüllt -
Grüßt Euer H Punkt, derzeit Sylt …!
Dünentrab ...
Die Nordsee rauscht, die Möwe kichert -
drei Wochen Seeluft sind gesichert ...
Die Sonne lacht, das Herz lacht mit
(die Strandtenöre – hmh, ein Hit!)
Nach Shopping und nach Inselfahrt:
auch das Apartment – sehr apart!
Lukullus, Wellness und Idyll,
Genuss in stetem Wechselspiel ...
Sylt halt in seiner ganzen Pracht!
(es rauscht die See, die Möwe lacht)
und nach so manchem Dünentrab ...
stößt man dann auf ein Hünengrab!!
Beim Abschied bleibt kein Auge trocken:
bald wieder brav zu Hause hocken?!
Es raunt die See uns hinterher:
„Wir alle kamen aus dem Meer ...!“
Erinnerungen werden triefen
noch lang in tiefsten Seelentiefen ...
Euro-Malta
Silvester folgt den Weihnachtsklängen,
Und Malta dem Vertrag von Schengen –
Und, was sich längst als klug erweist:
Der Euro folgt Europas Geist ...
Zum ersten Tag im neuen Jahr –
Nun wird auch hier auf Malta klar:
Wo Menschen in die Einheit tanzen,
Wird Kleines zum Symbol des Ganzen!
31.12.2007
Lebenslauf
Null Jahre und ein erster Schrei:
Hurra, ich bin jetzt auch dabei!
Mit 10 sieht man am Firmament
Die Zeit, die man dann Jugend nennt.
Mit 20 ist man groß und stark -
Und nachts auch mal verliebt im Park ...
Mit 30 stapft man rastlos-rege
Und stolzgeschwellt die eignen Wege.
Mit 40 fängt man dann und wann
Am Selbstbild leicht zu kratzen an.
Mit 50, statt zu jubilieren,
Beginnt man schon zu bilanzieren.
Mit 60 muß man nichts beweisen:
Man geht in Rente und auf Reisen.
Mit 70 fühlt man froh und leise
Ein kleines bisschen sich schon weise.
Mit 80 spürt man unaufschieblich:
Das Alter wird allmählich biblisch!
Mit 90 schleicht dann obendrein
Ein Hauch von Gnade durchs Gebein.
Mit 100, fern dem Weltgetöse,
Ist jenseits man von gut und böse.
Mit 110 fragt man indessen:
Hat mich der Sensemann vergessen?!
Das Leben kann, der Tod, der muß sein ...
Drum: auch mit Reimen muß nun Schluss sein!!
Grabspruch
Unter letzten Sinnesresten
Näht ein Flickenmantelmann
Siebzehn Sinne
Irgendwer mit steifen Gesten
Nummeriert am Ende dann
Null Gewinne ...
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