Telerelatik

 

Elias Randow war ein Forschergeist, wie er im 21. Jahrhundert leider sehr selten geworden war.

Karriere interessierte ihn nicht, die Überspezialisierung seiner Kollegen vom Telerelatik-Institut widerte ihn an. Er träumte Probleme und Lösungsansätze seiner neuen Wissenschaft oft, anstatt sie bloß zu analysieren. Er spürte die fernen Zusammenhänge eher detektivisch auf, als mit Hilfe der üblichen Computer-Simulationsmethoden seiner ehrgeizigen Mitarbeiter, Während sie Dutzende von Ausdrucken mit Akribie auf Signifikanz und Valenz abklopften, ging er einen ganz anderen Weg, er hatte längst insgeheim einen Verdacht, eine nebelhafte, grausame Vision, ein ungeheures Entsetzen bergendes Paradigma seiner Wissenschaft gefunden.

 

Die Telerelatik war verhältnismäßig jung, 2023 oder 2024 musste es gewesen sein, als Chinesen und Amerikaner gleichzeitig die ersten Programme veröffentlicht hatten.

Man hatte immer häufiger verblüffende Zusammenhänge zwischen weit entfernten Kausalitätsketten gefunden, meist rein zufällig, aber um so penetranter in den Auswirkungen.

Mit immer feineren Methoden war es gelungen, Messreihen, Beobachtungen so unterschiedlicher Gebiete wie Botanik, Physik, Musik, Geschichte, Psychologie, Kommunikationswissenschaften usw. miteinander in Beziehung zu setzen. Immer wieder gelangte man zu unerklärlichen Zusammenhängen und Signifikanzen, der Zufall wurde sorgfältig ausgeschieden, ähnlich, wie es vorher in der Parapsychologie geschehen war, bis man die Konstanzhypothese für Psi überzeugend bestätigt hatte.

Elias Randow hatte in den Mediotheken gesurft und aufgespürt, was zu den Erfolgen der Telerelatik-Untersuchungen selbst diente, er hatte die Idee verfolgt, seine Wissenschaft auf sich selbst und auf sie selbst anzuwenden.

Und damit begann seine Reise in verborgene Wirklichkeiten, die niemand für möglich gehalten hatte. Nicht einmal er selbst.

 

Auffällig war, dass die Erfolge der Telerelatik zähflüssiger geworden waren, am Anfang waren sie ständig zu verzeichnen: fast jede Hypothese, die aufgestellt wurde, wurde bestätigt, jedoch ohne erkennbare Systematik; völlig unmotiviert wurden die Erfolge seltener als ob es einen telerelativen Grund dafür gab ...

Sein früheres Spezialgebiet der Primzahlenforschung brachte dann die entsetzliche Wahrheit hervor: die Erfolge waren irrsinnig exakt nach der Primzahlenreihe aufgetreten - war die chronologische Nummer des Experimentes vom allerersten, welches die Wissenschaftszentralbank aufgezeichnet hatte, bis heute in die bereits über 1.000.000 zählenden Untersuchungsserien hinein, eine Primzahl, war die Hypothese bestätigt worden, andernfalls kamen keinerlei Signifikanzen heraus. Zuerst war es belustigend, allmählich aber immer unheimlicher, mit welcher Präzision dieses heimliche Primzahlengesetz solch komplexe Vorgänge wie telerelatische Experimente vorhersagte! Offenbar, war es dabei völlig egal, wie unsinnig oder chancenreich die entsprechenden Hypothese vorher erschien ... Auch als er möglichst verrückte Hypothesen aufstellte, und sie nur zum richtigen Zeitpunkt in den Zentralcomputer einspeiste, änderte sich nichts. Er konnte so rasch ungeheure Entdeckungen machen und vorhersagen, und man wurde auf ihn aufmerksam.

 

Seine Artikel waren begehrt, gegen Ehrungen aller Art konnte er sich bald nicht wehren, sein Geheimnis aber hatte er noch niemandem anvertraut.

Es schien hinter der Primzahlenreihe nichts Mathematisches, eher etwas Kosmisches zu stecken, irgendwer narrte ihn, und der einzige Dialog war das Eingeben von unsinnigen Behauptungen, die exakt nach Primzahlenherkunft als wahr eliminiert wurden, die Wirklichkeit hatte sich scheinbar zum Sklaven der wissenschaftlichen Scharlatanerie gemacht.

Zwanzig Jahre später, bereits zur Legende avanciert, hatte er nur noch ein Ziel, seine wahre, einzige Entdeckung glaubhaft zu publizieren, doch inzwischen waren die Primzahlen immer seltener geworden, somit die Erfolge zahlenmäßig so dünn geworden, dass fast alle Zeitschriften, Instituten usw. die Telerelatik nach und nach aufgegeben hatten.

Um so erstaunlicher war es für die Fachwelt, dass sie immer noch ab und an einen Erfolg zu verzeichnen hatte.

 

Problem existentieller Art gab es nicht mehr, selbst luxuriöse Problem hatten auch bereits ihren Reiz verloren. Alles war gegangen, die Welt war eine reine Aussagenplastik geworden, alles relativierte sich ins Satirische.

Er verdächtigte sich nun selbst als Hexenmeister, als Weltpfuscher, als Beflecker der Spielregeln dieses Universums.

Er gab einen Bericht an die Forschungszentralbank ein , mit genauer Aufzeichnung aller Entdeckungen, mit der Lösung des langen Rätsels, er programmierte den Zeitpunkt auf die einzige noch verbleibende Primzahl, die in den nächsten Jahrzehnten zur Verfügung stand, und fuhr erleichtert in Richtung seines Wochenendhäuschens, um sich für die drohenden Auseinandersetzung zu stärken.

Das Multivisionsgerät seiner Flugkapsel war auf Telerelatikreport voreingestellt, jetzt sollte jeden Augenblick der Bericht über sein Entdeckungsmonster kommen ... plötzlich drückte ihn ein Stoß gegen den Boden, es schwindelte ihn, alles wurde irgendwie flüssig um ihn herum.

 

Er nannte sich Randow, sagte der Fahrer des Leichenwagens zu seinem Kollegen, war 'n großer Forscher oder so ... aber die Ermittlungen haben ergeben, dass sein Großvater aus Michigan noch RandoM hieß, das M hatten sie irgendwann in W umgeändert, weiß der Kuckuck, wieso.

Deine Wagennummer ist ziemlich verdreckt, sagte sein Kollege, sollte man wider mal sauberstrahlen.

Er richtete seinen Cleaner auf das Schild, die chemische Schmutzschicht löste sich.

Merkwürdige Nummernschilder habt ihr hier in Prignitz, murmelte er, als er einstieg; er fuhr irgendwohin los und ein erlöstes Lächeln war ihm gnädig.

Ein kleiner Junge schaute nach und entzifferte langsam: PR-IM-2357 ....

 

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© Dr. Hilmar Alquiros The Philippines 2002 ff.