Schreiben

 

Prolog

 

     Im Jahre 1968 (!) - Universität, Psychologische Bibliothek,  mit Kommilitonen:

 

      „Willst'n machen, später ...?!“

      „Bücher schreiben.“ - (Schallendes Gelächter).

      „Und worüber so ...?!“

      „Hauptsächlich über Sachgebiete ... mit ehrlicher Kompetenz.“ (Tobendes Gelächter).

 

*

     Logos

 

     25 Jahre später, nach einigen Zwischenstationen ... Kompetenzen, Krankheiten, Kettenrasseln; Studierzimmer, allein:

 

     Schreiben - das ungeschriebene Recht des Da-Seins zum … geschriebenen, verbrieften Recht machen!

      Schreiben auch als Selbstverschreibung: mich gesund schreiben, statt mich krank schreiben zu lassen, die Schreiblust zum Sprachrohr machen - besonders, da es seit Jahren im Kehlkopf wuchert, das Schicksal mir zuweilen die Sprache verschlagen hat.

      Möchte ich es vielleicht sogar als ein Mich-Bekennen auffassen? Bekenntnis ablegen vom so mühevoll Erkannten als Mahnschreiben an die eigene Adresse? Ein kurzer, aber  verräterischer Seitenblick ins Englische: to shrive bedeutet bis heute noch „die Beichte abnehmen“! Will ein geheimnisvolles Etwas in mir die ach so stumme Schuld mit doppelter Kreide schreiben? Schreiben als innere Zwiesprache: Rücksprache mit meiner zu enteignenden Wirklichkeit, letztendlich aber suche ich mehr als bloßen Ausdruck, vielmehr die An- und Fürsprache in der Begegnung mit dem Leser. Sprache als inneres Sprechen ent-schreiben, um der Sprachlosigkeit zu entgehen: Von der Einsamkeit der inneren Sprachinsel werde ich versuchen, eine Brücke zu schlagen zum Festland des Sprach-Raumes, mir dabei die gebührende Schreib-Zeit schenken.

 

     Lernen muss ich, die eigene Schreib-Kraft zu sein, zu eigenen Hauptworten zu finden und mein eigenes urpersönliches, sinnfragendes Fürwort zu werden. Unbeugsame Einsichten reflektieren in der Grammatik des Geistes.

      Die Phonetik der Seele als Lautlehre von den leisen Empfindungen ... die innere Stimme, Meister Eckharts Seelenfünklein, möchte meine unverwechselbaren Wahr-Nehmungen ausplaudern.

      Wird der Schritt von der bloßen Schreiberei zur Be-Schreibung gelingen, kann ich vom Schreiberling zum Schriftsteller gedeihen? Vermag ich mich vom „Sprachfehler der Untätigkeit“ zu befreien, hin zur Verlautbarung unvergleichlicher Sprachgetüme, kurzum: meine Wesenszüge in Schriftzüge zu verwandeln ...?

      Was noch in den Sternen geschrieben steht - es blinkt mir gleichsam als künftige „Etymologie“ der Entfaltung vor dem inneren Auge, mehr noch: als Vor-Bild meiner Verantwortung. Das zwischen den Zeilen Empfundene „erlesen“ schreiben lernen, auch darum geht es - denn wie sagt das Sprichwort: Einmal geschrieben ist so gut wie zehnmal gelesen ...

 

      Der Sinn in allem Bestreben, sich dem Geheimnis zu nähern, kann nur im fortwährenden Versuch liegen, es zu entmythologisieren, um es urbar zu machen. Neue Äcker anlegen, ohne das bisherige Feld verkümmern zu lassen; schreibend heranreifen an das end-gültige Verständnis: Reife ist Einsicht in die Notwendigkeit der Einsicht! Schrift-Zeichen will ich setzen in einer Welt, in der Verständigung noch immer kleingeschrieben wird - gegen den Hunger, für den Frieden, gegen den Krieg, für die Liebe.

      Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen?! Worüber man nicht mehr schweigen kann, darüber muss man schreiben ... Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, Schreiben ist Platin. Den Weg des Schreibens gehen, nur vom eigenen Gewissen begrenzt - sanft, aber aufdringlich, eingängig im Ton, knallhart in den Stellungnahmen. Das Zen-Koan des Schreibens lautet: schweigen, ohne zu schweigen.

      Die Sprache ist das Haus des Seins (Heidegger), ... und das Schreiben mag, so es nur glücken wird, das Stiegengeländer sein, welches uns vielleicht zur Dachterrasse geleiten wird, mit freiem Blick auf die Hängenden Gärten der Zeitlosigkeit ...

 

*

Epilog

 

     Noch ein paar Jährchen später, Vorhölle, mit den 68er-Kommilitonen:

 

      „Hast'n so gemacht, früher ...?!“ -

      „Bücher geschrieben.“ - (Schallendes Gelächter).

      „Und worüber so ...?!“ -

      „Hauptsächlich über Sachgebiete ... mit ehrlicher Kompetenz.“ (Infernalisches Gelächter).

 

©  Hilmar Alquiros

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© Dr. Hilmar Alquiros The Philippines 2002 ff.