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Flügelpferde

 

     „... und just in diesem Moment starb ich.“ Triumphierend blickte Hengstmann sein weißhaariges Gegenüber an.

     „Ich sag's ja - immer im verkehrtesten ...“

     „... genau. Als ob jemand absichtlich ...“

     „Furchtbar.“

     „Grauenhaft.“

 

     „Und danach?“ Der alte Wallacher zuckte nun ein wenig mit seinen buschigen Brauen.

     „Wälzte sie mich neben sich und nahm den Telefonhörer ...“

     „Um nach einem Arzt ...?“

     „Schlimmer.“

     „Einen anderen Mann ...?“

     „Noch schlimmer - die Bank. Sie ließ sich sofort eine detaillierte Übersicht über alle Konten und Depots ...“

     „Furchtbar.“

     „Grauenhaft.“

     „Bei mir kam es weniger, wie soll ich sagen, weniger unverhofft ...“

     „...?“ Hengstmann setzte eine betont unschuldige Miene auf.

     „Nun ja, ich war schon lange im Ruhestand, verwitwet, unfähig, noch irgendein Ziel ...“

     „Wie? Sie haben doch nicht etwa - selbst?“

     „... eigentlich mehr aus Rache.“

     „Wie Rache? Gegen den Alten?“

     „Aber ich bitte Sie, wie hätte ich, ich meine, so als Katholik ...“

     „Oh, pardon, das habe ich ja nicht wissen können. Tut mir aber sehr leid für Sie.“

     „Ja, furchtbar.“

     „Grauenhaft.“

 

     „Dank' Ihnen schön, Herr Hengstmann.“

     „Ich dachte nur, weil es ihn doch gar nicht ...“

     „Das war mir da freilich noch nicht ... bekannt.“

     „Stimmt.“

     „Nein, also die Rache ... gegen meine Pflegerin.“

     „Sie waren vermutlich in einem Altersheim?“

     „Ja, furchtbar.“

     „Grauenhaft.“

 

     „Eine richtige Zimtzicke war sie.“ Wallacher sagte das eigentlich recht entspannt daher.

     „Man kennt das ja.“

     „Jetzt hören'S auf. Sie waren ja immer versorgt, daheim bei Ihrer Frau!“

     „Ich hatte niemals eine Frau. Nein, nein - Unternehmer, immer viel unterwegs gewesen, Sie verstehen ... ich hatte eine private Pflegerin.“

     „Sie Glückspilz! An so etwas war bei meiner Künstlerrente nicht zu denken, damals - vor der Pflegeversicherung.“

     „Ach ja, andererseits, so eine private Kraft ... schraubt die Erwartungen unnötig in die Höhe, wissen Sie.“

     „Aber ich bitt' Sie, ich meine, Sie kamen sich doch sehr ... nah.“

     „Wie meinen?“

     „Nun, immerhin! Zum Beispiel Ihr besagter ... Übergang!“

     „Aber das mit dem Testament, das war halt doch ein Fehler.“

     „Sie meinen, weil sie sofort zum Hörer ...?“

     „Ja, grauenhaft.“

     „Furchtbar.“

 

     „Dennoch - Ich würde sie ab und an gerne mal wieder ...“

     „Immer noch, gell?!“ Wallacher wirkte fast ein wenig befreit.

     „Es wandelt sich ... Aber was hatte Ihre Zimtzicke Ihnen denn ...?“

     „Sie las mir jeden Wunsch von den Augen ab.“

     „Nicht gerade ein Grund zur Rache, wie?“ Hengstmann strich sich zart über sein Oberlippenbärtchen.

     „Sie quälte mich mit lauter gesundem Zeugs. Ständig hat sie mir einzureden versucht, mein Leben hätte noch einen Sinn.“

     „Hatte es denn nicht?“

     „Überhaupt nicht. Keine Freunde, keine echten meine ich, keine Kinder, die Frau lange schon ... hinübergegangen.“

     „Wurde sie auch hier ... eingewiesen?“

     „Kaum. Sie starb bei einem Unfall, gemeinsam mit Ihrem ...“

     „Grauenhaft.“

     „Ja, furchtbar.“

 

     „Und etwas Kreatives - ich mein', hätten Sie da nicht vielleicht ...?“

     „Selbstredend. Zuletzt noch hatt' ich ein viel beachtetes Buch publiziert.“

     „Ein Schriftsteller! Und da sind Sie wirklich hierher ...?“

     „Ja, sogar als ständiges Mitglied. Ich brauch' gar nicht mehr zurück.“ Wallacher kratzte sich behaglich am Rücken.

     „Aber wie haben Sie das bloß angestellt? Waren Sie als kreativer Mensch nicht viel zu ... entwicklungsfreudig, um gleich für immer ...“

     „Über den Freitod hatt' ich halt geschrieben.“

     „Teufel!“

     „Pssst!! Halten'S doch ein, bittschön. Ich mein', man kann doch nie wissen!“

     „Tschuldigung. Für oder gegen den Freitod?“

     „Natürlich für. Schon aus dem Prinzip der Freiheit, der Autarkie - wissen'S, was ich ...?“

     „Hört sich ziemlich theoretisch an - für einen Geschäftsmann wie mich.“

     Hengstmann bemühte seinen rechten Arm zur Napoleongeste, um den anderen unauffällig hinter dem Rücken verschwinden zu lassen.

     „Von wegen theoretisch! Damit hat sie mich auch immer aufgezogen, die Selbige. Aber gegeben hab' ich's ihr.“

     „Sie meinen, als Sie Ihre Ideen schließlich in die Tat umgesetzt haben?“

     „Natürlich. Das dumme Gesicht hätten'S mal sehen sollen, als sie mich fand!“

     „Grauenhaft.“

     „Furchtbar.“

 

     „Obwohl ...“, Hengstmann spielte seine Besorgtheit recht routiniert, „... werden Sie jetzt nicht auch ein bisschen zynisch?“

     „Nicht im geringsten. Gleich nach meiner Beerdigung hat sie mein Buch gekauft.“

     „Und gelesen?“

     „Sogar verstanden. Bald hernach hat sie mir dann ja überdeutlich recht gegeben!“

     „Sie ist ...?“ Hengstmanns Verblüffung sprengte jede Maske.

     „Ja, freilich. Und freiwillig! Und verabredet sind wir für - na, sagen wir, für eine halbe Ewigkeit.“

     „Für eine halbe was?“

     „Ach wissen Sie, in letzter Zeit ...“

     „Zeit?“

     „Pardon! Hier plagt mich so ein gewisses ... Ziehen, wissen'S, ganz unten  an den Flügelansätzen.“

     „Grauenhaft.“

     „Ja, furchtbar.“

 

     „Sie pflegt Sie ... immer noch?“

     „Wer?“

     „Na, Ihre Zicke, denke ich ...“

     „Ach, schauen'S, Sie ist jetzt ja auch, wie wir alle hier oben, irgendwie geläutert ...“

     „Sie meinen, mehr so ein Zicklein?“

     „Sie schwebt als Sanitäterin bei den himmlischen Heerscharen ...“

     „Ich verstehe. So eine Art geflügelte Marketenderin.“ Aber er erkannte sofort, dass sich Wallacher nicht mehr provozieren ließ.

     „Nun - immerhin hatte sie also meine Ideen verinnerlicht - und gefolgt ist sie mir. Ganz allein meinetwegen, verstehen'S?“

     „Sie sind nun der Glückspilz!“

     „Wenn Sie meinen. So, jetzt muss ich aber los. Engel soll man bekanntlich nicht warten lassen ...“

     „Sehr witzig. Dennoch: himmlische Empfindungen wünsche ich.“

 

     „Dank' Ihnen schön. Man sieht sich.“

     „Servus!“

     „Ade!“

     „... merkwürdig. Sehr merkwürdig!“ Hengstmann bemühte nun den rechten Arm zum Rücken, verzichtete jedoch auf die Bonapartehaltung.

      „Grauenhaft! Es war also keine Einbildung, dieses ewige, unbezähmbare ... Ziehen!“

     Er schritt auf einen Himmlischen Wegweiser zu. Nachdem er das Schild mit der Aufschrift „Flügelmassagen“ gefunden hatte, strich er sich genüsslich über die Schnurrhaare und stapfte munter einer schier endlosen Zukunft entgegen.

 

 

©  Hilmar Alquiros

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© Dr. Hilmar Alquiros The Philippines 2002 ff.