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Das Mädchen und der Zauberer

 

     „Woher kommst Du?“ fragte das Mädchen, während es unerschrocken die gerade begonnene Pirouette zu Ende tanzte.

     „Von da, wo es noch echten Zauber gibt“, sagte der geheimnisvolle Fremde, mit listigem Lächeln in den Augenwinkeln und einem traurigen Zug um den Mund.

     „Und wohin gehst Du?“ - Ihre nackten Zehen triumphierten scheinbar mühelos über die Schwerkraft.

     „Nach Nirgendwo und überallhin“, seufzte der alte Wanderer, „... an das Ende der Kreislinie - wenn Du das schon verstehst.“

Und er suchte vergeblich einen festen Punkt im Meer ihrer Bewegungen.

     „Und warum tust Du das?“

Ihre grazilen Arme zeichneten nun zwei vollendete Kreise, die sich beinahe berührten.

     „Nun denn, ich habe meine Reise nicht ganz frei gewählt, musst Du wissen, eher eingesehen und ...“, er räusperte sich, „...  bejaht.“

     „Ich sehne mich schon lange nach einem Ziel ...“, sagte das Mädchen, flog dabei nach rechts und links, warf dem Himmel einen flüchtigen Kuss zu und endete wiederum in einem Kreisel. „Aber es scheint, als ob ich mich nicht von der Stelle rühre!“

     „Du irrst“, schmunzelte der Alte, „... du tust das gleiche wie ich, bloß mit anderen Mitteln, wir verfolgen das gleiche Ziel auf unterschiedlichen Wegen. Getrieben von einer ähnlichen Sehnsucht opfern wir unser Leben der großen Zweieinigkeit von Raum und Zeit.“

     Das Mädchen hielt einen kurzen Augenblick inne, dann nickte es einfach und tanzte und tanzte ...

     „Aber warum zauberst Du uns nicht sofort an unser Ziel?“, rief es ihm zu, nicht in Worten, sondern in der Sprache der Elfen, in der Poesie ihrer Gesten und Schritte.

     „Ein Ziel, das erzielt werden kann, ist nicht das eigentliche Ziel“, murmelte er, „... und im Vertrauen - die innere Verzauberung kennt kein Ziel, mit anderen Worten: Es gibt kein räumliches Geheimnis, keinen Ort für unsere Sehnsüchte, keinerlei Ankunft - wohl aber die Aufhebung der Zeit.“

     Seine buschigen Brauen senkten sich über seine Lider, die alles Lächeln verloren hatten, nun aber schien der Mund von einem Saum der Heiterkeit umkränzt: „... diesen Charme der Vergänglichkeit können wir fühlen, wenn wir die Kreisbahn des Weges vollziehen oder ... die Pirouette der Unendlichkeit tanzen, wie es dir offenbar besser gefällt.“

 

     Sie glättete ihre nachdenkliche Stirn, dachte nicht mehr weiter über seine endgültigen Gedanken nach und - tanzte wieder. Sie vergaß den Zauberer und sich selbst, den Tanz ihrer Sinne und den Sinn ihres Tanzes ...

     Der Wanderer bemerkte alsbald das Fallen der Nacht nicht mehr und ihren Sternentanz, trank die Gnade des Vergessens und ging weiter seinen Weg.

     Und ganz fern von beiden vereinigten sich Raum und Zeit in der Liebe zum Sein, und das Universum tanzte seinen kosmischen Tanz, grüßte das Nichts und das Nichts verharrte in seinem großen dunklen Schweigen ...

 

©  Hilmar Alquiros

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© Dr. Hilmar Alquiros The Philippines 2002 ff.